Winterthur

Euro-Fieber bringt Lehrer und Eltern ins Rotieren

Mit dem Panini-Album ist nur das erste Fieber überstanden. Jetzt müssen sich Eltern schulpflichtiger Kinder der Diskussion stellen: Darf das 21-Uhr-Spiel geschaut werden oder nicht? Veltheimer Unterstufenlehrer raten in einem Elternbrief ab.

Vor Frust zerknüllt: Der Erstklässler ist anderer Meinung als sein Lehrer.

Vor Frust zerknüllt: Der Erstklässler ist anderer Meinung als sein Lehrer. Bild: pd

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Es ist ein vermeintlich harmloser Brief, wie er den Eltern schulpflichtiger Kinder ab und zu ins Haus flattert – vorausgesetzt, er wurde auf dem Schulweg nichtandersweitig verwendet, ist als Papierflieger im Nachbarsgarten gelandet oder als Papierschiffchen den Bach hinuntergegondelt. Das Schreiben, von dem hier die Rede ist, erreichte seinen Zielort. Wenn auch in seinem Fall arg verknüllt, so frustriert war ein Erstklässler ob des Inhalts.

Kinder aus dem Häuschen

Darum gehts: Absender ist die Schule Schachen in Veltheim. Und der Brief nimmt Bezug auf offenbar bereits sehr turbulente Monate vor der Fussball-EM. Die Schüler waren teilweise permanent im Sammelstress, weil sie ihr Album möglichst voll kriegen wollten, heisst es auf Nachfrage. Lehrer hätten ein Tauschverbot während der Stunde aufstellen müssen, um ungestört unterrichten zu können.

Weil der EM-Beginn die «Aufregung einiger Kinder noch verstärkt» hatte, wandten sich die Lehrer des Schulhauses Schachen zwei Tage vor Anpfiff des ersten Spiels an die Eltern der Unterstufenschüler. Die Aussagen im Brief wirken banal, aber sie sind mit Nachdruck formuliert. So heisst es, dass «die Kinder normal Schule haben». Das bedeute auch Hausaufgaben, welche die Kinder «sorgfältig und pünktlich erledigen müssen». Ausserdem bräuchten die Kinder «genug Schlaf, um wirklich konzentriert arbeiten zu können». Die Lehrer empfehlen deshalb, dass die 1.- bis 3.-Klässler die Fussballspiele mit Anpfiff um 21 Uhr nicht mehr schauen sollen, wenn am nächsten Tag Schule ist.

Es sei schon heftig, wie das Fussballfieber die Kinder gepackt habe, begründet Jeannine Meier, Leiterin der Schule Schachen, die Intervention. Relativiert aber: Schon bei den Panini-Bildchen habe sich gezeigt, dass alles in geordnete Bahnen zurückkehrt, wenn die Schule klare Regeln setze.

Dennoch wurden die Bedenken der Lehrerschaft kurz vor Anpfiff des ersten EM-Spiels zu gross. Denn einige Kinder sässen schon ohne EM-Spiele morgens müde in der Schulbank, sagt Meier. «Wir sind uns bewusst, dass viele Eltern von sich aus die Regel aufstellen, dass 21-Uhr-Spiele vor Schultagen tabu sind.» Und Kinder, die sich ohne Einschränkungen bis spätabends mit Fernsehen beschäftigen könnten, seien Einzelfälle. «Wir richten auch sicher nicht den Zeigefinger auf jemand Bestimmten. Es geht uns einfach darum, dass die Kinder in der Schule nicht einschlafen und wir den Unterricht aufrechterhalten können.»

Hessen gibt nach

Die Problematik um Schlaf und Fussballbegeisterung ist freilich kein Winterthurer Phänomen. Eine progressive Antwort darauf haben die Schulleiter im deutschen Bundesland Hessen parat. Ihnen steht es frei, den Unterricht am Morgen später zu beginnen, wie die FAZ schreibt.

Ist das auch in Veltheim eine Option? Schulleiterin Meier winkt ab. «Das würde alle Eltern unter Zugzwang bringen, die nicht wollen, dass ihre Kinder den späten Match schauen», sagt sie. Ausserdem wäre das nicht realisierbar, weil die Kinder oft gleich im Anschluss an die Schule Musik- und Sportunterricht hätten.

René Schürmann, der Präsident der Kreisschulpflege Veltheim-Wülflingen, hatte bis gestern keine Kenntnis vom Elternbrief. «Aber ich unterstütze die Initiative der Lehrer voll», sagt er. Grundsätzlich liege zwar die Verantwortung bei den Eltern. «Doch es gibt sicher Eltern, die dankbar sind, weil sie sich mit dem Brief gegenüber ihren Kindern sogar besser durchsetzen können.»

Offen bleibt, warum die Uefa entschieden hat, die Abendspiele um 21 Uhr und nicht mehr wie in den Vorjahren um 20.45 Uhr anzupfeifen. Die Diskussionen mit Kindern mit Zapfenstreich um 22.30 Uhr werden dadurch nicht leichter. Aber das ist das Problem der Eltern. Die Fussballverbände haben eigene Probleme.

Erstellt: 15.06.2016, 19:53 Uhr

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