Zürich

Fehr: Hafturlaube sind wichtig

Von Tobias Kuster fehlt jede Spur. Er wird dringend verdächtigt, am Tötungsdelikt im Seefeld beteiligt gewesen zu sein. Die Justizvollzugsbehörden halten derweil eisern am System der stufenweisen Vollzugslockerungen fest.

Stelle sich im Zusammenhang mit dem Fall Seebach den Medien: Jacqueline Fehr.

Stelle sich im Zusammenhang mit dem Fall Seebach den Medien: Jacqueline Fehr. Bild: Keystone

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Wie kommt es, dass die Justizvollzugsbehörden einem Kriminellen wie Tobias Kuster überhaupt unbegleiteten Hafturlaub gewähren? Wieso schlug man nicht gleich Alarm, als er nicht rechtzeitig aus dem Urlaub zurückkehrte? Weshalb verstrich eine Woche, bis die Polizei am letzten Samstag im Nachgang zum Tötungsdelikt im Seefeld die Öffentlichkeitsfahndung startete? Solche Fragen standen dutzendweise im Raum, als Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) am Dienstagnachmittag mit ihren Chefbeamten vor die Medien trat, um Licht in den rätselhaften Mordfall zu bringen, der sich am letzten Donnerstag ereignet hatte.

Viel Licht gab es da allerdings nicht. Neue Fakten zur Tat waren nur ansatzweise erhältlich – aus ermittlungstechnischen Gründen, wie es hiess. Der Fall: Am 30. Juni fanden Passanten um 13.40 Uhr an der Altenhofstrasse im Seefeld einen schwer verletzten 43-jährigen Schweizer mit Stichwunden. Er verstarb trotz Wiederbelebungsversuchen. Später nahm die Polizei einen 25-jährigen Schweizer fest, der Verdacht auf sich zog, als er über die Bahngleise beim Bahnhof Tiefenbrunnen floh. Er sitzt in Untersuchungshaft und steht unter dringendem Tatverdacht.

Der dringende Tatverdacht gilt seit dieser Tötung auch für den 23-jährigen Kuster, den die Polizei damals schon seit Tagen auf dem Sucher hatte. Der Häftling der Strafanstalt Pöschwies war aus einem eintägigen unbegleiteten Hafturlaub vom 23. Juni nicht zurückgekehrt. In welcher Beziehung das Opfer und die mutmasslichen Täter zueinander stehen, gab Staatsanwalt Adrian Kaegi angesichts der laufenden Ermittlungen nicht preis. Unklar ist somit weiterhin, ob es sich bei dem Getöteten um ein Zufallsopfer handelt oder nicht. Eines aber machte Thomas Manhart, Leiter des Justizvollzugs, klar: Zum Zeitpunkt, als Kuster der unbegleitete Urlaub gewährt wurde, schätzte man ihn als ungefährlich ein. Als dann nach dem Tötungsdelikt auch Spuren zu Kuster führten, der noch immer vom Urlaub nicht zurück war, änderte sich das sofort. Im Mediencommuniqué vom Samstag stufte ihn die Polizei als gewaltbereit ein. Er sei möglicherweise bewaffnet.

Nur ein mittleres Kaliber

Die optimistische Einschätzung vor dem Urlaub rechtfertigte Manhart so: Kuster, der seit 2014 eine vom Obergericht verfügte fünfeinhalbjährige Strafe verbüsst, habe sich im Vollzug gut gehalten. Zweimal habe es kleine Probleme gegeben: Cannabismissbrauch und ein Handgemenge. Zwei begleitete Urlaube seien zuvor unproblematisch verlaufen. Wäre es so weitergegangen, hätte der Vater eines vierjährigen Kindes wegen guter Führung Ende 2017 vorzeitig entlassen werden können. Manhart stuft Kuster im Übrigen nicht als Schwerverbrecher ein, sondern als «mittleres Kaliber». Am Tag des Urlaubs hätte er um 21 Uhr zurück sein sollen. Eine Stunde später habe man die Polizei verständigt, die dann eine interne Fahndung eingeleitet haben soll.

«Es handelt sich um einen absoluten Ausnahmefall», betonte Justizministerin Fehr und verteidigte das System der schrittweisen Vollzugslockerungen, das seit Jahren praktiziert wird. Der Justizvollzug habe die Aufgabe, Straftäter auf das Leben nach der Strafe vorzubereiten. «Wir müssen an der schrittweisen Lockerung festhalten, auch wenn wir wissen, dass dies mit einem Risiko verbunden ist», sagte sie und fügte hinzu: «Die Leute einsperren bis am Schluss wäre ein noch viel grösseres Risiko.»

«Eine Nichtrückkehr wie in diesem Fall hat es seit Jahren nicht mehr gegeben.»Thomas Manhart,  Leiter Justizvollzug

Dass der Fall Kuster eine Ausnahme ist, illustrierte Manhart mit Zahlen: Pro Jahr würden im Kanton Zürich rund 500 Hafturlaube gewährt. In 98,5 Prozent der Fälle verlaufe alles korrekt. Nur in 1,5 Prozent komme es zu kleineren Problemen, meistens geringen Verspätungen. «Eine Nichtrückkehr wie in diesem Fall hat in den letzten Jahren nicht stattgefunden», betonte Manhart. Er könne aber nicht ausschliessen, dass im vorliegenden Fall ein Fehler passiert sei. Auf die Frage, weshalb mit der Öffentlichkeitsfahndung eine Woche zugewartet worden ist, verwies Psychiater Frank Urbaniok auf gefährliche Nebenwirkungen: Von Tätern, die sich in die Enge getrieben sehen, könne eine zusätzliche Gefahr ausgehen.

Weil es keine Hinweise auf «systemische Fehler» gebe, werde nun keine kollektive Urlaubssperre verhängt, sagte Fehr. Der Schock sitzt bei den Justizbehörden aber tief. Der Fall habe alle sensibilisiert, sagte Manhart, der von einem «enormen Druck» sprach.

Erstellt: 05.07.2016, 09:44 Uhr

Wer ist Tobias Kuster?

Jugendfreund: «Früher war Tobias der liebste Mensch»

«Am Samstag stand die Polizei bei mir vor der Türe», sagt ein ehemaliger Schulkollege von Tobias Kuster gegenüber dieser Zeitung. Zuerst habe er Kuster auf dem Fahndungsbild gar nicht erkannt. «Früher war er so ein fröhlicher und lieber Mensch. Und auf dem Foto sieht er so gefühllos aus.» Der Jugendfreund kann den Ermittlern nicht helfen: Er kenne Kuster zwar seit dem Kindergarten und habe diversen «Jugendscheiss» mit ihm gemacht, doch im Alter von 16 Jahren habe er den Kontakt abgebrochen.

Borreliose in der Kindheit

Kusters Kindheit sei bis zur ­­3. Primarklasse normal verlaufen, steht im Urteil des Zürcher Obergerichts vom 29. September 2015. Dann infizierte er sich mit der oft durch Zecken übertragenen Borreliose und erblindete fast. Als 10-Jähriger besuchte er eine Schule für Sehbehinderte, die Sehstörung konnte erfolgreich behandelt werden. Nach Kusters Darstellung führte die Borreliose zu Depressionen. Auch nach der Behandlung seien Konzentrationsschwierigkeiten und psychische Probleme geblieben.

Der Jugendfreund erinnert sich, dass Kuster bereits im Alter von 7 Jahren das erste Mal gekifft habe. «Den Joint hatte er von älteren Jugendlichen auf dem Fussballplatz.» Als 12-Jähriger sei Kuster wegen seines Kokainkonsums in eine geschlossene Klinik eingewiesen worden, um einen Entzug zu machen. «Er ist sicher zehnmal abgehauen.» Insofern verstehe er die Risikoeinschätzung des Amtes für Justizvollzug nicht.

Kuster komme aus einer wohlhabenden Familie im Zürcher Weinland, sagt der Jugendfreund. «Die Eltern wollten nur das Beste für ihre Kinder.» Der Tatverdächtige hat einen älteren Bruder und zwei jüngere Schwestern. Im Alter zwischen 12 und 15 Jahren sei Tobias Kuster für Time-out-Programme nach Ungarn und Kroatien geschickt worden. Nach seiner Rückkehr zu den Eltern beginnt er eine Schreinerlehre. Es kommt zum Lehrabbruch – auch weil er eine Jugendstrafe absitzen muss. «Er wurde arbeitslos und es folgten Zeiten mit vielen Partys und Drogen», ist im Obergerichtsurteil zu lesen.

Die Liste der Delikte von Kuster ist lang: Sie umfasst das halbe Strafgesetzbuch, unter anderem Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz, Raub und einfache Körperverletzung. Als Kuster Vater wurde, hoffte sein Jugendfreund auf Besserung. «Ich habe gedacht, dass ihn das Kind beruhigt.» Das Gegenteil war der Fall: Anfang 2015 verurteilte ihn das Bezirksgericht Winterthur wegen Freiheitsberaubung . Der Jugendfreund hätte nie gedacht, dass Kuster gewalttätig werden könnte. «Ich müsste mich zwingen, ihn trotz der schönen gemeinsamen Kindheitserinnerungen nicht mehr gern zu haben.» (maf)

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