Winterthur

Flucht in orange aus der Abstandszelle am Rosenberg

Getarnt als Strassenarbeiter schlich sich ein Mann aus dem Kapo-Stützpunkt bei der A1. Jetzt steht er vor Gericht.

Der Stützpunkt der Kapo nahe der A1: Hier können Personen auch mal ein paar Stunden festgehalten werden. Foto: Madeleine Schoder

Der Stützpunkt der Kapo nahe der A1: Hier können Personen auch mal ein paar Stunden festgehalten werden. Foto: Madeleine Schoder

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Seit Mittwochmorgen ab acht Uhr steht ein Mann aus der Region vor den Winterthurer Bezirksrichtern, der im vergangenen Juni mehrfach die Arbeit der Kantonspolizisten auf Stadtgebiet behindert hatte.

Alles begann am 21. des Monats, nachts um ein Uhr. Der Beschuldigte fiel bei einer Verkehrskontrolle auf, für eine Blut- und Urinabnahme wurde er von einem Team der Kantonspolizei ins Kantonsspital gebracht.

Dort startete er seinen ersten Fluchtversuch. Laut der Anklageschrift rannte der Mann den Polizisten vor dem Spital davon, sie holten ihn jedoch ein und konnten ihn arretieren.

Orange Verkleidung

Nach der Kontrolle kam der Mann in eine sogenannte Abstandszelle im Verkehrsstützpunkt der Kantonspolizei am Rosenberg. In diesen Zellen, die weder über eine Toilette noch über ein Bett verfügen, können Personen einige Stunden festgehalten werden.

Doch um 7.10 Uhr morgens, noch vor einer geplanten Einvernahme durch die Kantonspolizei, gelang dem Mann die Flucht aus der Zelle. Laut der Anklageschrift schlich er sich anschliessend in die Räume des kantonalen Tiefbauamts, das auf dem gleichen Areal einen Werkhof für den Nationalstrassenunterhalt betreibt.

Dort entwendete er orange «Strassenarbeiterkleidung» und verliess derart getarnt das Areal.

Hanfplantage ausgehoben

Wie es danach weiterging, geht aus der Anklageschrift nicht im Detail hervor. Der Mann dürfte jedoch spätestens vier Tage danach erneut gefasst worden sein – vom 25. Juni datiert eine weitere Verhaftung.

Ob menschliche oder technische Fehler für den Vorfall verantwortlich sind, ist nicht bekannt. Die Kantonspolizei gibt erst nach dem Prozess allfällige Antworten.

Vor Gericht muss sich der Mann wegen zahlreicher Delikte verantworten: Neben Vergehen im Strassenverkehr und Hinderungen von Amtshandlungen soll der Mann zudem in der Region illegal eine Hanfplantage betrieben haben. Diese wurde nach seiner ersten Verhaftung ausgehoben. Die Winterthurer Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von sieben Monaten und eine Geldstrafe.

Ausbruch ist kein Delikt

Die Flucht aus der Abstandszelle kommt in der Anklageschrift allerdings nicht als Delikt vor, dies hat seine Gründe: In der Schweiz und beispielsweise auch in Deutschland ist der Ausbruch aus einem Gefängnis oder einer ähnlichen Institution kein eigenständiger Rechtsbegriff und auch keine Deliktsart.

Zuletzt äusserte sich der Bundesrat im Jahr 2015 zu diesem Kuriosum und ortete keinen Handlungsbedarf. Ein allfälliges Verbot der Selbstbefreiung stehe «in Widerspruch zum anerkannten Grundsatz, wonach die Selbstbegünstigung an sich nicht strafbar ist. Dieser Gedanke prägt auch den gesamten Strafprozess und hat beispielsweise zur Folge, dass sich niemand selbst belasten muss.»

Konsequenzen gebe es ja meist ohnehin: So riskiere der Gefangene, Vollzugserleichterungen zu verlieren und nicht bedingt entlassen zu werden. Weiter habe er disziplinarische Sanktionen zu erwarten. Zudem mache er sich strafbar, wenn er beim Ausbruch etwa Personen verletzt, nötigt oder Sachen beschädigt.

Erstellt: 15.01.2020, 08:13 Uhr

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