Jugendarbeit

«Fussball ist eine Integrationsmaschine»

Edi Koller ist Juniorentrainer und betreut im Zürcher Fussballverband die Ausbildung von über 50'000 Kindern und Jugendlichen.

«Erst die Erwachsenen bringen den Kindern bei, dass Gewinnen wichtig ist»: Edi Koller beim Training mit seinen Bülacher Junioren.

«Erst die Erwachsenen bringen den Kindern bei, dass Gewinnen wichtig ist»: Edi Koller beim Training mit seinen Bülacher Junioren.

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Herr Koller, zur neuen Saison sind die Fussballvereine wieder von Kindern überrannt worden. Was macht den Sport so populär?
Edi Koller: Fussball ist einfach. Jeder kann mitmachen, auch Untalentierte, und man kann es überall spielen. Kürzlich habe ich zwei Buben auf einer Wiese gesehen, die mit Pullovern zwei Tore markiert haben. Pullis und ein Ball – mehr brauchten sie nicht.

Viele Vereine kommen an ihre Grenzen. Es gibt Wartelisten. Woran liegt das?
Teils fehlt es an der Infrastruktur, oftmals an genügend Trainern. Mit dem Projekt 1418-Coach des kantonalen Sportamts werden nun 14- bis 18-Jährige gefördert und schrittweise an die Leiterfunktion herangeführt. Die Idee: Nicht nur sportliche, auch soziale Talente sollen gefördert werden. Mehr Trainer erhoffe ich mir auch aus Elternkreisen.

Sind Eltern nicht schon genug ausgelastet mit Beruf, Kindern, schulischen Verpflichtungen?
Ich denke vielmehr, dass Eltern heute mehr am Leben ihrer Kinder teilnehmen als früher und eher bereit sind, solche Aufgaben zu übernehmen. Mein Vater arbeitete noch sechs Tage die Woche und hatte daher wenig Zeit, mit mir Fussball zu spielen.

Dennoch ist es schwierig, Eltern für Trainerjobs zu gewinnen.
Man kann nicht erwarten, dass berufstätige Mütter und Väter eine Woche lang freinehmen und sich in Filzbach zum Fussballtrainer ausbilden lassen. Die Verbände müssen sich den gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Zum Beispiel den Kurs auf mehrere Samstage aufteilen. Oder die Aufgaben auf mehr Schultern verteilen. Wenn ich weiss, dass ich das Training mit drei anderen Vätern oder Müttern teile, bin ich weniger belastet und habe erst noch mehr Spass dabei. Genauso hilfreich sind Eltern, die im Hintergrund wirken, als Kassier oder am Grillstand.

Braucht es finanzielle Anreize?
Abzüge bei den Steuern, ein Sozialbatzen, mit dem man bestimmte Leistungen beziehen kann: Das wären mögliche Anreize. Die Vereine können diese Jobs nicht entlöhnen, sie sind auf ­Ehrenamtliche angewiesen. Das müssen auch die Junioren früh lernen – und ihren Anteil leisten.

Was tun, wenn sich Eltern gar nicht für die Freizeitbeschäftigung ihres Kindes interessieren?
Man muss auf sie zugehen. Der Mutter einer meiner Junioren war anfangs absolut gleichgültig, was ihr Sohn im FC trieb. Hauptsache, sie konnte ihn abgeben. Ich habe darauf bestanden, mindestens einmal im Jahr mit ihr zu reden. Mit der Zeit hat sie sich für das Hobby ihres Sohnes interessiert.

Fussballvereinen wird eine wichtige Rolle bei der Integration zugesprochen. Zu Recht?
Beim FC Bülach haben wir Spieler aus 40 bis 50 Nationen. Fussball ist gelebte Integration, eine Integrationsmaschine. Das zeigt sich gerade bei den Kindern. Sie wollen kicken: Ob mit Türken, ­Albanern oder Schweizern, ist ­ihnen völlig egal.

Bleiben wir noch bei den Eltern. Es gibt auch die, die ihr Kind antreiben, Leistung erwarten. Wie geht ein Verein mit überambitionierten Vätern und Müttern um?
Es ist wichtig, dass Eltern über die Philosophie des Vereins informiert werden. Als Juniorentrainer beim FC Bülach organisiere ich jeweils vor der Saison einen Elternabend, spreche über unsere Regeln, über Wertschätzung, Fairness und Respekt, darüber, dass wir uns beim Training begrüssen und verabschieden, dass die Trainer Freiwillige sind, dass Schiedsrichter Menschen sind und dass wir nicht zur WM fahren.

Wegen Eltern, die Schiedsrichter beschimpfen und ins Spielgeschehen eingreifen, wurden entlang der Spielfelder Elternzonen eingeführt. Bringen die was?
Sie haben sich bewährt. Auch weil die Trainer dann weniger gestört werden und besser auf die Spieler eingehen können.

Die Zurufe seines Vaters bekommt der Junior trotzdem mit.
Für die Kinder ist das schwierig. Auf wen sollen sie hören: auf den Trainer oder den Vater? Am besten ist es ohnehin, wenn sie selber aus den Fehlern lernen können. Davon muss man die Eltern überzeugen. Und dass es dem Kind doch in erster Linie ums Spielen geht. Ein Dreijähriger spielt mit dem Ball, weil er Freude daran hat, nicht weil er gewinnen will. Erst die Erwachsenen bringen den Kindern bei, dass Gewinnen wichtig ist.

Sind Ihre Junioren nicht enttäuscht, wenn sie verlieren?
Fünf Minuten nach dem Match ist der Hotdog wichtiger als das Resultat. Es sind eher Eltern und Trainer, die Mühe mit dem Verlieren haben. Dennoch sollte man sich mit Niederlagen auseinandersetzen: dem jungen Spieler sagen, dass man nicht immer gewinnen kann, dass nun eben ein anderer auch mal jubeln darf. Natürlich sehe ich es gerne, wie sich meine Spieler über ein Tor freuen. Es macht mich aber auch glücklich, mitanzusehen, wie sie ihren Mitspieler, der gerade einen Penalty verschossen hat, in den Arm nehmen und trösten.

Kommt bei Ihnen jeder Spieler zum Einsatz, auch wenn er komplett untalentiert ist?
Ja, klar, das wird verlangt. Ab dieser Saison wird zudem bei den E- und D-Junioren das Spiel in drei Drittel unterteilt. Jeder muss mindestens während eines Drittels eingesetzt werden. Damit wird sichergestellt, dass alle Spielpraxis erhalten. Man wird nur besser, wenn man spielen kann.

Wenn Sie einen übergewichtigen Spieler im Team haben: Sagen Sie ihm, er solle abnehmen?
Grundsätzlich mische ich mich nicht in die Erziehung ein. Aber ich sage ihm vielleicht – natürlich unter vier Augen: Hey, du hast ja eine Pauke wie ich, aber ich bin 56. Oder ich rate ihm, zwischendurch mal Wasser zu trinken statt immer nur Süssgetränke.

Erwarten Sie vollen Einsatz?
Als ich selber Junior war, wurden mir im Training Medizinbälle auf die Brust geworfen, damit ich ein harter Junge werde. Damals waren die Übungen militärisch geprägt. Heute ist das natürlich nicht mehr so. Es wird auch Einsatz verlangt, aber viel mehr gespielt. Im Kinderfussball gelten die drei L: Lachen, Lernen, Leisten. Das Training muss Spass machen. Und das ist gut. Ich will ja, dass die Kinder wiederkommen.

Viele Kinder eifern Stars wie ­Ronaldo nach. Er gilt jedoch nicht gerade als Vorbild in Sachen Teamgeist. Stört Sie das?
Idole sind wichtig. Meinen Junioren erkläre ich jeweils, dass es auch andere gibt: zum Beispiel den mannschaftsdienlichen Xavi – oder Puyol, der seinen Mitspieler Abidal den Champions-League-Pokal hochheben lässt, weil der sich nach einer Chemotherapie zurückgekämpft hat. Oder Gerrard, der dem FC Liverpool 17 Jahre treu geblieben ist. Aber auch Ronaldo, der nur so gut ist, weil er trainiert wie wild – nicht nur Tricks, auch die vermeintlich einfachen Dinge wie Passen.

Profispieler, die sich fallen lassen und Schiedsrichter beschimpfen – das muss doch Gift sein für Ihre Arbeit als Juniorentrainer.
Schön ist das nicht. Vor allem wenn man mit anderen Sportarten vergleicht und sieht, dass es sich mit Regeln eigentlich eindämmen liesse.

Mit welchen?
Zeitstrafen für Spieler, die sich mit dem Schiedsrichter anlegen oder den Ball beim Fallen in die Hand nehmen. Oder gleich einen Penalty, wenn einer ein Notbremsefoul begeht. Ich hätte schon Ideen. (lacht) Nicht zuletzt liegt es aber am Trainer, auf Fairness zu achten – gerade bei den Jungen.

Sie haben aktiv Fussball gespielt, waren Klubpräsident, engagieren sich im Verband, sind OK-Chef für das 100-Jahr-Jubiläum des FC Bülach im nächsten Jahr und Sie trainieren D-Junioren. Welche Aufgabe gefiel oder ­gefällt Ihnen am besten?
Ganz klar, die Arbeit als Juniorentrainer. Die Jungs jede Woche zu sehen, ihre Freude am Fussball, das ist das Schönste.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.09.2016, 10:07 Uhr

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