Zürich

«Gammelhaus» wird Sozial-Unterkunft

In die als Gammelhäuser bekannt gewordenen Wohnbauten ziehen Drogenabhängige und Personen mit psychischen Problemen ein. Das bewachte und betreute Angebot ist schweizweit einzigartig.

Die einst schimmligen und verdreckten Zimmer glänzen wieder. Sie sind aber schlicht eingerichtet und nicht komplett renoviert worden.

Die einst schimmligen und verdreckten Zimmer glänzen wieder. Sie sind aber schlicht eingerichtet und nicht komplett renoviert worden. Bild: Keystone

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In das Wohnhaus kommt man nicht ohne weiteres. Ein rund um die Uhr und doppelt besetzter Empfang öffnet die Tür. Und wer das Gebäude verlassen will, gibt seinen Zimmerschlüssel wieder ab. Kameras sind in den Gängen montiert. «Live-Monitoring, damit das Wachpersonal schnell intervenieren kann», sagt Kaspar Niederberger.

Der Bereichsleiter Wohnen und Obdach der Stadt Zürich hat mit Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) zum Rundgang eingeladen. Gezeigt wird unweit der Langstrasse eine achtstöckige Liegenschaft, die vor Jahren als «Gammelhaus» Schlagzeilen gemacht hatte. Nun sorgt sie wieder für Aufsehen, diesmal aber für eine Form der Wohnintegration, wie man sie in der Schweiz nicht kennt.

Wenn wir in die Zimmer kommen, wollen wir schnell einen Überblick haben. Kaspar Niederberger, 
Bereichsleiter Wohnen und Obdach

Die 44 kleinen Einzelzimmer sind praktisch identisch und minimal eingerichtet.: Bett, Kochnische, WC und Dusche, dazu ein einfaches Tischchen und zwei Hocker. In den Schrank passt nicht viel. Das sei Absicht, sagt Niederberger. «Wenn wir in die Zimmer kommen, wollen wir schnell einen Überblick haben.»

Täglich Kontrollen

Psychiatriepflegende werden täglich die Wohnungen kontrollieren und sicherstellen, dass Hygiene- und Sicherheitsstandards eingehalten sind. In der Hausordnung steht unter anderem: Kein Drogen- und Alkoholkonsum mit Dritten, kein Rauchen im Bett, keine Prostitution. Besucher werden registriert und können weg gewiesen werden. Eingebunden in dieses Pilotprojekt sind auch die Stadtpolizei und die sip züri (Sicherheit Intervention Prävention).

 Es sind Personen, die unbedingt Unterstützung brauchen, diese aber oft verweigern. Raphael Golta, 
SP-Stadtrat von Zürich

Die Bewohnerinnen und Bewohner, die ab nächster Woche in der Neufrankengasse 6 einziehen werden, haben spezielle Bedürfnisse, für die es derzeit kein passendes Angebot gibt. Golta sagt: «Es sind sozial stark desintegrierte Personen, die unbedingt Unterstützung brauchen, diese aber oft verweigern.» Teils sind es Drogenabhängige, teils Personen mit mehreren psychischen Erkrankungen, die entweder kein Obdach haben oder dann in Einrichtungen und Wohnungen leben, wo sie das System an die Grenzen bringen oder die Nachbarschaft belasten.

Für sie will die Stadt eine Lücke im Wohn- und Betreuungsangebot schliessen. Die Klientel soll nach Möglichkeit dauerhaft bleiben. «Diese Menschen werden wohl kaum einen anderen Ort finden. Sie sind anspruchsvoll, was das Zusammenleben betrifft.» Im Vordergrund stehe die Stabilisierung. «Das Motto lautet: Leben und Leben lassen». Ob der dreijährige Versuch gelinge, werde sich zeigen, sagt Golta. «Wir betreten Neuland.»

Platzspitz im Kleinformat

Zu den «Gammelhäusern» zählten noch zwei weitere Liegenschaften. Eines an der Magnunsstrasse und eines an der Neufrankengasse 14. Letzteres ist neu mit 30 Einheiten Sozialhilfebezügern vorbehalten: Einzelpersonen und Paare ohne Kinder, die grundsätzlich eine Chance haben, auf dem freien Markt eine Wohnung zu finden, vorübergehend aber nicht dazu in der Lage sind. Ihr Aufenthalt ist auf ein Jahr befristet. Spätestens bis dann sollten sie mithilfe der Stadt fündig geworden sein und umziehen können. Über die Nutzung der Liegenschaft an der Magnusstrasse muss noch der Gemeinderat entscheiden.

Die Polizei kam fast täglich vorbei.Raphael Golta,
Sozialvorsteher von Zürich

Die drei Häuser erlangten 2015 als «Gammelhäuser» Bekanntheit. Ihr damaliger Besitzer hatte den Unterhalt stark vernachlässigt und die kleinen Zimmer für 1100 Franken vermietet. Drogendealer und Prostituierte gingen ein und aus. «Es war wie Platzspitz oder Letten im Kleinformat», sagt Golta. «Die Polizei kam fast täglich vorbei, für die Anrainer eine sehr schwierige Situation.» Die Verhandlungen mit dem Hausbesitzer erwiesen sich als schwierig, sagt Golta: «Wir bissen auf Granit.» Schliesslich gelang es der Stadt auf rechtlichem Weg, die Häuser zu übernehmen. Ein Verfahren gegen den früheren Eigentümer wegen Wucher läuft noch.

Auch politisch lief es nicht rund. Die Stadt hätte die Häuser 2017 nur mit Zustimmung des Parlaments kaufen dürfen, befand das Verwaltungsgericht. Der Zürcher Gemeinderat bügelte den Fehler aus und erweiterte zugleich die Kompetenz des Stadtrats. Dieser kann nun bei Bedarf schneller auf dem freien Wohnungsmarkt zuschlagen.

Nur das Nötigste

Für die drei Objekte hat die Stadt 32 Millionen Franken ausgegeben: davon etwa je 3 Millionen Franken für die Instandsetzung der Häuser an der Neufrankengasse und jeweils 70000 bis 100000 Franken für die Möblierung. Renoviert wurde in den 70er-Jahre-Bauten nur das Nötigste. Vieles ist nicht ersetzt worden, die Bodenplatten sind teils noch beschädigt.

Die Anwohner wurden am Donnerstag zu einem Rundgang eingeladen. Eine Anlaufstelle kümmere sich um deren Fragen und Anliegen, sagt Golta. «Wir wollen, dass das Angebot quartierverträglich ist.»

Erstellt: 12.07.2019, 17:59 Uhr

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