Flaach

Heuschrecken aufschrecken, aber richtig

Landwirte stehen unter Druck, wirtschaftlich zu produzieren. Damit gerät aber die Natur unter Druck. Das Ziel von Vernetzungsprojekten ist es, beides zu ermöglichen.

Natur- und Kulturlandschaft nebeneinander: Die Thurauen mit dem Thurspitz und das landwirtschaftlich intensiv genutzte Flaacherfeld (r.).

Natur- und Kulturlandschaft nebeneinander: Die Thurauen mit dem Thurspitz und das landwirtschaftlich intensiv genutzte Flaacherfeld (r.). Bild: Heinz Kramer

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Mehr Natur inmitten intensiv genutzter Äcker und Wiesen: Das ist das Ziel der Vernetzungsprojekte, gefördert von Bund und Kanton. Diese Projekte sind von ihrem Wesen her typisch schweizerisch. Ob herumliegende Stein- und Asthaufen, nicht gemähtes Gras, Lücken im Weizenfeld oder totes Holz an Bäumen: Die Bauern schaffen auf ihrem Land ein gewisses Mass an Unordnung, um seltene Tier- und Pflanzenarten zu fördern.

Doch wird dies eben kontrolliert getan – und es gibt Geld dafür. Dafür, dass die Bauern die Artenvielfalt fördern auf Kosten der Erträge. Denn wer zum Beispiel den Weizen für die selten gewordene Feldlerche weniger dicht aussät, der wird weniger Körner ernten. Die Vernetzungsprojekte sind somit ein gutschweizerischer Kompromiss zwischen Produktivität und Naturschutz.

Gemeinderat für Fortsetzung

Wie die kontrollierte Unordnung zugunsten seltener Tiere und Pflanzen geschaffen wird, das war am Freitagabend an einer Informationsveranstaltung in Flaach zu erfahren. Gekommen waren gut 20 Bauern. Die Weinländer Gemeinde nimmt seit 2005 zusammen mit mehreren Landwirten am Vernetzungsprojekt teil – freiwillig, wie Projektleiterin Beatrice Peter betonte. Sie ist Biologin und Bio-Bäuerin in Wildensbuch. Doch wer mitmacht, der verpflichtet sich, die nötigen Massnahmen umzusetzen. Dafür werden Vereinbarungen abgeschlossen.

Anlass der Veranstaltung vom Freitag war die dritte, ab 2018 acht Jahre dauernde Etappe des Flaacher Vernetzungsprojekts. Der Gemeinderat ist für die Weiterführung des Projekts. «Es wäre schade, wenn man es nun abrupt stoppen würde», meinte Gemeindepräsident Walter Staub (FDP). Der Kanton Zürich begrüsst die Fortführung ebenso. Die Ziele der zweiten Etappe seien erreicht worden, sagten Staub und Peter.

«Es wäre schade, wenn man es nun abrupt stoppen würde.»Walter Staub, Gemeindepräsident Flaach

Ein Ziel war und ist zum Beispiel, dass 12 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Biodiversitätsflächen (BFF) sind, wenn der Ackerbauanteil mehr als 60 Prozent beträgt. BFF sind Flächen mit einer hohen Artenvielfalt. Bei den weiteren Ausführungen Peters wurde allerdings deutlich, wie detailreich die Bestimmungen sind. So gibt es etwa unterschiedliche Qualitätsstufen, verschiedenste Verordnungen, Abgeltungsbeträge, Bestimmungen und Massnahmen. Als es einmal besonders komplex wurde, sagte Peter den Bauern: «Es ist kompliziert geschrieben, aber gut machbar, und es schenkt recht ein.» Es lohne sich also immer mehr, artenreiche Flächen zu haben.

Kompliziert aus Laiensicht

Grünspecht, Feldhase, Ringelnatter, Schachbrettfalter, Neuntöter, Laubfrosch, Feldlerche oder die äusserst seltene Helm-Azurjungfer, eine kleine Libellenart: Im Flaacherfeld gibt es einige wertvolle Tierarten. Und diese Arten haben ganz bestimmte Bedürfnisse, auf welche die Massnahmen des Vernetzungsprojekts abgestimmt sind.

Für mehrere Tierarten nützlich sind sogenannte Rückzugsstreifen. Doch einfach einen Streifen Wiese stehen lassen, das reicht dafür nicht. Die Ausführungen Peters machten klar, wie durchdacht – aus Laiensicht kompliziert – das Ganze ist. Weil zum Beispiel auf die Raupen bestimmter Schmetterlingsarten Rücksicht genommen werden muss, sind Art und Zeitpunkt des Mähens darauf auszurichten. Für eine gewisse Heuschreckenart etwa soll der Rückzugsstreifen über Winter stehen bleiben.

Die Ausführungen machten klar, wie durchdacht – aus Laiensicht kompliziert – das Ganze ist.

Oder: Fünf Prozent der Wiese werden in Form eines drei bis fünf Meter breiten Streifens nicht gemäht. Und bei jedem Mähen wird der Streifen verschoben, sofern er nicht wegen einer Tierart belassen werden soll. Beim gestaffelten Mähen ist genau festgelegt, wann im Jahr wie viel Prozent der Wiese geschnitten wird. Und weil ein Rückzugsstreifen ein Fluchtort für Tiere ist, soll ihnen der Bauer beim Mähen nicht den Fluchtweg dorthin abschneiden. Konkret soll der Landwirt in Richtung des Rückzugsstreifens mähen und nicht davon weg – sonst würden etwa Heuschrecken in die falsche Richtung aufgeschreckt.

Sich daran gewöhnt

Letztes Jahr wurden im Flaacherfeld nur noch drei Brutpaare Feldlerchen gezählt. Eine neue Fördermassnahme ist die weite Saat von Getreide. Dadurch entstehen Lücken am Boden, wo die Lerche nach Insekten jagen kann. Sät ein Bauer das Getreide in grösseren Abständen und damit weniger dicht, erhält er pro Hektare 1000 Franken als Abgeltung.

Nach der Veranstaltung sagte ein Flaacher Bauer zum anderen: «Vor 10, 15 Jahren wäre man noch erschrocken über so einen Vortrag.» Heute habe man sich daran gewöhnt.

Erstellt: 21.01.2018, 15:00 Uhr

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