Heimeinweisungen

«Ich habe Ihnen ja gesagt, dass ich nicht mehr in einem Heim bleibe»

Im Kanton Zürich fackelten die Amtsvormunde zwischen 1950 und 1975 nicht lange, bis sie Jugendliche in ein Heim steckten. Meist mit fadenscheinigen Begründungen, wie eine neue historische Studie zeigt.

Junge Frauen im Jahre 1970 an der Arbeit im Ulmenhof Ottenbach, einem Heim für schwer erziehbare Mädchen.

Junge Frauen im Jahre 1970 an der Arbeit im Ulmenhof Ottenbach, einem Heim für schwer erziehbare Mädchen. Bild: Keystone

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Der Fall Jana Isler (Name geändert) aus den 1950er Jahren ist besonders krass – aber typisch für die Zeit. Es geht um ein Mädchen aus einer Stadtzürcher Arbeiterfamilie, das schon als Teenager in die Fänge der Vormundschaftsbehörden geriet, weil es auf sexuelle Freiheiten bestand, wie sie heute selbstverständlich sind.

Mit 14 Jahren wiesen die Behörden Jana Isler erstmals in ein Heim ein. Die junge Frau brach dort aber wieder aus, kam in anderes Heim, wo sie erneut weglief. Schliesslich versorgten die Behörden die Jugendliche trotz ihrem Bitten und Flehen in der Strafanstalt Regensdorf.

Die protokollierten Äusserungen des Mädchens lesen sich wie Hilfeschreie. Doch die zuständigen Amtsvormunde wollten oder konnten dies nicht erkennen. Jedenfalls reagierten sie nicht darauf und fixierten sich auf die in ihren Augen grösste Gefahr: Die junge Frau könnte in die Prostitution abrutschen.

«Als die ganze Sache ans Licht kam, wurde ich ins Mädchenheim Obstgarten gebracht, wo ich durchbrannte.».Jana Isler (Name geändert)

«Mit 13 Jahren fing ich an, heimlich mit Burschen zu gehen», schrieb das Mädchen in einem Aufsatz, den es später in der Strafanstalt Regensdorf verfassen musste. «Ich war schon mit 11 Jahren entwickelt. Als die ganze Sache ans Licht kam, wurde ich ins Mädchenheim Obstgarten gebracht, wo ich durchbrannte. Nachher ins Riesbach, wo ich auch durchbrannte.»

In ihrem kürzlich erschienen Buch «Genügend goldene Freiheiten gehabt»* beschreiben die beiden Historikerinnen Susanne Businger und Nadja Ramsauer diesen Fall etwas ausführlicher. Ihr Interesse gilt aber nicht speziellen Einzelfälle, sondern dem damals üblichen Denken und Handeln der Behörden im Wandel der Zeit. Sie untersuchten Akten der Vormundschaftsbehörden Zürich, Winterthur und Pfäffikon im Zeitraum von 1950 bis 1990, um herauszufinden, nach welchen Kriterien die Behörden Heimeinweisungen vornahmen.

Missbilligte Sexualität

Jana Isler gehörte zu jenen jungen Frauen, die schon in den 50er und 60er Jahren auf eine selbstbestimmte Lebensweise pochten, schreiben die Autorinnen. Dazu gehörte eben auch die Sexualität. Aber genau dieses Bedürfnis Jugendlicher, sexuell aktiv zu sein, missbilligten die Behörden, stellen die Autorinnen fest.

Jana Isler habe intuitiv gewusst um ihre Stigmatisierung durch die Behörden und sich deshalb verschlossen. «Meine Mutter wollte immer zum Arzt mit mir. Ich hatte aber kein Vertrauen (...), denn ich hatte immer Angst, man halte mich für verrückt», schrieb die junge Frau. Gegen ihre Einweisung in die Strafanstalt Regensdorf wehrte sie sich 1954 erfolglos: Sie sei doch keine Verbrecherin und werde in der Anstalt weder arbeiten noch Nahrung zu sich nehmen.

Eine Unterrichtsstunde im Ulmenhof. Bild: Keystone

Mit fast identischen Worten sträubte sich auch Jolanda Vontobel (Name geändert) gegen die Einweisung in eine Strafanstalt. «Ich habe juristisch nichts verbrochen, ich habe menschliche Fehler begangen», schrieb sie 1964 an den für sie zuständigen Vormund des Jugendamts Pfäffikon. Zehn Jahre früher, als es um eine erneute Heimeinweisung nach einer Flucht ging, machte sie ihm klar, dass sie es in einem Heim nicht aushalten werde: «Wie Sie ja wohl gehört haben, bin ich wieder davon gelaufen. Aber ich habe ihnen ja gesagt, dass ich nicht mehr in einem Heim bleibe (...), das können Sie sich aus dem Kopf schlagen, ich bleibe nicht!!!!!»

Jugendliche nicht angehört

Nach jedem Weglaufen zogen die Vormundschaftsbehörden die Schraube etwas an und wählen eine noch straffer geführte Institution. So kam Jolanda Vontobel ins Frauenheim Ulmenhof in Ottenbach, das auf Erwachsene ausgerichtet war. Der zuständige Jugendsekretär fragte nicht nach, warum die Achtzehnjährige entwichen war, kritisieren die Autorinnen. Und sie hätten im Widerstand der Mädchen nicht deren starke Persönlichkeit gesehen, die man für die sozialpädagogische Arbeit hätte nutzen können. Dieses Haltung war üblich. Es gab kaum Fachpersonen, die sich Gedanken zu den Gründen des Weglaufens gemacht hätten, heisst es im Buch.

«Ich habe juristisch nichts verbrochen, ich habe menschliche Fehler begangen»Jolanda Vontobel (Name geändert)

Vielmehr hätten die Behörden besonders bei Mädchen auffallend stark auf den sittlichen Lebenswandel fokussiert. Sowohl bei Jana Isler als auch bei Jolanda Vontobel begründeten sie ihre harten Massnahmen damit, «dass sie mit verschiedenen Burschen Geschlechtsverkehr gehabt» hätten, zitieren die Autorinnen aus den Akten.

Bei homosexuellen männlichen Jugendlichen fokussierte man ebenfalls stark auf den Lebenswandel. Generell aber legten die Behörden bei jungen Männern einen anderen Massstab an als bei Mädchen. Sie beurteilten sie danach, ob Aussicht darauf bestand, dass sie der ihr zugedachten Ernährerrolle in der Familie gerecht werden konnten oder nicht. Wer als «Arbeitsscheu» eingestuft wurde, hatte eine entsprechend harte Arbeitserziehung in einer Anstalt zu gewärtigen. Bei Mädchen hingegen spielten Ausbildung und Beruf eine untergeordnete Rolle. Denn ihre gesellschaftliche Rolle bestand darin, Hausfrauen und Mütter zu werden.

Exempel statuiert

Die Akten von Jana Isler verraten zudem, dass die Behörden an ihr ein Exempel statuierten wollen. Als der Sekretär des Jugendamts 1954 den Antrag auf Versorgung in der Strafanstalt schrieb, begründete er dies so: «Ich erachte die zwangsmässige Versorgung von Jana nicht nur als dringendes Gebot in seinem Interesse, sondern auch als Mahnung an recht viele Burschen und Mädchen, denen sehr gut bekannt ist, dass Jana Isler sein unvernünftiges Treiben mit Wissen der Behörden weiterführen konnte.» Die Autorinnen schreiben dazu: Mit der Versorgung Jana Islers signalisierte das Jugendamt ihren Freundinnen und Freunden, dass man durchzugreifen gewillt war.

Der Fall Isler wirft ausserdem ein schlechtes Licht auf den damaligen Justizdirektor Emil Reich (Demokratische Partei). Er überschritt seine Kompetenzen, indem er dem Einweisungsantrag in die Strafanstalt nicht nur zustimmte, sondern diese mit ziemlich sachfremden Argumenten sogar noch beförderte.

Besseres Wissen verfügbar

Man hätte es schon damals besser wissen können. Denn es gab ausgearbeitete Verfahren, wie Kollegialbehörden zu angemessenen Entscheiden kommen können: Indem sie nämlich gegensätzliche Positionen thematisieren und die Argumente sorgfältig gegeneinander abwägen. Ein solches Verfahren hatte beispielsweise der Rechtskonsulent des Zürcher Stadtrats, Max Imboden, entwickelt. Doch Jana Isler hatte nichts davon. Die Autorität des Regierungsrates übersteuerte alle Gegenargumente. Diese wurden zudem nur zaghaft und verdeckt vorgebracht, wie die Akten zeigen. Dabei war allen bekannt, wie einschneidend die Versorgung in einer Strafanstalt war.

Um ihre Internierungen zu legitimieren, griffen die Behörden zu drastischen Zuschreibungen: «Flatterhaft, unzuverlässig, oberflächlich, heuchlerisch und verwahrlost», lauteten die gängigen Begriffe. Die Behörden taten so, als ob drastische Massnahmen unumgänglich seien. Andere Entscheidungsträger übernahmen solche Zuschreibungen oft gedankenlos, als ob sie Tatschen wären.

Verständnisloser Politiker

So wandte sich eine junge Frau, die im Frauengefängnis Hindelbank untergebracht werden sollte, hilfesuchend an den Winterthurer SP-Stadtrat Albert Eggli. Er schrieb ihr 1973 Folgendes zurück: «Sie bitten mich um Ihre Freiheit (...). Junge Menschen wie Sie, die nicht gerne arbeiten wollen, es lediglich schön haben möchten, immer nur das verlangen, was man nicht haben kann, gehören zur Nacherziehung. (...) Ich glaube, Sie hätten nun genügend goldene Freiheit gehabt, auch genügend Chancen, um sich zu bewähren. Eine Entlassung kann meines Erachtens vor Ablauf eines Jahres nicht in Frage kommen.» Ein halbes Jahr später lehnte dann auch die Vormundschaftsbehörde Winterthur das Gesuch um vorzeitige Entlassung ab. Und zwar, obwohl der Amtsvormund die junge Frau zuvor sehr positiv eingeschätzt hatte.

In einem Zimmer im Ulmenhof, aufgenommen im Jahr 1970. Bild: Keystone

Was taten die Eltern dieser Jugendlichen? Die meisten waren aufgrund mangelnder Bildung nicht in der Lage, sich zu wehren. Und taten sie es doch, hatte es nicht selten den gegenteiligen Effekt. Die Behörden taxierten sie als besonders renitent und legten ihnen dies nebst allem andern zusätzlich zur Last.

Die Mitglieder der Vormundschaftsbehörden und die Amtsvormunde waren die wichtigsten Entscheidungsträger. Es waren fast ausschliesslich Männer mit einer juristischen Ausbildung. Da Jobwechsel damals eher selten waren, übten sie Ihre Funktion ein ganzes Berufsleben lang aus. Die Autorinnen stellten fest, dass die 1954 zuständigen Amtsvormünder auch 1974 noch im Amt waren. Ihr meist unveränderten Wertvorstellungen und Vorurteile flossen in ungefiltert in ihre Entscheide ein.

Umbruch in den 70er Jahren

Der entscheidende Umbruch erfolgte Mitte der 70er Jahre, als die sogenannten Erziehungsbeistandschaften etabliert wurden. Die neue Devise, eingebracht auch von der Generation der 68er, lautete nun, Familien in Schwierigkeiten in erster Linie zu beraten und mit ihnen allfällige Massnahmen zu verhandeln.

Neu galt der Grundsatz, dass solche Massnahmen nie zum Schaden des Kindes führen dürfen. Das war ein klaren Fortschritt. Allerdings tauchen bald neue Problemfelder auf. So rückten etwa die «Scheidungskinder» in den Fokus der Behörden.

*Susanne Businger und Nadja Ramsauer: «Genügend goldene Freiheit gehabt». Heimplatzierungen von Kindern und Jugendlichen im Kanton Zürich, 1950 - 1990. Chronos Verlag, Zürich, 2019.

Erstellt: 06.09.2019, 13:05 Uhr

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