Winterthur

«Ich kann einen Verkauf nicht ausschliessen – geplant ist aber nichts»

Ein Verkauf oder eine Fusion sei möglich, sagt der neue Sulzer-CEO Grégoire Poux-Guillaume, doch gebe es aktuell keine Verhandlungen. Der neue Chef verteidigt den Abbau in Winterthur – und seine Antrittsprämie.

Sulzer CEO Grégoire Poux-Guillaume erklärt unter anderem, warum in Oberwinterthur 90 Stellen gestrichen werden.

Sulzer CEO Grégoire Poux-Guillaume erklärt unter anderem, warum in Oberwinterthur 90 Stellen gestrichen werden. Bild: Heinz Diener

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Herr Poux-Guillaume, gleich nach Ihrem Antritt streichen Sie hier 90 Stellen und schliessen die letzte Fabrik in Winterthur. Damit werden Sie keinen Beliebtheitspreis gewinnen.
Grégoire Poux-Guillaume: Das ist ein schmerzlicher Eingriff, für die Betroffenen und die Firma, der aber durch die Marktbedingungen notwendig gemacht wird. Wir haben zu viele Fabriken auf der ganzen Welt, die aktuell schlecht ausgelastet sind. Wir gehen sehr organisiert vor: Wir haben die Schliessung, die Anfang 2017 erfolgen soll, frühzeitig angekündigt, sodass wir nun versuchen können, für unsere Leute eine gute Lösung zu finden. Über diese Schliessung ist übrigens schon seit längerer Zeit nachgedacht worden, bereits vor meinem Antritt. In meiner Verantwortung liegt es, sicherzustellen, dass wir die zum Teil harten Schritte unternehmen, die wir unternehmen müssen, um die Firma voranzubringen.

Welche Bedeutung hat Winterthur noch für Sulzer, wenn hier nicht mehr produziert wird?
Eine sehr grosse. Hier ist unser Hauptsitz, von hier aus leiten wir das globale Geschäft. Daran ändert sich mit der Schliessung der Fabrik in Oberwinterthur nichts .

Dank Ihrer Startprämie haben Sie letztes Jahr 3,4 Millionen Franken verdient – für einen Monat, Ihren Antrittsmonat Dezember. Nun entlassen Sie Leute, die lange hier gearbeitet und viel weniger verdient haben. Wie erklären Sie das den Mitarbeitern?
Von den Mitarbeitern hat mir niemand diese Frage gestellt.

Man muss das gar nicht erklären?
Solche Fragen werden mir von Medienvertretern gestellt, aber nicht im Betrieb. Ich denke, die Mitarbeiter verstehen, dass man in unterschiedlichen Positionen unterschiedliche Löhne hat. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen das mit der Ersatzprämie aber gerne erklären.

Ja, bitte.
Dieser Betrag, knapp drei Millionen Franken, ist eine Kompensation für Ausfälle, die ich zu gewärtigen habe, weil ich meine frühere Stelle bei General Electric aufgab. Beim Abgang habe ich ein Aktienpaket verloren, und dafür wurde ich entschädigt. Was ich von Sulzer bekommen habe, ist übrigens nur die Hälfte dessen, was ich beim Abgang verloren habe.

Sie sagen, Sie haben auf drei Millionen verzichtet, um bei Sulzer anfangen zu können?
Genau so ist es. Ich habe beim Wechsel Geld verloren.

Wieso haben Sie trotzdem ­gewechselt?
Sulzer ist eine tolle Firma mit einem grossen Namen und einer langen Geschichte. Diese Firma wieder auf Trab zu bringen, ist für mich eine grossartige Gelegenheit.

Haben Sie von der Minder-Initiative gehört, die Voraus­zahlungen verbieten wollte?
Das habe ich. Die Verantwortlichen bei Sulzer haben sich das sehr genau angeschaut. Unser Vorgehen ist transparent und korrekt.

Die Arbeiter in Oberwinterthur leisteten zwei Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche . Dafür gab es eine Standortgarantie ...
Das ist falsch, es wurde keine Standortgarantie abgegeben. Was vorliegt, ist eine Vereinbarung mit den Arbeitnehmervertretern, wonach die Arbeitszeit verlängert wird, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu verbessern. Diese Vereinbarung wurde nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses getroffen.

Es gab keine Standortgarantie, wie die Gewerkschaften sagen?
Nein, es gab keine Standort­garantie und keine Jobgarantie. Eine Firma in unseren Märkten kann keine Jobgarantie abgeben.

Also gibt es jetzt auch keinen Anlass, den Leuten für die zusätzliche Arbeit einen Lohn auszuzahlen, im Nachhinein?
Über solche Dinge wird aktuell mit den Arbeitnehmervertretern verhandelt.

Sprechen wir über Sie und dar­über, was jetzt anders wird bei Sulzer. Sind Sie ein Ideologe oder ein Pragmatiker?
Ich bin Pragmatiker. Es ist toll, Prinzipien und Werte zu haben, und die habe ich, aber im Alltag muss man sich den Situationen anpassen können, die man vorfindet.

Ihr Vorgänger, Klaus Stahlmann, war ein Stratege. Mit Metco stiess er eine der profitabelsten Sparten ab, weil sie nicht zu seiner neuen Ausrichtung passte. Hätten Sie das auch so gemacht?
Die Entscheide von Vorgängern kommentiere ich nicht. Ich bin sicher, dass die Entscheide, die vor meiner Zeit getroffen wurden, sehr gut überlegt worden sind.

Doch Stahlmanns Neuausrichtung auf die Märkte Öl, Gas und Energie verfolgen Sie weiter?
Wie meinen Sie das? Das ist, glaube ich, ein Missverständnis. Es geht nicht um eine Neupositionierung von Sulzer. Es geht um den Wechsel von einer Firmenstruktur, die auf den Produkten basiert, Pumpen und so weiter, zu einer Struktur, die sich an Marktsegmenten und letztlich an Kunden orientiert. Das ist das, was wir aktuell machen.

Aber Stahlmann verkaufte doch Metco, weil die Beschichtung von Oberflächen nicht zum neu definierten Kerngeschäft gehört.
Wie gesagt, über diesen Verkauf kann ich nichts sagen. Ich kann Ihnen sagen, worum es jetzt geht. Es geht darum, dass wir beispielsweise nicht ein Verkaufsteam für Pumpen haben und ein Verkaufsteam für Raffinerieteile, sondern dass wir ein Verkaufsteam haben, das einen Kunden aus einem bestimmten Bereich betreut.

Stahlmann wollte andere Firmen kaufen, doch Mehrheitsaktionär Viktor Vekselberg wollte lieber Geld aus dem Konzern abziehen. Müsste Sulzer nicht Firmen kaufen und wieder wachsen?
Ich weiss nicht, was Klaus Stahlmann tun wollte, aber es kam in den letzten zwei Jahren keine grosse Übernahme zustande. Was wir jetzt tun müssen, ist die Transformation durchziehen, die wir angefangen haben. Wir können auch nach Auszahlung der Sonderdividende, die Sie ansprechen, kleinere Firmen kaufen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, aber es ist nicht unser Ziel, eine grosse Firma zu übernehmen.

Jetzt ist umgekehrt zu hören, Sulzer solle mit dem Downsizing, wie man sagt, für einen Verkauf fitgemacht werden. Hat Vekselberg schon einen Käufer im Kopf?
Nein. Was Sie sagen, ist nicht zutreffend. Wir fahren nicht runter, um besser verkauft werden zu können, wir fahren runter, weil wir es müssen, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Sie führen also keine Verkaufs- oder Fusionsverhandlungen?
Nichts dergleichen. Dazu gibt es keinen Grund. Was wir tun müssen, ist unser Restrukturierungsprogramm durchziehen, so wie wir es angekündigt haben. Wir müssen für uns selber schauen. Ich kann heute nicht sagen: Es wird nie einen Verkauf oder eine Fusion geben. Wenn sich eine Situation ergibt, in der eine Fusion dazu geeignet scheint, unsere Position zu verbessern, schauen wir das an. Aber im Moment verfolgen wir das nicht aktiv.

Wird Sulzer jetzt nicht zu klein, um eigenständig zu bleiben?
Nein, das denke ich nicht. Wir haben aktuell kein Grössenproblem. Unsere Konkurrenten haben eine ähnliche Grösse wie wir. Man muss aber ehrlicherweise sagen, dass wir in einer Branche tätig sind, in der Grossübernahmen und Fusionen ein Thema sind, denn der Bereich konsolidiert sich und die Finanzierungsmöglichkeiten für grosse Käufe sind da.

Es bleibt noch Zeit für etwas Smalltalk. Konnten Sie für sich und Ihre Familie schon eine Wohnung finden?
Ja, wir haben eine Wohnung in der Stadt Zürich gefunden und werden bald umziehen. Bisher lebte ich in möblierten Apartments, zuerst in Winterthur, im Moment in Zürich.

Also werden Ihre Kinder in Zürich die Privatschule besuchen?
Ja. Ich habe einen 14-jährigen Sohn und eine 12-jährige Tochter. In Zürich gibt es viele gute Schulen, die für sie in Frage kommen.

Haben Sie schon Zeit gehabt, Winterthur und die Region etwas zu erkunden?
Nein, leider nicht. Ich bin viel herumgereist, um möglichst schnell die Firma kennen zu lernen, die ja sehr global aufgestellt ist, und auch um wichtige Kunden zu treffen. Ich war an vielen Orten in Europa, in den USA, in Indien. In Winterthur und Zürich bin ich eigentlich nur vom Bahnhof zu den Wohnungen gegangen.

Wenn Sie so viel herumreisen, verbringen Sie wohl nur die Hälfte der Zeit im Büro?
Eher noch weniger.

Wie gefällt Ihnen das Sulzer-Hochhaus?
Das sind gute Büros hier. Oder was meinen Sie genau?

Das Hochhaus hat in der Stadt halt eine spezielle Bedeutung. Die Rückkehr von Sulzer, ein Projekt Ihres Vorgängers, hat viel Beachtung gefunden.
Nun, ich kenne es hier nicht anders. Sehen Sie, das Haus gehört uns nicht, wir mieten hier einfach ein paar Stockwerke. Es ist ein Bürohaus, mehr nicht.


Das Gespräch wurde auf Englisch geführt.

Erstellt: 18.03.2016, 17:02 Uhr

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