Schicksal

«Ich wollte zehn Jahre auf der Gasse leben»

Martin G. hat nach Jahren der Obdachlosigkeit und der Drogensucht wieder Stabilität ins sein Leben gebracht.

Über zehn Jahre schlief Martin G. im Wartehäuschen bei der Tramstation Zoo. Sein Gepäck verstaute er im Wagen eines Zeitungsverträgers.

Über zehn Jahre schlief Martin G. im Wartehäuschen bei der Tramstation Zoo. Sein Gepäck verstaute er im Wagen eines Zeitungsverträgers. Bild: Chris Iseli

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Als wir uns bei der Tramstation Zoo verabschieden, bleibt Martin G.* noch ein wenig im Wartehäuschen sitzen. Er hockt auf der dunkelbraun gestrichenen Holzbank, ganz in der Ecke, auf der Seite des Häuschens, die vom Wind abgewandt ist. Hier war der 58-Jährige elf Jahre lang zu Hause. Obdachlos am Zürichberg.

2004 hatte er sich dazu entschieden. Seine Freundin war gestorben. «Ich wachte auf, und sie lag tot neben mir im Bett», sagt Martin. «Lungenembolie.» Der gelernte Krankenpfleger hatte zu diesem Zeitpunkt schon einiges hinter sich: Jahre der Drogensucht. Jobverlust nach einem Unfall, der ihn zum IV-Rentner machte. Der letzte Anruf seiner Mutter lag neun Jahre zurück. «In unserer Familie gibt es keine Drogensüchtigen», habe sie gesagt. Der Kontakt brach ab.

Und nun war auch noch die langjährige Freundin gestorben, bei der er in Untermiete lebte. Wie sollte es weitergehen? Notschlafstelle? Heilsarmee-Wohnheim? «Ich packte, was ich hatte und ging auf die Strasse», sagt Martin. Er hatte einen Plan: «Ich wollte zehn Jahre auf der Gasse leben.»

Tipps aus dem «Taubenschlag»

Zuerst probierte er es während zweier Monate in seiner Heimatstadt Winterthur. Dann in Zürich. Mit einer 24-er Packung Dosenbier ging Martin zum «Taubenschlag» gegenüber vom Coop an der Bahnhofbrücke. So hiess der Treffpunkt der Randständigen im Gassenjargon. Martin holte sich Tipps für das Leben auf der Gasse in Zürich. Zum Beispiel, wo es günstig eine warme Mahlzeit gab.

Er kaufte sich eine Tageskarte fürs Tram. Dann fuhr er kreuz und quer durch die Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum Schlafen. An der Endstation Zoo fand er ihn: ein Dach über dem Kopf, windgeschützt, mit fliessendem Wasser aus dem Brunnen nebenan und täglich gereinigtem WC. Dazu ein Selecta-Automat mit Verpflegung. Die Verkehrsbetriebe Zürich duldeten den neuen Dauergast an ihrer Haltestelle unter der Bedingung, dass er Ordnung halte. Auch mit dem Quartierpolizist sei er gut ausgekommen, erzählt Martin. «Es ging mir gut.»

Angestellte des Zoo-Restaurants hätten ihm abends oft übrig gebliebene Sandwiches und Birchermüsli gegeben. Morgens habe er davon den Schulkindern etwas mit auf den Weg gegeben. Einmal im Monat habe eine Anwohnerin ihm frisch gebackenen Zopf und gezuckerten Kaffee gebracht. «Ich trank den Kaffee, obwohl ich Kaffee mit Zucker ekelhaft fand», sagt Martin. «Auf der Gasse musst du freundlich sein, denn du bist eine Person von öffentlichem Interesse.»

Vom Heroin, das er erstmals während der Rekrutenschule nahm, war er schon fünf Jahre vor Beginn seines Lebens auf der Gasse losgekommen. Ein 20-jähriger Autofahrer hatte ihn angefahren, das Hüftgelenk war zertrümmert. Es folgten mehrere Operationen. Die Heilung wurde erschwert durch Osteoporose. «Ich wollte wieder arbeiten, doch mein Arbeitgeber sagte, das könne er nicht verantworten», erzählt Martin. So wurde er vom Spitalpfleger zum Invalidenrente-Bezüger. Und wollte kein Heroin mehr nehmen, auch aus finanziellen Gründen.

Er kam in ein Methadon-Programm und bezog den Drogenersatz während fünf Jahren. «Es war an meinem dritten Tag auf der Gasse, als ich die beiden letzten Methadon-Portionen in den See warf», sagt Martin. «Ich wollte unabhängig sein.» Der Methadon-Entzug brachte Schmerzen und schlaflose Nächte, aber kein suchtfreies Leben: Die Wodka-Flasche und ein paar Bierflaschen im Rucksack waren nun Martins ständige Begleiter.

Im Wald lebte er seine Depressionen aus

Bevor der Zoo öffnete, verliess Martin jeweils die Tramstation. Seinen Militärrucksack mit den beiden Schlafsäcken verstaute er im Wagen eines Zeitungsverträgers. Die Tage verbrachte er teils im T-Alk, einem städtischen Treffpunkt für Alkoholiker, wo er günstig essen konnte; teils war er tagsüber auch am See, oft auf der Chinawiese. Und manchmal zog er sich in den Wald zurück, «wenn es mich anschiss zu saufen.» Im Wald habe er seine Depressionen ausgelebt.

Der Körper rebellierte jeweils nachts um 3 Uhr. Martin nennt es sein «Morgengebet»: Kotzen, Mundspülung mit Wodka, dann noch zwei, drei Stunden schlafen, bis die ersten Trams fuhren.

Die zehn Jahre vergingen. Martin hatte seinen Plan nicht vergessen – und machte sich auf Wohnungssuche. «Der Alkohol ging mir auf den Geist», sagt er. Es folgte erneut eine radikale Kehrtwende: «Ab dem 15. Oktober 2015 trank ich keinen Alkohol mehr.» Er fand eine befristete Wohnung in einer ehemaligen Alterssiedlung in Zürich-Witikon, die demnächst abgerissen wird.

«Seit vier Jahren bin ich nun alkoholfrei, in einer geregelten Wohnsituation, finanziell stabil und ohne Beziehungspuff», sagt Martin beim Treffen im Hauptbahnhof zu Beginn unseres zweistündigen Gesprächs. Sein Gesicht ist schmal, die Haare sind ergraut. Doch die braunen Augen strahlen auch Zuversicht aus.

Kürzlich, am Züri-Fäscht, habe er einen Selbstversuch gestartet: Am Limmatquai habe er etwas zu Essen und eine Flasche Mineralwasser gekauft. «Ich schaute den Feiernden zwei Stunden zu. Dann musste ich flüchten.» Am nächsten Tag habe er es nochmals probiert und den Fokus erweitert: «Ich sah nun nicht nur die Feiernden, sondern auch die besoffen auf einer Bank Eingeschlafenen, die Torkelnden.» Er sah sich bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Im Alkoholiker-Treff T-Alk verkehrt er noch; nun aber auch als Angestellter, der während 50 Stunden pro Monat für einen Stundenlohn von sechs Franken in der Küche hilft. «Meine alten Kumpels fragten mich, warum ich dort hinkomme, nun, da ich keinen Alkohol mehr trinke. Ich sagte: Jungs, ich brauche euch als schlechtes Beispiel.» Martins Mietvertrag läuft im September aus. Doch der 58-Jährige ist zuversichtlich, dass er eine neue Wohnung findet.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 26.07.2019, 15:17 Uhr

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