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«In Eritrea bin ich nicht frei»

Solomon lebt seit sieben Monaten in Kollbrunn. Er hat die Ausländerfeindlichkeit im Sudan, die Fahrt durch die Sahara und die Mittelmeerüberquerung überstanden. Angetrieben vom Bedürfnis, frei zu sein.

Er wollte in die Schweiz, weil man ihm erzählte, dass die Menschen hier frei seien: Solomon (Name geändert)
floh wie viele seiner Landsleute aus Eritrea und riskierte sein Leben auf dem Mittelmeer.

Er wollte in die Schweiz, weil man ihm erzählte, dass die Menschen hier frei seien: Solomon (Name geändert) floh wie viele seiner Landsleute aus Eritrea und riskierte sein Leben auf dem Mittelmeer. Bild: Patrick Gutenberg

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Solomon (Name geändert) hat die Überfahrt über das Mittelmeer überlebt – in einer Nussschale, einem zweistöckigen Boot, in dem sich gegen 500 Eritreer zusammendrängten. «Sogar direkt neben dem Motor sind einige gekauert», erzählt er. Der 24-jährige Eritreer lebt heute im Durchgangszentrum in Kollbrunn, dort wartet er seit Monaten auf den Entscheid über sein Asylgesuch.

Alle Eritreer liebten ihr Land, sagt Solomon, doch unter dem Regime dort könne man nicht frei sein. Seine Brüder und seine Mutter seien weggegangen und leben im Moment in einem Camp im Sudan. Nur sein Vater ist in Eritrea geblieben, er ist seit dreissig Jahren Soldat. In Eritrea ist Militärdienst Pflicht, und zwar unbefristet.

«Ich könnte nie auf jemanden schiessen»

Eritreer haben deshalb praktisch keine Chance, ein eigenständiges Leben zu führen. Auch Solomon hätte nach der achten Klasse, als er 19 Jahre alt war, in ein Militärcamp einrücken müssen. «Das wollte ich nicht und deshalb bin ich weggegangen, in den Sudan», sagt er. Er weiss, dass die Kameraden ihn geschlagen hätten, wenn er zum Beispiel einem Schiessbefehl nicht Folge geleistet hätte. «Aber ich könnte nie auf jemanden schiessen.»

In Khartoum im Sudan habe er für etwa einen Monat in einem Lager mit anderen Eritreern ausgeharrt, erzählt Solomon. Dort seien sie den Schikanen der Sudanesen ausgeliefert gewesen. Aus unerklärlichen Gründen seien Eritreer deportiert worden und man hätte sie nie wieder gesehen. Im Lager wurden sie geschlagen. «Ich habe dort auch einen Eckzahn verloren», sagt Solomon und deutet auf seine Zahnlücke.

Verloren im Mittelmeer

Gemeinsam mit etwa hundert seiner Landsleute habe er per Autotransport Libyen erreicht. 1600 Dollar bezahlte er für die Fahrt durch die Wüste. Und dort nochmals soviel für die Schifffahrt nach Italien. Das Geld hat sich Solomon bei Gelegenheitsjobs verdient, er habe geputzt und ausgeholfen, wo es ihn gebraucht habe.

Für die Fahrt über das Meer hätten sie sich in kleine Boote gekauert, Schulter an Schulter. «Das Boot war alt und aus Holz und hatte zwei Böden», sagt Solomon. Einmal sei durch ein Leck im Boden Wasser eingedrungen. Alle hätten mit aller Anstrengung geholfen, um das Boot wieder zu leeren und zu verhindern, dass es untergeht – und alle mit ihm. Dann hätten sie die Orientierung verloren, und irgendwann sei auch der Treibstoff ausgegangen. Dann seien sie nur noch auf dem offenen Meer dahingetrieben. «Ich dachte, ich würde sterben.»

Milano – Tor in eine andere Welt

Doch dann, nach etwa sieben Tagen, seien sie von Zivilisten auf dem Meer entdeckt worden. Die Schiffscrew habe Seile an ihrem Boot befestigt und sie bis nahe an die italienische Küste gezogen. Als dort aber die Polizei aufgetaucht sei, hätten die Zivilisten die Seile zerschnitten und seien geflüchtet. Die Polizei habe sie in Taranto, am Stiefelabsatz Italiens, an Land und von dort in eine Unterkunft nach Bari gebracht.

«Ich wollte mich aber nicht in Italien registrieren lassen», sagt Solomon. Deshalb habe er die Chance genutzt, als die Wächter einmal nicht hinschauten, und sei davongerannt. In Bari nahm er den Zug. «Ich hatte keine Ahnung, wie man das macht, ich bin einfach eingestiegen», erzählt er. Und er sei einfach immer weiter gefahren. Bis die Durchsage kam, dass der Zug «Milano» erreiche. «Milano, Milano, Milano – diesen Namen hatte ich schon oft aus Gesprächen anderer Flüchtlinge aufgeschnappt. Und ich wusste, dass ich von dort aus weiterkommen könnte, weg aus Italien.»

Der Traum von einem freien Leben

Er sei ausgestiegen, Eritreer am Bahnhof hätten ihm den Zug nach Zürich gezeigt. Und er sei einfach durchgekommen, ohne ein Ticket. «Gott sei Dank», sagt er, und lacht. In Zürich sei er für ein paar Nächte bei Eritreern untergekommen. Er habe ihnen von seinem Plan erzählt. Er wolle in die Schweiz. Ob sie wüssten, wie er da hinkomme. Er hatte ja keine konkrete Idee oder Bilder von der Schweiz. Er hatte nur gehört, dass es hier besser sei, dass die Regierung hier ein freies Leben ermögliche. «Ich war so erleichtert, als ich begriff, dass ich schon am Ziel war.»

Nun ist Solomon seit sieben Monaten in Kollbrunn und wartet ungeduldig auf die Antwort auf sein Asylgesuch. Viele andere in seinem Umfeld hätten den Entscheid längstens erhalten. Er dürfe so ja nicht arbeiten, ohne Ausweis. Aber er möchte. Solomon will eine Ausbildung machen, einen Job finden, hier leben. «In der Schweiz kann ich frei sein.»

Warten und Deutsch lernen

Doch ohne Papiere geht nichts. Manchmal gehe er spazieren, sagt er. Und zweimal in der Woche besucht er einen Deutschkurs. Englisch habe er auf seiner Reise gelernt, sagt Solomon. In Eritrea sei er zwar acht Jahre zur Schule gegangen, doch er habe sich nicht konzentrieren können.

«Du kannst nur lernen, wenn dein Kopf frei ist», sagt er. Er habe dem Lehrer oft nicht zugehört, weil er sich den Kopf darüber zerbrochen habe, weshalb sein Land so sei, wie es ist. Er findet es ok, wenn man Militärdienst leisten müsse. Aber in Eritrea verpflichte man sich für sein Leben. «Aber dein Leben gehört Dir, nicht dem Militär.»

Erstellt: 30.04.2015, 17:36 Uhr

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