Winterthur

Selbsternannter Emir von Winterthur sitzt in U-Haft

Der zum Islam konvertierte Italiener S. gilt als eine der Schlüsselfiguren in der Winterthurer IS-Zelle. Jetzt sitzt er in Bern in U-Haft, wie gestern bekannt wurde.

In der An'Nur Moschee in Winterthur habe der Verhaftete Jugendlichen IS-Videos gezeigt, berichtet «SRF».

In der An'Nur Moschee in Winterthur habe der Verhaftete Jugendlichen IS-Videos gezeigt, berichtet «SRF». Bild: Heinz Diener

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Wieder kommen ein paar Puzzleteile hinzu zum Bild der Winterthurer Salafistenszene – ein Bild, das mehr und mehr das Antlitz einer eigentlichen IS-Zelle zeigt. Mit der gestern vom Journalisten Kurt Pelda im Namen der SRF-Sendung «Rundschau» publik gemachten Verhaftung von S. soll der Bundesanwaltschaft erstmals eine zentrale Figur der Winterthurer Islamisten-Szene ins Netz gegangen sein. S. taucht da auf, wo der radikalisierte Islam in Winterthur vermutet wird, wie die folgende Auflistung zeigt.

1. In der Moschee respektiert

Der konvertierte Italiener S. verkehrte im innersten Zirkel der An’Nur-Moschee in Hegi. Er hatte engen Kontakt zu den Imamen Amine I., Shefik S. und zum Teil auch zu Atia E. Pelda, der S. über ein Jahr lang beobachtet hatte, nennt den Italiener eine «Respektsperson für Jugendliche im Radikalisierungsprozess.» Er soll nach dem Freitagsgebet mit Jugendlichen vor der Moschee Handy-Videos mit islamistischen Gesängen des IS geschaut haben.

Wie der «Blick» schreibt, weibelte S. auch via Internet emsig für die Sache der Salafisten. Sein protziger schwarzer Mercedes tauche in einem Youtube-Video auf, in dem ein Kollege von S. inbrünstig und in bester Macho-Manier eine Sure singe, so der «Blick». Und weiter: Wie S., der wie seine Frau laut seinem Steuerauszug kein Einkommen ausweise, das Auto finanziere, sei unklar.

2. Chef der Koranverteiler

Eine zentrale Rolle soll S. auch in der Koran-Verteilaktion «Lies!» gespielt hatten. Die Aktion ist vom deutsch-palästinensischen Salafisten Abou-Nagie gegründet worden, der vom Deutschen Staatsschutz beobachtet wird. Mit Abou-Nagie besuchte S. eine Koran-Druckerei in Barcelona. Später soll er laut Peldas den Schweizer Ableger von «Lies!» gegründet haben. In der Szene habe er den Übernamen Emir, also Befehlshaber, gehabt. S. soll sich auch selbst an Verteilaktionen auf der Strasse beteiligt haben, so unter anderem an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Die «Lies!»-Aktion, die unter dem Schutz der verfassungsmässig garantierten Religionsfreiheit operiert, steht unter Verdacht, ein zentrales Instrument in der Rekrutierung junger Kämpfer für den Krieg des IS in Syrien und im Irak zu sein. Mindestens zwei in Winterthur bekannte Jihadisten aus dem Umfeld der «Lies!»-Aktion sind nach Syrien in den Jihad gezogen.

3. Unter den Sunna-Kämpfern

Kontakt mit Jugendlichen hatte S. auch in Fitnesszentren und in einem Kampfsport-Trainingsraum in Winterthur. So verkehrte er im muslimischen «MMA-Sunna-Gym» des deutschen Jihad-Reisenden und Thaibox-Weltmeisters Valdet Gashi. Das Kürzel MMA steht für Mixed Martial Arts, «Sunna» ist der «rechte Weg des Propheten». Gashi verschwand später beim IS in Syrien so wie weitere Personen aus dem Umfeld des Trainingsraumes.

Wie der «Blick» schreibt, soll S. auch beim Verkauf von Anabolika erwischt worden sei, was nicht nur per Gesetz strafbar ist, sondern auch im fundamentalistischen Salafismus untersagt wird.

U-Haft bereits verlängert

S., für den die Unschuldsvermutung gilt, sitzt bereits seit Februar in U-Haft, inzwischen im Regionalgefängnis von Bern. Wie Pelda schreibt, hat das Zwangsmassnahmengericht kürzlich einer Haftverlängerung zugestimmt, wegen Verdunklungsgefahr. Die Bundesanwaltschaft will sich mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren nicht zum Fall äussern. Eine mögliche Anklage könnte auf Unterstützung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation lauten. Nebenbei scheinen die neuen Enthüllungen über die Winterthurer Islamisten-Zelle auch eine Debatte über die Rolle der Medien anzustossen. So ärgert sich die Bundesanwaltschaft in einer Stellungnahme über das SRF, das einer Bitte um eine Verschiebung der Berichterstattung nicht nachgekommen sei. «Die Chefredaktion räumt der Berichterstattung der Rundschau offensichtlich Vorrang ein vor der dargelegten Kollusionsgefahr.» (mcl)

Erstellt: 22.06.2016, 16:11 Uhr

Junger Westschweizer wegen Jihad-Verdachts in Zürich verhaftet

Ein 21-jähriger Westschweizer ist vor zwei Wochen am Flughafen Zürich verhaftet worden, als er von der Türkei in die Schweiz zurückreiste. Er steht im Verdacht, sich terroristischen Organisationen angeschlossen zu haben.

Die Bundesanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren gegen den jungen Mann. Er steht im Verdacht, gegen das Bundesgesetz zum Verbot von Al-Kaida, Islamischem Staat oder ähnlichen Gruppierungen verstossen zu haben. André Marty, Mediensprecher der Bundesanwaltschaft, bestätigte am Mittwoch der Nachrichtenagentur sda einen Bericht der «Tribune de Genève».

Zudem wird wegen Beteiligung an einer kriminellen Organisation gemäss Artikel 260 des Strafgesetzbuches gegen den 21-Jährigen ermittelt. Er wurde in Untersuchungshaft gesetzt. Nun wird untersucht, warum er sich in der Türkei aufgehalten hatte und weshalb er in die Schweiz zurückkehrte.

Nach Angaben der «Tribune de Genève» handelt es sich um einen Genfer, der zum Islam konvertiert war. Er soll sich nach Kontakten mit einem Genfer Muslim, der aus extremistischen und antisemitischen Kreisen stammt, radikalisiert haben.

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