Winterthur

Jetzt beraten die Richter im Siska-Streit

Im Prozess gegen Ex-Siska-Chef und Fussball-Liga-Präsident Heinrich Schifferle ging es auch um allfälliges Fehlverhalten der Familie Heuberger.

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Nach jahrelangen Ermittlungen begann am Mittwochmorgen der Prozess gegen Heinrich Schifferle, seines Zeichens amtierender Schweizer Fussball-Liga-Präsident und Ex-Chef der Winterthurer Immofirma Siska. Schifferle wird von der Siska ungetreue Geschäftsbesorgung in mehreren Fällen vorgeworfen. Er soll sich bis zu seiner Entlassung 2014 auf Firmenkosten bereichert haben.

In den nächsten Tagen beraten die Winterthurer Richter das Urteil, es dürfte wohl nicht mehr diese Woche gesprochen werden.

Falschaussagen des Patrons

In seinem Plädoyer überraschte der Staatsanwalt am Mittwochmittag mit einem schweren Vorwurf an den Firmen-Patron Robert Heuberger und dessen Sohn, den heutigen Siska-Präsidenten Günter Heuberger, der auch die Top-Medien besitzt. Während einer Befragung der Staatsanwaltschaft im Mai 2015 soll Robert Heuberger, mittlerweile 97 Jahre alt, mehrere Falschaussagen gemacht haben. Dazu instruiert worden sei er telefonisch durch seinen Sohn Günter Heuberger. Wörtlich sagte der Staatsanwalt: «Die Aussagen von Robert Heuberger orientierten sich nicht am Erlebten sondern an den Instruktionen seines Sohnes.»

Dies folgert der Staatsanwalt aus mehreren Aussagen von Zeugen sowie eines weiteren Familienmitglieds: Über die Instruktionen an Heuberger senior wurde die Staatsanwaltschaft ausgerechnet von dessen Tochter informiert. Der Staatsanwalt hält deren Aussagen für glaubwürdig.

Damit war die Episode noch nicht vorbei. Günter Heuberger zeigte seine Schwester wie jetzt bekannt wurde deshalb an, doch die Staatsanwaltschaft und auch das Obergericht wollten darauf nicht eintreten. Sowohl die Tochter als auch ihr Bruder Günter Heuberger wohnten dem Prozess am Mittwoch bei.

Die Rechtsanwältin der Siska schoss in ihrem Plädoyer gegen die Staatsanwaltschaft zurück. Die Vorwürfe gegen Robert und Günter Heuberger seien haltlos und könnten nicht belegt werden. Vielmehr fehle es der Staatsanwaltschaft seit Beginn des Verfahrens an Objektivität.

Abmachung mit dem Patron

Am Mittwochmorgen stand Heinrich Schifferle im Zentrum. Er erschien kurz vor acht Uhr mit seinem Winterthurer Anwalt Peter Bettoni vor Gericht und wurde knapp drei Stunden befragt, zuerst zu Persönlichem. Er arbeite als Fussball-Liga-Präsident noch zu circa 50 Prozent, sagte er gegenüber den drei Richtern. Dazu erhalte er Einkünfte aus einem Verwaltungsmandat und regelmässige Erträge aus einem Mehrfamilienhaus. Insgesamt kommt Schifferle so auf gegen 400'000 Franken jährlich.

Schifferle bestritt auch vor Gericht nach wie vor alle Vorwürfe, welche die leitende Richterin Punkt für Punkt durchackerte. Immer wieder verwies er auf mündliche Abmachungen mit dem Firmenpatron Robert Heuberger. Und mehrfach darauf, dass der damalige Siska-Finanzchef über diese Abmachungen im Bild war und sie mittrug.

Dass er für sich und seine Frau beispielsweise auf Firmenkosten im Golfclub Lipperswil Mitglied war, erklärte Schifferle mit einer Abmachung mit dem mittlerweile 97-jährigen Gründer der Siska, Robert Heuberger, aus dem Jahr 2003. Das finanzierte Golfen sei ein «goodie» gewesen. «Ich hätte nie etwas gemacht, das nicht im Sinne von Robert Heuberger gewesen wäre.» Auch ihm vorgehaltene unrechtmässige Treibstoff-Bezüge im Wert von 2240 Franken seien rechtens gewesen.

Dass er den Umbau seines Privathauses in Elsau über die Siska bezahlen liess, sei korrekt, sagte Schifferle. «Das war so abgemacht.» Er habe bei der Siska ein privates Kontokorrentkonto gehabt. «Es war Robert Heubergers Idee, dass ich die Baukosten über dieses Konto laufen lasse und es am Schluss begleiche.» Weshalb aber verblieb am Ende ein Minussaldo von über 240'000 Franken? Schifferle erklärte dies mit weiteren Verbuchungen auf diesem Konto von völlig anderen Projekten. «Und gerade, bevor ich das Konto wieder aufstocken wollte, wurde ich im Frühling 2014 entlassen.»

Dass er seine private Fahrzeugversichung und eine Autoschutzdecke unrechtmässig der Firma belastet habe, seien allerdings bedauerliche Fehler: «Ich habe das damals gar nicht realisiert, das waren einfach Versehen in der Hektik des Tagesgeschäftes.» Der Firma entstanden so Kosten in Höhe von knapp 10'000 Franken.

Deal mit dem Zahnarzt?

Einer der schwersten Vorwürfe betrifft den privaten Zahnarzt: Schifferle soll dessen Buchhaltung von einem Siska-Mitarbeiter erledigt haben lassen, der Schaden für die Firma soll mehrere zehntausend Franken betragen. Schifferle soll dafür gratis behandelt worden sein. Das stimme überhaupt nicht, sagte Schifferle. Die Buchhaltung sei offiziell so erfolgt, «die Siska erhielt ihr Geld». Eine Zeit lang sei für die Leistungen aber aus Versehen keine Rechnung ausgestellt worden. Schifferle sagte, er habe mehrere private Mandate offiziell der Siska übergeben.

Laut Anklageschrift soll Schifferle zudem Dutzende Male auf Firmenkosten privat mit seiner Familie im Restaurant des Hotels Banana City gegessen haben. «Es hat sich so eingebürgert, dass ich am Montag jeweils die Familie dorthin mitnahm», erklärte Schifferle und ist sich keiner Schuld bewusst. «Es bestand mit Robert Heuberger eine klare Abmachung, dass ich regelmässig auf Spesen ins Restaurant essen soll mit Begleitung, quasi um die Abläufe im Restaurant überprüfen zu können.» Diese Test-Essen im Banana City seien auf «Wunsch des Patrons» Robert Heuberger erfolgt.

Anklage will auch Freisprüche

Entlassen wurde Schifferle 2014 vom heutigen Siska-Präsidenten Günter Heuberger. Nach einem Vorwürfe-Pingpong in der Öffentlichkeit haben Heuberger und Schifferle im Jahr 2015 eine Stillschweigevereinbarung geschlossen und sich bis zum Prozess nicht mehr zum Fall geäussert.

Speziell ist an dem Fall, dass die Staatsanwaltschaft selber in einer Mehrheit der Anklagepunkte einen Freispruch fordert. Was kurios klingt, kommt im juristischen Alltag ab und zu vor: Die Staatsanwaltschaft glaubt zwar nicht an das Vorliegen einer Straftat, erhebt aber dennoch eine umfassende Anklage, um eine richterliche Beurteilung zu ermöglichen.

Langwierige Ermittlungen

Das entspricht auch dem Hin und Her, welches die Ermittlungen der letzten Jahre geprägt hat. So wurden Teile des Verfahrens rechtskräftig eingestellt. In Bezug auf weitere Vorwürfe wollte die Staatsanwaltschaft zweimal einen Teil des Verfahrens einstellen, wurde aber jeweils vom kantonalen Obergericht zurückgepfiffen.

Die angestrebte Verurteilung würde auf einer totalen Schadenssumme von knapp 45'000 Franken basieren, dafür wird eine bedingte Geldstrafe von 194'000 Franken beantragt.

Die Siska fordert einen vollumfänglichen Schuldspruch mit Verweis auf eine Schadenssumme von mehreren Hunderttausend Franken. Die Siska-Anwältin erzählte von weiteren angeblichen Verfehlungen. So habe Schifferle ohne Dokumentierung Bau-Deals abgeschlossen oder Darlehen nicht zurückgezahlt.

Schifferles Anwalt wiederum forderte einen Freispruch in allen Punkten und stellte Günter Heuberger als Strippenzieher eines Plans dar. Er habe Schifferle loswerden wollen und dann öffentlich über eine angebliche Wertminderung der Siska geklagt. Eine solche Wertminderung mache aus Sicht Heubergers aber durchaus Sinn. Denn nach dem Ableben seines Vaters müsse er seine Geschwister aus dem Siska-Vermögen auszahlen. Je tiefer die Bewertung der Firma, desto günstiger werde es für Heuberger. Auf diesen Vorwurf ging die Gegenseite nicht ein.

Erstellt: 02.10.2019, 21:00 Uhr

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