Kirchenrat

Kampf um den Spitzenposten bei den Zürcher Reformierten

Kirchenratspräsident Michel Müller kann im Herbst nicht mit einer schlanken Wiederwahl rechnen, wie es für diesen Posten üblich ist. Ein profiliertes Duo, darunter eine Frau, macht ihm das Amt streitig.

Die beiden Herausforderer kritisieren die forsche Fusionenspolitik. Die Kirche soll im Dorf bleiben, wie hier in Wila.

Die beiden Herausforderer kritisieren die forsche Fusionenspolitik. Die Kirche soll im Dorf bleiben, wie hier in Wila. Bild: Johanna Bossard

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Bei den Reformierten gehen Wahlen meistens ziemlich geräuschlos über die Bühne. Eine Ausnahme machte vor einem Jahr auf nationaler Ebene der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, als es um die Wiederwahl von Gottfried Locher ging. Pfarrerin Rita Famos forderte ihn unter viel Getöse heraus, unterlag aber am Ende. Im Kanton Zürich zeichnet sich nun ebenfalls eine Kampfwahl ab, und zwar bei der Wiederwahl des Kirchenratspräsidenten im Oktober.

Den Top-Job mit Jahresgehalt bis zu 220000 Franken besetzt seit 2011 Michel Müller (55). Ein Duo fordert den Thalwiler nun heraus: Die Volketswiler Pfarrerin und Feministin Gina Schibler (63) und der Hittnauer Pfarrer und Dekan Marcus Maitland (52).

Dominanter Vollzeitler

Kampfwahlen sind in der Politik üblich, aber einzigartig in der jüngeren Geschichte der Zürcher Reformierten. «Noch nie ist ein Versuch unternommen worden, einen amtierenden Kirchenratspräsidenten abzuwählen.» Das sagt Kurt Stäheli (Marthalen), Mitglied des reformierten Kirchenparlaments (genannt Synode), das er zwischen 2013 und 2017 auch präsidierte.

Der Kirchenratspräsident steht dem siebenköpfigen Kirchenrat vor. Das Gremium ist sozusagen die «Regierung» der Reformierten. Der Präsident arbeitet als einziger Kirchenrat vollzeit und hat schon deshalb eine dominante Funktion. Die übrigen sechs Mitglieder sind Teilzeitler (rund 30 Prozent).

Aufgestauter Frust

Hinter dem ungewöhnlichen Angriff steckt vor allem aufgestaute Kritik gegen die Art und Weise, wie Kirchenratspräsident Müller das seit 2012 laufende Grossprojekt Kirchgemeinde Plus durch die Instanzen zieht. Dies legten die beiden Herausforderer gestern vor den Medien dar, sekundiert von Stäheli und Karl Stengel (Meilen), ehemaliger Ombudsmann von Winterthur. Die beiden noch Synodalen – sie hören demnächst auf – vertreten ein Komitee aus Synodalen, das sich offenbar noch nicht ganz aus der Deckung traut. «Es herrscht ein Klima der Angst», sagte Stengel. Viele wagten es nicht, die Harmonie zu stören. Sie hätten die Erfahrung gemacht, dass der Kirchenratspräsident auf Kritik dünnhäutig, gereizt und mit spitzen Bemerkungen auf Personen reagiere. Symptomatisch für diese Angst sei eben, dass nur sie – Stähelin und Stengel – als Abtretende frei zu reden wagten. Und natürlich die beiden Herausforderer, die aber nicht Parlamentsmitglieder sind. Selbstverständlich werde das Komitee vor den Wahlen aus der Anonymität heraustreten und einen Wahlantrag stellen. Die Person, die das machen wolle, stehe jedenfalls bereits fest.

Die Kirchenratswahlen laufen ähnlich ab wie Bundesratswahlen. Wahlorgan ist das 123-köpfige Parlament. In einer ersten Runde wird der Präsident gewählt, danach die übrigen Mitglieder. Um eine Chance gegen Müller zu haben, wollen sich die Herausforderer im Schlussspurt koordinieren, wie sie gestern ausführten. Einer der beiden werde zum richtigen Zeitpunkt, wohl im zweiten Wahlgang, die Kandidatur zurückziehen, um die Stimmen zu bündeln. Misslingt der Angriff aufs Präsidium, kandidierten sie auch als gewöhnliche Kirchenratsmitglieder. Im Gremium ist bis jetzt allerdings nur ein einziger Rücktritt angesagt: jener von Thomas Plaz-Lutz. Würden die beiden gewählt, würde ein Bisheriger verdrängt.

Marschhalt gefordert

So unterschiedliche Persönlichkeiten Schibler und Maitland sind, einig sind sie sich in ihrer Kritik am Projekt Kirchgemeinde Plus. Dabei geht es darum, die Kirchgemeinden zu fusionieren, um auf eine Mindestgrösse zu kommen. 50 Fusionen sind bereits erfolgt, darin eingeschlossen jene in der Stadt Zürich. Schibler und Maitland finden, Kirchenratdspräsident Müller treibe das Projekt zu forsch voran und würge die Kritik daran ab. Man werde vor allem kleineren und mittleren Gemeinden nicht gerecht. «Es braucht einen Marschhalt», fordern sie und glauben, dafür die Mehrheit des Parlaments hinter sich zu haben. Allerdings hat die Synode bisher fast alle Beschlüsse zu Kirchgemeinde Plus gutgeheissen.

«Grösse ist nicht alles», sagte Schibler, die lange in Erlenbach als Pfarrerin tätig war. Mit ihr wachse die Bürokratisierung der Kirche. Der Kirchenrat vertrete einen «Heilsplan der Grösse», der verzweifelt und vermessen zugleich sei. Gegen den Schrumpfungsprozess der Reformierten hat sie andere Rezepte. Die Kirche müsse lokal verankert und ein Ort sein, wo man einander zuhöre und respektiere.

Bei Maitland tönt es ähnlich: «Meine Aufgabe als Kirchenratspräsident verstehe ich in erster Linie darin, zuzuhören, Wertschätzung und Ermutigung zu geben.» Michel Müller habe viel Richtiges getan, aber jetzt sei die Zeit reif für einen Wechsel an der Spitze. Davon habe er sich in vielen Gesprächen mit Kirchenleuten überzeugen können. «Die Monokultur der grossen Gemeinden führt zu mehr Kirchenaustritten», warnte er und verwies auf Erfahrungen in Deutschland. Auch er wolle lieber die Gemeinschaft fördern statt eine grosse Verwaltung aufzubauen.

Frauenfrage lanciert

Schibler stellt auch die Geschlechterfrage. Nach 500 Jahren Männerherrschaft sei es Zeit für eine Frau an der Spitze der Zürcher Reformierten, denn Frauen und Männer seien hier «absolut gleichberechtigt». «Eine Kirchenratspräsidentin wäre ein unglaubliches Zeichen», meinte sie. Schibler ist beschlagen in Frauenthemen. Im Bildungszentrum Boldern war sie Studienleiterin für das Ressort feministische Theologie und persönliche Lebensgestaltung. Zu ihren Themenschwerpunkten gehört ausserdem das Klima, zu dem sie auch publiziert hat. Klima und Artenvielfalt seien zentrale Dossiers für die Kirche, findet sie. «Wenn sie hier nichts tut, sinkt sie in die Bedeutungslosigkeit ab.»

Erstellt: 04.06.2019, 19:55 Uhr

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