Leitartikel

Kanton muss Wiedergutmachung leisten

Thomas Möckli zum Missbrauchs-Skandal um Jürg Jegge.

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Jürg Jegge kann für seine Missbräuche voraussichtlich nicht bestraft werden. Obwohl der Zürcher Reformpädagoge der 70er- und 80er-Jahre zugab, mit «weniger als zehn» Minderjährigen wiederholt sexuelle Handlungen vollzogen zu haben – seine Taten sind verjährt. Nicht einmal eines seiner Hauptopfer, das die «Übergriffe des Musterpädagogen» mit einem Buch an die Öffentlichkeit gebracht hat, will ihn unbedingt im Gefängnis sehen. Auch darum fragt man sich jetzt, wie die Schuld, die sich der pensionierte Starpädagoge aufgeladen hat, auch ohne Strafurteil gesühnt werden könnte.

Dabei ist Sühne nur das Eine. Sie kann offenbar, was Jegge betrifft, nur noch moralisch erbracht werden. Etwa, wie es eines der Opfer gestern gegenüber dieser Zeitung ausdrückte, indem «dass Jegge wirklich auspackt, wie es war, und dass er der Staatsanwaltschaft die Namen seiner Opfer sagt». Anders gesagt: Indem Jegge seine ehemaligen Schüler als seine Opfer anerkennt.

Anerkennung also das Andere. Mit einem solchen, öffentlichen Eingeständnis könnte Täter Jegge seinen Opfern bessere Dienste erweisen, als wenn er die schonungslose Entlarvung seines Systems still und leise hinter Gittern bedauern würde. Im am Donnerstag ausgestrahlten Dok-Film «Das System Jegge» räumen die einstmals um ihn herum tätigen Schul- und Aufsichtsbehörden heute ein, dass man den revolutionären Pädagogen à la «laisser faire, laisser aller» zwei bis drei Jahrzehnte lang experimentieren liess. Und das, obschon man mit der Zeit immer besser wusste, dass das System Jegge schulisch nur recht bis schlecht funktionierte. Ausserdem sei auch die «nicht normale Nähe» des Lehrers zu seinen Schülern Nachbarn und Behördenmitgliedern bekannt gewesen. Spätestens heute, da sie das damalige Treiben Jegges kennen, müssten also genau jene Behördenmitglieder die ehemaligen Schüler als Jegge-Opfer und deren Leid anerkennen.

Doch das tun sie nicht: «Ich finde es daneben, nachträglich die moralische Keule zu schwingen.» Das sagt im Dok-Film ein mit Jegge «befreundeter» Lehrer, und meint die Opfer, deren Schicksal er zwar grösstenteils und spätestens jetzt kennt, aber offensichtlich immer noch nicht anzuerkennen bereit ist. Denn wenn Jegges ehemalige Lehrerkollegen und Schulpfleger mit dem aktuellen Kenntnisstand konfrontiert, Sätze sagen wie «besser zu naiv sein, als jemanden gleich zu verdächtigen», dann offenbaren sie, dass sie die Opfer immer noch nicht ernst nehmen. Wenn die Präsidentin der von Jegges Lebenswerk gebliebenen Stiftung Märtplatz zwar laut einräumt, «Ja, ich war ein Feigling», dann aber nur halblaut verspricht, die damaligen Verhältnisse im Märtplatz aufzuklären, werden die Opfer wohl noch ewig auf Anerkennung warten müssen.

Es sei denn, der Staat tut es. Er sollte. Denn, und das geht aus dem Film ebenso glaubwürdig hervor wie die Schilderungen von Jegges perfid organisierten Missbräuchen: Niemand geringerer als die oberste Schulbehörde im Kanton, die Erziehungsdirektion, hat Jegges zweites Reformprojekt Ende 70er-Jahre mit der Sonderschule in Lufingen lanciert und den Betrieb über Jahre unterstützt, selbst dann noch, als lokale Aufsichtsorgane längst einen lausigen Schulbetrieb, insbesondere in Jegges Klassen, dokumentiert hatten; schriftlich wohlgemerkt. Die Mutter eines Opfers versuchte für Jegges «ständiges Gefummel am Penis» ihres Sohnes bei der Polizeistelle in Illnau-Effretikon Anzeige zu erstatten. Die Ordnungshüter hätten ihr aber nicht geglaubt.

Bei der Frage nach Schuld und Sühne werden Betrachter des Dok-Filmes unweigerlich an den Umgang des Schweizer Fürsorgewesens mit den sogenannten Verdingkindern erinnert: Diese mussten bis vor kurzem um ihre Anerkennung als Opfer kämpfen, nachdem sie bis in die 70er-Jahre fremdplatziert und körperlich und psychisch misshandelt worden waren. Seit April 2017 stellt der Bund Solidaritätsbeiträge in Aussicht. Wer glaubhaft machen kann, dass er aufgrund fürsorgerischer Zwangsmassnahmen in seiner körperlichen, psychischen oder sexuellen Unversehrtheit beeinträchtigt worden ist, kann Ansprüche bis zu 25 000 Franken geltend machen.

Die Konsequenz für den Kanton Zürich und seine Mitverantwortung im System Jegge, könnte eine ähnliche sein. Nachdem Jegge zumindest einen Teil seiner Taten zugegeben hat, muss die Glaubhaftigkeit seiner Opfer nicht mehr hinterfragt werden. Die Bestätigung eines damaligen Behördenmitgliedes, «Ja, der Hans, der Willy, der Fritz... waren damals in Jegges Wohnung, seinem Auto oder mit ihm auf Reisen», würde die Sühne erleichtern und beschleunigen. Eigentlich hat der Dok-Film die laufende Untersuchung der Bildungsdirektion über den Fall Jegge vorweggenommen. Der unabhängige Experte wird dieselben Aussagen und Dokumente prüfen müssen, wie sie für den Dok-Film zusammengetragen wurden. Die Frage dürfte dann immer noch sein: Wenn man weder Jegge noch die damaligen Behörden strafrechtlich belangen kann, wie kann der Staat den Opfern gegenüber dennoch, wenigstens teilweise, Wiedergutmachung leisten? Ein Solidaritätsfonds wie jener für die Verdingkinder wäre ein Weg.

Erstellt: 06.10.2017, 19:15 Uhr

Thomas Möckli, Blattmacher Landbote.

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