Zürich

«Auf manche Mädchen wird die ganze Familie angesetzt»

Seit kurzem ist das Mädchenhaus Zürich mit auffallend vielen Hilfesuchenden konfrontiert. Wegen Platzmangel musste es auch schon Mädchen abweisen.

Im Mädchenhaus Zürich kamen in den letzten Wochen so viele Hilfesuchende an wie noch nie. (Symbolbild)

Im Mädchenhaus Zürich kamen in den letzten Wochen so viele Hilfesuchende an wie noch nie. (Symbolbild) Bild: Marc Dahinden

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Seit dem letzten Oktober ist das Mädchenhaus Zürich permanent ausgelastet. Die sieben verfügbaren Plätze waren neun Monate in Folge alle besetzt. «Das ist auffällig und besorgniserregend», sagt Dorothea Hollender, die das Haus seit September leitet.

Seit 22 Jahren bietet die Institution Mädchen Schutz, denen Gewalt angetan wurde. Pro Woche meldeten sich eines bis zwei Mädchen. «Wenn wir sie nicht aufnehmen können, versuchen wir sie an andere Stellen zu vermitteln, vor allem die, welche nicht primär den Schutz des Mädchenhauses brauchen», sagt Hollender. Die Hilfesuchenden sind zwischen 14 und 20 Jahre alt. Sie erfahren Gewalt im familiären Umfeld. Im Mädchenhaus können sie zur Ruhe kommen und begleitet von einer Fachperson eine Perspektive für die Zukunft entwickeln. Maximal drei Monate dauert der Aufenthalt. «Sonst würden sich die Mädchen hier einrichten», sagt Hollender. «Das wäre nicht gescheit. Wir sind da, um zu überbrücken.»

Die Hälfte der Mädchen meldet sich direkt beim Haus, die anderen werden von Sozialarbeitern, von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) oder von Kinder- und Jugendzentren überwiesen. «In jedem Fall wird die Kesb benachrichtigt», sagt Hollender. Das Mädchenhaus, das als Verein organisiert ist, benötigt aber keine Kostengutsprache, um Mädchen aufzunehmen. Damit ist es niederschwelliger als andere Heime. «Zum Glück», sagt Hollender. «Wir haben häufig Eintritte innerhalb eines Tages, oft weil die Situation der Mädchen überkocht.»

Die Untersten in der Hierarchie

Im Mädchenhaus finden auch Mädchen mit Migrationshintergrund Zuflucht. Doch mit der Zuwanderung sei die Zunahme der Hilfesuchenden nicht zu erklären, sagt Hollender. Entscheidend sei nicht die Herkunft, sondern das Familiensystem. «Egal aus welcher Kultur, wo fundamentalistische und sehr patriarchalische Vorstellungen vorherrschen, dort ist das Risiko hoch, dass Mädchen – die Untersten in der Hierarchie – zum Opfer werden.»

Die Mädchen stammten oft aus einem Umfeld, wo rigide Vorstellungen davon vorherrschten, wie man zu leben habe. «Das können extreme Christen, orthodoxe Juden, islamische oder andere Kulturen sein», sagt Hollender. Besonders schwierig sei die Situation für Mädchen, die sich fremd fühlten in der Schweiz. Sie trauen sich oft weniger, sich zu melden, weil sie sich fürchten, damit rassistische Vorurteile zu verstärken.

Immer wieder komme es deshalb vor, dass Mädchen das Haus wieder verliessen, um trotz allem nach Hause zurückzukehren. «Dann können wir nichts tun, aber die Kesb hat immerhin ein Auge darauf», sagt Hollender. Dass sie wieder zurück in die Familie gehen, in der sie Gewalt erleben, sei «nachvollziehbar» und auch «nicht primär schlecht». Denn in diesen Familien werde das kollektivistische Prinzip sehr hoch gewertet, da sei die Gefahr gross, dass die Mädchen von der Familie verstossen werden, sagt Hollender.

Einige kämen zurück ins Mädchenhaus, Jahre später, wie erst kürzlich. «Sie sagte mir: So, jetzt bin ich so weit, jetzt schaffe ich es», erzählt Hollender.

«Die Dunkelziffer ist bestimmt hoch», sagt Hollender. «Wenn man uns – das einzige Mädchenhaus in der Schweiz – landesweit kennt, dann werden die Zahlen vermutlich weiter steigen.» Das Mädchenhaus habe jetzt auch einen Facebook-Account und eine Handynummer. Das sei wichtig, weil viele Mädchen so stark kontrolliert würden, dass sie sich nicht telefonisch melden könnten. Obwohl das Mädchenhaus überlastet ist, gebe es noch keine Pläne für einen Ausbau. Erst müsse sich zeigen, ob es sich um einen dauerhaften Trend handle.

Ein notwendiges Geheimnis

Das Mädchenhaus ist rund um die Uhr betreut, 18 Frauen teilen sich die Tag- und Nachtdienste. Sie arbeiten maximal 70 Prozent, mehr wäre laut Hollender nicht ratsam, die psychische Belastung sei zu gross. Der Aufenthalt von Minderjährigen im Mädchenheim wird von Bund und Kanton finanziert. Für die Volljährigen übernimmt die Opferhilfe die ersten drei Wochen, ein längerer Aufenthalt von über 18-Jährigen wird mit Spenden gedeckt. Damit am Ende des Jahres eine schwarze Null resultiert, ist das Haus auf bis zu 300 000 Franken Spenden angewiesen.

Die Adresse des Mädchenhauses ist geheim, sie erscheint in keiner Liste. Das sei für die Arbeit des Heims zentral. «Wir sind seit mehr als zehn Jahren hier und sollten eigentlich bald umziehen», sagt Hollender. Der Ort werde immer wieder verraten, «leider auch durch Mädchen selbst», das verschärfe die Situation, man müsse wachsam sein. «Auf manche Mädchen wird die ganze Familie angesetzt.»

Erstellt: 30.05.2017, 10:49 Uhr

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