Brütten/Bern

Letzte Ausfahrt Bern

Jürg Stahl hat sein Amt als höchster Schweizer seinem Nachfolger übergeben. Auf der letzten Dienstfahrt mit Privatchauffeur blickt er auf das vergangene Jahr zurück.

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«Schon nicht schlecht, der Chef in diesem Haus da vorne zu sein», sagt Jürg Stahl und zeigt durch die Fensterscheibe des Dienstwagens auf das Bundeshaus. Noch ist er der Chef im Haus. Der letzte Tag als Nationalratspräsident ist angebrochen, zum letzten Mal hat ihn sein Chauffeur in Brütten abgeholt, um ihn nach Bern zu fahren. «Türe zu, Ruhe», sagt Stahl, diese Ruhe habe er genossen. Reden nämlich sei das Alleranstrengendste am Jahr gewesen, «immer reden».

Heute muss er nochmals viel reden, das fing daheim in Brütten mit dem Fernsehteam an, das um sechs in der Früh vor seiner Haustür stand. Es ging weiter mit der Morgenshow im Radio, «1,5 Millionen Menschen haben zugehört, da ist man froh, wenn alles glatt läuft». Kaum in den Wagen eingestiegen, poppt auf Stahls Mobiltelefon eine Nachricht auf: Parteikollege und einer der Amtsvorgänger Max Binder (SVP) gratuliert zum sympathischen Radiointerview. Stahl strahlt.

Ein Lob auf die «Chrampfer»

«Da hat sich Max bestimmt einen Ruck geben müssen», sagt Stahl, es gebe nämlich viele Männer, die Männern keine Komplimente machen könnten. Stahl kann es, lobt hier, lobt da. Den Chauffeur, sein Team in Bern, die vielen «Chrampfer» da draussen, diegute Arbeit machen würden ohne Glanz und Ruhm.

«Psychisch wie physisch bin ich  streckenweise an die Grenzen gegangen.»Jürg Stahl

Und die Leute vom Radio mag er, er kennt viele von ihnen und ist Gegner der No-Billag-Initiative, weil die SRG gut für die Vielfalt im Land sei. «Jetzt links», sagt er zum Chauffeur, Stahl kennt die Gegend, die Versicherung Groupe Mutuel liegt hier beim Radiostudio um die Ecke, er ist Mitglied der Geschäftsleitung. Im letzten Jahr hat er sein Pensum von 50 auf 20 Prozent reduziert, zumal er neben dem Amtals Nationalratspräsident auch Swiss Olympic präsidiert.

An die Grenzen gegangen

Heute Morgen musste er sich einen Schubs geben, wie er sagt: «Man sehnt den letzten Tag herbei. Gut, dass jetzt Schluss ist.» Stahl ist froh, die Verantwortung abzugeben. «Das Volumen an Anfragen und Einladungen ist ein Hosenlupf», er sei glücklich über die vielen Ecken und Menschen der Schweiz, denen er habe begegnen dürfen. Einen dicht bepackten Rucksack an Emotionen nehme er mit. Und doch: «Psychisch wie physisch bin ich streckenweise an die Grenzen gegangen.» Er habe es vielleicht übertrieben mit Terminen.

«Ich fahre Jürg immer an die Front, ganz vorne hin – da, wo er verlangt wird. Im Wagen darf er Mensch sein.»Jürg Stahls Chauffeur

Mit seiner Frau Sabine hat er oft über den Endpunkt dieses Amtsjahres gesprochen, «sie hat mich enorm unterstützt», sagt er. Mit Zuspruch und Zuneigung. «Sie hat mich bestätigt, wenn ich unsicher war, ob ich das alles auch richtig mache.» So, wie man sich eine Partnerschaft eben wünsche, in der man sich ergänze. Eine Frau, die ihn im grossen Spagat zwischen Arbeit und Familie, den ganz viele Männer im Land machen würden, entlaste. Er im Gegenzug biete ihr Verlässlichkeit. «Sie hat Zugriff auf meine Agenda, wenn sie etwas abmachen will an einem Samstag, dann kann sie auf mich zählen.» Töchterchen Valérie glaubt er nicht verpasst zu haben, die Zeit mit ihr sei seine Insel. Gerade wurde sie zwei, da habe er natürlich keine Termine angenommen.

Anerkennende Worte

«Ich darf gaffen, du nicht», ruft Stahl zum Chauffeur, bei Aarau ist ein Unfall geschehen. «Zwischen mir und ihm stimmt die Chemie», er möge die Gespräche mit seinem Fahrer, könne hier bei ihm mal fluchen über Ärgernisse, könne aber auch schweigen. «Ich fahre Jürg immer an die Front, ganz vorne hin, da, wo er verlangt wird», erzählt dieser, «im Wagen darf er Mensch sein.» Und er werde ihm fehlen, der Mensch Jürg Stahl. Von Sitzung zu Sitzung hetzen, von Anlass zu Anlass, klar sei ein Chauffeur eine Entlastung, so Stahl. Aber keine, der er nachweinen werde, Zugfahren sei auch lustig. Grad neulich habe einer im Waggon zu seinen Kumpels gesagt: «He, da hinten sitzt der Höchste», er sei auf ihn zugekommen und habe sich über die verspäteten SBB beschwert. «Kaffee trinken, Pause machen», antwortete Stahl. Berührbar sein, das ist ihm wichtig. Das Schöne mit vielen Menschen teilen.

Sein Hauptauftrag, den Ratsbetrieb zu leiten, das sei ihm wohl gut gelungen: «Den Menschen Raum und Vertrauen geben, das kann ich, das ist mein Führungsstil.»

Es sei ihm geglückt, die Nationalrats- und Bundesversammlung so zu leiten, dass er viele anerkennende Worte höre, so Stahl, das erfülle ihn mit Stolz. Bis auf den Felssturz in Bondo ist die Schweiz in diesem Jahr von Katastrophen verschont geblieben. Der Fokus aufs Schöne sei deshalb leichtgefallen. «Im Unglücksfall zeigt sich die Stärke von Führungskräften. Ich musste zum Glück nicht zeigen, dass ich das auch gekonnt hätte.»

Mitte Dezember stehen Ferien an. «Ich muss jetzt für mich realisieren: Das hier ist vorbei.» Dann geht es zügig weiter: Rückblickreferate, die Schweizer Equipe an die Winterspiele nach Südkorea begleiten, dann ist bereits Frühjahrssession in Bern. Jürg Stahl will von einem Rücktritt auch nach seinen achtzehn Jahren im Nationalrat nichts wissen.

Er bleibt für den Sport

Obwohl ihm die Zurückhaltung in Sachfragen nicht schwergefallen sei, freue er sich jetzt wieder aufs Politisieren. «Ich habe viel zu oft gehört, ich sei kein typischer SVPler, dagegen wehre ich mich.» Eigentlich, wenn man genau hinschaue, stelle man fest, dass ein Typ wie er sehr wohl ein typischer SVPler sei, in der Breite der Partei hätten eben viele Platz.

Wer Stahls olympisches Ziel mit der Präsidentschaft von Swiss Olympic erreicht glaubt, der irrt: Dass der Bundesrat Anfang Oktober eine Milliarde für olympische Winterspiele in Aussicht gestellt hat, spornt Stahl an. «Das ist nun meine grosse politische Aufgabe.» Auch tritt Stahl der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats bei.

Trotz neuer Aufgaben erhofft sich Jürg Stahl nun ein bisschen Luft. Zum Beispiel in Arosa mit der Familie. Die längste Dienstreise hat Stahl zehn Tage am Stück in den Golfstaaten geführt, da hatte er Heimweh. Und klar vermisse er seine Freizeit. «Viele Kameraden sind hinten angestanden», sagt Stahl, der sich nun freut, seinen Jass nicht mehr im Zug auf dem Tablet auszutragen, sondern am Stammtisch zu spielen. Einer seiner treusten Begleiter, der Stadtammann des Betreibungskreises Winterthur, Roland Isler, erwartet seinen Freundbereits in Bern. Und tatsächlich klingt es fast so vertraut wie am Stammtisch, wenn Stahl unter seinen Freunden ist. Sie helfen ihm, das Büro zu räumen, bepacken Kisten mit chinesischem Porzellan und anderen Geschenken aus aller Herren Länder. Jetzt zieht der Freiburger CVP-Politiker Dominique de Buman ein.

Erstellt: 28.11.2017, 08:19 Uhr

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