Winterthur

Lüg – oder sag die Wahrheit!

Der Winterthurer Tobias Weber macht das Kino zum interaktiven Erlebnis: In seinem Film «Late Shift» steuert der Zuschauer die Figuren über eine Handy-App.

Lügen oder die Wahrheit sagen, folgen oder nicht? Im interaktiven Film «Late Shift» entscheiden die Zuschauer im Kino demokratisch via Handy über den Handlungsverlauf.

Lügen oder die Wahrheit sagen, folgen oder nicht? Im interaktiven Film «Late Shift» entscheiden die Zuschauer im Kino demokratisch via Handy über den Handlungsverlauf. Bild: pd

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Ihr Film digitalisiert die Idee der Lesespurbücher: Der Zuschauer wählt den Weg durch die Handlung selbst. Haben Sie den ersten interaktiven Film der Welt gedreht?

Tobias Weber: Das ist Ansichts­sache. Es gab in den Neunzigern ähnliche Ansätze mit Laser-Discs. Der Film wurde aber unterbrochen, es erschien eine Tafel, auf der man gefragt wurde, was man weiter tun will. Unser Film stoppt nicht, das ist die eigentliche Innovation. Man hat fünf Sekunden, um zu entscheiden. Unternimmt man nichts, geht die Handlung weiter, wie im richtigen Leben.

Der Film spielt in London, wo ein Nobody gegen seinen Willen in ein Verbrechen involviert wird. Was sind es für Entscheidungen, die der Zuschauer in diesem Setting trifft?

Das sind zum Teil sehr kleine Dinge, etwa ob man in einem Dialog flirten möchte. Es geht aber auch so weit, dass der Prot­ago­nist mit geladener Waffe vor seinem Widersacher steht – und man sagen muss, ob er abdrücken soll.

Wie muss man sich die Struktur des Films vorstellen, wie einen verästelten Baum?

Ja, das Drehbuch kann man sich wie einen Baum vorstellen. Allerdings ist es nicht so, dass sich der Baum beliebig oft verzweigt. Gewisse Handlungsstränge respektive Äste fliessen wieder zusammen. Aber der Film merkt sich, was entschieden wurde. Es kann also sein, dass man in dieselbe Si­tua­tion kommt, aber unter anderen Vorzeichen. Die Figuren verhalten sich entsprechend anders.

Wie viele Erzählwege gibt es?

Offen gestanden, wissen wir es nicht. Allein durch die ersten fünf Minuten gibt es über 50 000 Wege. Als wir versucht haben, das für den ganzen Film zu berechnen, sind die Computer abgestürzt. Es gibt 180 Entscheidungspunkte und vier Stunden Material. Je nach Weg dauert der Film 60 bis 80 Minuten. Wir gehen davon aus, dass man ihn zwei- bis dreimal schauen kann, dann wird es etwas repetitiv.

Wie haben Sie den Film ­konstruiert?

Wir hatten eine Geschichte und haben davon Varianten abgeleitet. Der Film kann in eine Tragödie oder in ein Happy End auslaufen. Die Unterschiede sind gross.

Haben Sie einen Lieblingsfilm innerhalb der Optionen?

Es gibt Szenen, die mir sehr gefallen. Bei den Testvorführungen habe ich die Leute beobachtet und mich manchmal über Entscheide gefreut. Einige Pfade wurden aber auch zu oft beschritten. Dann haben wir Gegensteuer gegeben.

Kann sich ein Zuschauer ohne dramaturgisches Gespür den Film auch kaputt machen?

Das war eine der grossen Fragen im Vorfeld, ob wir einen stringenten Film hinbekommen, wenn wir die Dramaturgie in die Hand der Zuschauer legen. Damit haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. Weil sich der Film alles merkt, fallen gewisse Optionen je nach Entscheidung weg. Wer das beste Ende sehen will, muss aber schon eine klare Haltung haben.

Sie vermarkten den Film als App fürs Handy, er läuft aber auch in Kinos. War es schwierig, die Betreiber dafür zu gewinnen?

Eigentlich nicht. Das Interesse an neuen Formen ist gross. Das Kino ist durch die Heimkinos unter Druck. 3-D, Surround-Sound-Anlagen und Liveelemente sind Antworten darauf. Wir sehen unseren Film als eine der neuen Formen. Flächendeckend in die Kinos bringen können wir ihn aber noch nicht, weil die Säle dafür technisch ausgerüstet sein müssen.

Im Kinosaal wird demokratisch über Handy-App entschieden. Wie wirkt sich das im Saal aus?

Die Testvisionierungen haben gezeigt, dass eine kollektive Stimmung aufkommt. Es gibt viele Reaktionen. Im Saal ist es also deutlich lauter als normalerweise.

Sie haben für Ihren Film eine Gesellschaft gegründet, die CtrlMovie. Wollen Sie Ihr Konzept international vermarkten?

Ja, wir richten uns an grosse Studios. Im Frühling gehen wir nach Cannes, wo wir den Film in Fachkreisen zeigen. Er ist für uns ein Testballon. Wir wollen wissen, ob es dafür einen Markt gibt.

Sie haben 1,5 Millionen ­Franken in den Dreh investiert. Woher stammt dieses Geld?

Das meiste von Privaten. Ein grosser Teil ist Venture-Capital. Wir haben aber auch SRF und Pro Helvetia, die uns unterstützen. Hingegen hatten die Kommissionen des Bundesamtes für Kultur und der Zürcher Filmstiftung zu viele Vorbehalte. Was, wenn der Film ein Erfolg wird: Steht Ihr Leben dann kopf?

Das hat in den letzten zwei Jahren schon kopfgestanden. Wenn wir Erfolg haben, heisst das, dass es einen zweiten Film geben wird.

Auch diese Entscheidung fällen die Zuschauer.

Letztlich schon.

Erstellt: 26.02.2016, 22:36 Uhr

Film und Filmemacher

Zum Film: «Late Shift» mit Joe Sowerbutts und Haruka Abe in den Hauptrollen erscheint am 10. März im App-Store und läuft auf iPad und iPhone. Eine An­droid-Version ist vorerst nicht ­erhältlich. Der Download des ersten Kapitels ist gratis, wer den ganzen Film will, zahlt 10 Franken. Ab dem 17. März läuft «Late Shift» im Zürcher Kino Houdini.
Zum Regisseur: Tobias Weber (39) lebt in Winterthur. Er ist Absolvent der London Film School und Inhaber der Filmproduktionsgesellschaft «&Söhne». mcl

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