Winterthur

Max – am anderen Ende der Leine

Wer keine Zeit für einen eigenen Hund hat, kann sich im Tierheim als Hunde-Ausführer bewerben. Damit tut man nicht nur einem Tier, sondern auch sich selbst etwas Gutes, wie unser Selbstversuch zeigt.

Max, ein knapp dreijähriger kastrierter Rüde aus dem Tierheim Rosenberg, ist aufgestellt, umgänglich, sozial und manchmal ein kleiner Wichtigtuer. Am anderen Ende der Leine verbreitet er viel Freude.

Max, ein knapp dreijähriger kastrierter Rüde aus dem Tierheim Rosenberg, ist aufgestellt, umgänglich, sozial und manchmal ein kleiner Wichtigtuer. Am anderen Ende der Leine verbreitet er viel Freude. Bild: Johanna Bossart

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«Voilà Max. Max est un chien.» Die banalen Sätze aus dem Französisch-Buch gehen mir kurz durch den Kopf, als ich im Tierheim auf meinen Schützling treffe. Auch er heisst nämlich Max. Sonst hat er mit dem artigen Hund aus dem «Cours intensif» aber wenig gemein. Dafür umso mehr mit mir, wie sich bald herausstellen wird.Aus dem Zwinger gelassen, schlägt Max erst einmal Alarm. Er bellt, springt aufgeregt durch den Flur und an mir hoch. Da drückt sich nicht nur Freude aus, merke ich, da will einer bei der ersten Gelegenheit Eindruck schinden. Voilà: unsere erste Gemeinsamkeit.

Es ist kurz nach 9.00 Uhr, als wir vom Tierheim Rosenberg aus loslaufen Richtung Amelenberg. Iris Spiess, die Leiterin des Tierheims, begleitet uns so wie immer, wenn ein Neuling einen Hund ausführt. Die Tiere sind durch ihre Präsenz ruhiger. Und Spiess kann beobachten, wie das Gespann zueinanderpasst.

Nach zwanzig Metern die erste Pause. Max, ein bald dreijähriger kastrierter Rüde, markiert den Grünstreifen am Strassenrand. Wir sind noch auf der Tierheimstrasse, die auf einer Seite von Pün­ten gesäumt wird. «Das lassen wir ihm ausnahmsweise durchgehen», sagt Spiess.

Eigentlich gut vermittelbar

Max ist ein umgänglicher Hund. Nicht ängstlich, nicht übertrieben temperamentvoll, durchaus sozial. Im Freien hat er viel Energie; daheim rollt er sich im Körbchen ein. «So wünschen sich das die meisten», sagt Spiess.

Ins Tierheim kam er zusammen mit seiner Schwester Tiara vor einem Dreivierteljahr, nachdem der Besitzer verstorben war. Solche Hunde wie auch Scheidungshunde seien eigentlich gut vermittelbar, sagt Spiess. Sie sind nicht wegen besonderer Macken im Tierheim gelandet und stammen nicht von Besitzern, die sie vernachlässigt oder alles Erdenkliche falsch gemacht haben.

Dass Max und Tiara trotz­dem noch immer im Rosenberg wohnen, hat andere Gründe. «Sie haben Leishmaniose», sagt Spiess. Eine durch Sandmücken übertragene Infektionskrankheit, die im Mittelmeerraum weit verbreitet ist. Aufgelesen haben Max und Tiara den Parasiten in Spanien, wo sie mit ihrem Schweizer Besitzer zuletzt gelebt haben.

Leishmaniose ist behandelbar, aber nicht heilbar. Infizierte Hunde müssten regelmässig zum Bluttest und je nach Resultat Medi­kamente gegen den Erreger einnehmen, erzählt Spiess. Wieder eine Gemeinsamkeit, denke ich: Seit einer Schilddrüsen-OP sind eine tägliche Pille und regelmässige Blutuntersuchungen Pflicht. Wer Max ein neues Zuhause schenkt, der muss also ­etwas mehr Zeit mitbringen und sich auf zusätzliche Kosten für den Tierarzt einstellen – ein Handicap in der Vermittlung.

Wer führt hier wen?

Im Wald stossen wir auf einen ande­ren Hund mit Halter. Max, der bis dahin artig mitgetrottet ist, bleibt wie angewurzelt stehen und beobachtet den allfälligen Rivalen. Das Gespann zweigt aber ab. Max sei neugierig, sagt Spiess. Aber ein Raufbold ist er nicht. Noch eine Übereinstimmung.

Es geht weiter mit uns zweien, am einen und am anderen ­Ende der Leine. Wer führt, bleibt einigermassen offen. Wie ein ganz Grosser Bei-Fuss-Laufen kann Max noch nicht. Er hat keine perfekte Kinderstube. Aber er bockt auch nicht. Nach der Hälfte der Runde nimmt er mich allmählich wahr, schaut ab und zu zu mir hoch und nicht mehr nur auf Spiess, die Hand, die ihn füttert.

Ich versuche, ob ich mir Respekt verschaffen kann, und sagte entschlossen: «Sitz!» Max macht keine Anstalten. Auch als Iris Spiess es versucht, bleibt er stehen und schaut uns etwas gelangweilt an. «Wären Leckerli im Spiel, ­würde er mitmachen», sagt Spiess. Auch da tickt Max ganz wie ich. Autoritätsgläubig ist er nicht, aber er reagiert auf Belohnungen.

«Wie mache ich mich denn?», frage ich nach einer Weile. «Ganz gut», sagt Spiess. Allerdings müsse ich die Leine besser festhalten. Mit dem Handgelenk durch die Schlaufe – so kann sich Max, der einen lebendigen Jagdtrieb hat, nicht losreissen. Die Leine bleibt den ganzen Spaziergang über unsere Verbindung. Nicht nur, weil wir vor allem durch den Wald laufen. Tierheimhunde darf man nicht ableinen, sagt Spiess. Denn sie trägt eine Mitverantwortung, wenn etwas passieren sollte.

«Wenn Leckerli im Spiel wären, würde er mitmachen.»

Iris Spiess, Leiterin des Tierheims Rosenberg

Nach einer Dreiviertelstunde sind wir zurück im Tierheim. Max macht es sich im Eingangsbereich bequem. Er ist jetzt ganz ruhig, selbst als ein Schmetterling über seinem Kopf vorbei segelt. Dann trifft die Fotografin ein. Noch einmal wird Max angeleint. Eine Extrarunde? Man sieht ihm die freudige Überraschung an – aber dann auch die Enttäuschung, als es nur hin und zurück geht auf der Tierheimstrasse, immer wieder auf die Kamera zu. Max blickt demonstrativ unbeteiligt. Ein bisschen arrogant ist er auch, der Kleine, denke ich, und fühle mich erneut ertappt.

Der Idealfall

Wir wären wohl ein gutes ­Team, Max und ich, doch um regelmässig mit ihm loszuziehen, fehlt mir die Zeit. Max hat aber sowieso schon jemanden, der mit ihm Gassi geht. So wie die fünf anderen Hunde, die im Tierheim Rosenberg derzeit auf neue Besitzer warten. «Wir können im Moment niemanden mehr aufnehmen, der Hunde ausführt», sagt Iris Spiess. Doch nach den Ferien könnte sich das ändern, dann, wenn leichtfertig aus dem Ausland mitgebrachte Tiere im Heim landen.

Manchmal wächst aus einer Leinen-Bekanntschaft eine feste Beziehung. Bereits zweimal in ihren fünf Jahren auf dem Rosenberg habe sie erlebt, dass ein Ausführer den Hund adoptierte, sagt Spiess. «Das ist der Idealfall.»

Max hat gute Chancen, ein Plätzchen zu finden, denke ich mir bei der Abreise. Trotz seiner Krankheit und obschon er ein Mischling ist und kein rassenreiner Modehund. Denn Max hat Charme und er ist ein hübscher Kerl – was bei der Vermittlung eine Rolle spielt. Unklar ist nur, wer seine Eltern waren. Ein Jack Russel soll beteiligt sein, hiess es, als Spiess den Hund übernahm. Aber das ist nicht zu sehen. Der lange Körper und die kurzen Beine lassen eher auf einen Dackel schliessen, und der muss sich mit einem ungleich grösseren Hund gepaart haben. Dass seine Schwester Tiara ihm nicht ähnlich sieht, macht die Sache nicht einfacher. Kurzum: Die Rasse lässt sich nicht bestimmen. So hat dann der Satz aus dem Französischbuch doch noch seinen tieferen Sinn: «Max est un chien.»

Erstellt: 10.08.2016, 18:02 Uhr

Was man für das Tierwohl tun kann

Tierpatenschaft, Katzen streicheln und Co.

Laut dem Schweizer Tierschutz (STS) hat die Zahl der Heimhunde zuletzt erkennbar abgenommen. Helen Sandmeier, Sprecherin des STS, führt die Entwicklung auf die Einführung der Chip-Pflicht in der Schweiz zurück: «Dass Hunde vor den Ferien an der Raststätte ausgesetzt werden, kommt fast nicht mehr vor.» Denn die Besitzer sind durch den Chip ermittelbar.
Trotzdem wurden im Jahr 2014 2900 Hunde in Tierheimen abgegeben, die dem STS angeschlossen sind. Knapp jedes sechste Heimtier war damit ein Hund. Klar grösser ist der Anteil Katzen, für die es keine Chip-Pflicht gibt und von denen in der Schweiz geschätzte 100?000 Tiere als Streuner leben. Laut der Statistik des STS war mehr als jedes zweite Heimtier eine Katze. Die Zahlen für 2015 sollen nächste Woche veröffentlicht werden. Sie bewegen sich auf ähnlichem Niveau.
Wer sich für Heimtiere oder im Tierschutz engagieren will, hat viele Optionen. Das Ausführen von Hunden ist ein Klassiker. In vielen Heimen gibt es ferner die Möglichkeit, Katzen zu streicheln. Willkommen ist oft auch Hilfe beim Putzen und Ausmisten. Sandmeier rät, mit lokalen Tierheimen Kontakt aufzunehmen. Verbreitet ist auch die Möglichkeit, eine Patenschaft einzugehen. Wer keinen Platz für ein Tier hat, kann für ein nicht mehr vermittelbares Heimtier die Kosten übernehmen.
Wegen der grossen Zahl von Tierschutzorganisationen empfiehlt der STS, sich beim Spenden eine Organisation genau anzuschauen, damit das Geld zweckdienlich verwendet wird. Sandmeier rät vor allem bei Tierrettungsorganisationen, die sich im Ausland engagieren, zweimal hinzuschauen. «Es gibt viele gute Angebote, aber auch einige, die ein Geschäft machen wollen.»
Wer sich im Tierheim Rosenberg engagieren will, muss sich gedulden. Im Moment sind keine Hundeausführer gesucht. Nach den Sommerferien können sich Interessierte ab 18 Jahren per Mail (irspiess@bluewin.ch) nach dem Bedarf erkundigen. Wer sich für die Adoption eines Heimtieres interessiert, soll telefonisch Kontakt aufnehmen, für ein Vorgespräch und um einen Kennenlerntermin zu organi­sieren.

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