Schadenersatz

«Mit dem Ticketkauf verpflichtet sich der Zuschauer zu Wohlverhalten im Stadion»

In einem juristisch in der Schweiz bisherbeispiellosen Fall fordert der FC Winterthur von einemPetardenwerfer rund 12 000 Franken für eine Busse zurück. Der Anwalt des Klubs stützt sich auf deutsche Gerichtsurteile.

Fussball, wie er sein soll: Das Bild zeigt den FCW gegen den FCZ am 13. Mai in einem der sportlichen Momente. Doch bei diesen blieb es nicht.

Fussball, wie er sein soll: Das Bild zeigt den FCW gegen den FCZ am 13. Mai in einem der sportlichen Momente. Doch bei diesen blieb es nicht. Bild: Heinz Diener

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Wenn die eigenen Fans oder Gäste im neutralen Sektor eines ­Stadions randalieren, wird der Heimklub von der Liga gebüsst und bleibt auf den Kosten sitzen. Mit dieser Gesetzmässigkeit will der FC Winterthur jetzt brechen.

Nachdem er für einen Petardenwurf beim Heimspiel gegen den FC Zürich am 13. Mai 2017 ­gebüsst worden ist, verlangt der Verein vom fehlbaren Stadiongast nun insgesamt 11 900 Franken Schadenersatz plus Zinsen. Der junge Mann aus dem weiteren Umland von Winterthur ­bestreitet die Forderung und hat einen Anwalt genommen. Nun kommt der Fall, der in der laufenden Diskussion um Hooligans, Gewalt und Sanktionen im Fussball richtungsweisend sein könnte, vor die Schlichtungsstelle. Ein entsprechendes Gesuch wurde diese Woche an das zuständige Friedensrichteramt verschickt.

Für den FC Winterthur führt der Winterthurer Rechtsanwalt Daniel Mägerle die Verhandlung. Er interpretiert den Petardenwurf juristisch als eine Vertragsverletzung. Den Vertrag, mit Rechten und Pflichten, gehe der Zuschauer ein, wenn er beim Klub ein Ticket kaufe, ist Mägerle überzeugt. Der Zuschauer verpflichte sich zu einem «Wohl­verhalten im Stadion», also insbesondere dazu, «den Spielablauf nicht zu stören, keine anderen Zuschauer zu gefährden und keine Schäden anzurichten». Diese Pflichten würden durch die im Matchprogramm gedruckte Stadionordnung kommuniziert und sich aus Treu und Glauben ergeben. Verletzt der Stadiongast den Vertrag, so Mägerles Argumentation, wird er gegenüber dem Klub schadenersatzpflichtig.

Vorbilder im deutschen Recht

Mägerle stützt sich auch auf Ur­teile der deutschen Justiz. So hat das Landgericht Rostock 2005 entschieden, dass Zuschauer, die während eines Meisterschaftsspiels unbefugt das Spielfeld betraten, für eine entsprechende Busse des Deutschen Fussball-Bundes schadenersatzpflichtig sind.

«Wir setzen uns dafür ein, dass gewalttätige Personen identifiziert und bestraft werden.»Sprecher der Swiss Football League

«Das Landgericht Rostock handelte in diesem Urteil die auch unter schweizerischem Recht ­gültigen Voraussetzungen ab», so Mägerle. 2015 hielt auch das Landgericht Köln in einem Urteil analog fest, dass Vereine für vom Verband verhängte Strafen Schadenersatzansprüche gegen Störer geltend machen können.

Zuspruch von der Liga

Vom deutschen Bundesgerichtshof liegt bisher ein einschlägiges Urteil vor. Am 22. September 2016 bejahte das höchste deutsche Gericht in einem Fall die Regress­ansprüche eines Vereins gegen einen Zuschauer. Dem steht laut Mägerle ein Fall gegenüber, in dem das Urteil zugunsten des Zuschauers ausging, allerdings mit anderen Vorzeichen als in Winterthur. Der Zürcher Anwalt des Petardenwerfers konnte sich gestern nicht zum Fall äussern. Dass sein Mandant im Ausland sei, habe eine Rücksprache nicht zugelassen, begründete er den Verzicht.

Verständnis für das Ansinnen des FC Winterthur zeigt derweil die Liga selbst, die keine Kenntnis von einem vergleichbaren Fall hat. «Die Swiss Football League setzt sich gemeinsam mit Behörden und Klubs dafür ein, dass gewalttätige Personen identifiziert, der Justiz zugeführt und bestraft werden», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Und weiter: Die Absicht eines Klubs, im Schadenfall die überführte Person in Regress zu nehmen, korrespondiere mit diesem Ziel.

Demonstrierte Nulltoleranz

Der FCW will mit der Schadenersatzforderung vor allem ein Zeichen setzen, wie Geschäftsführer Andreas Mösli sagt. Zwar soll es im Fussballstadion Freiräume geben, bei Gewalt gelte aber eine Nulltoleranz. Was den juristischen Aufwand betrifft, will Mösli allerdings «die Verhältnismässigkeit wahren».

Erstellt: 15.02.2018, 08:57 Uhr

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