Kommunalpolitik

«Nach Giacobbo/Müller habe ich Lust auf Seldwyla»

Mike Müller hat ein Theaterstück geschrieben, in dem es um eine Gemeindeversammlung geht. Im Interview spricht er über Identität, Fusionen und warum er sich mit Hydranten auskennt.

Schauspieler Mike Müller spielt in «Heute Gemeindeversammlung» alle Rollen selber. Für das Stück hat er auch in der Region recherchiert.

Schauspieler Mike Müller spielt in «Heute Gemeindeversammlung» alle Rollen selber. Für das Stück hat er auch in der Region recherchiert. Bild: Marc Dahinden

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Können Sie sich an Ihre erste Gemeindeversammlung erinnern?
Mike Müller: Ja, mein Vater nahm mich mit 20 Jahren an jene der solothurnischen Gemeinde Wisen mit. Am Schluss der Versammlung trat der Gemeindepräsident aus lauter Ärger per sofort zurück.

Weshalb?
Die Einwohner lehnten eine geplante Einzonung ab.

Waren Sie danach je wieder an einer Gemeindeversammlung?
Nein, kurz darauf habe ich die Matur abgeschlossen und bin danach weggezogen.

Sie waren nie Stimmenzähler?
Nein, aber eine Sequenz in meinem Stück handelt davon. An der Generelversammlung des Casinotheaters musste ich aber auch schon Stimmen zählen.

Dort führen Sie am 10. Oktober «Heute Gemeindeversammlung» zum ersten Mal auf.Warum beschäftigt Sie nach «Giacobbo/Müller» nun die Kommunalpolitik?
Neun Jahre lang haben wir uns mit der glamourösen nationalen Politik beschäftigt, nun habe ich Lust auf Seldwyla bekommen.

Was ist der Unterschied?
In der Kommunalpolitik lösen sich die Parteigrenzen zum Teil auf. Vieles ist Sachpolitik und dann merkt man: Die ganzen ideologischen Diskussionen, die den nationalen Diskurs bestimmen, die spielen keine Rolle.

Warum ist das so?
Bei einem Schulhaus, einem Kreisel oder dem Entscheid, ob man den 80-Jährigen einen Blumenstrauss im Altersheim vorbeibringen soll, spielt die Ideologie einfach nicht so eine riesige Rolle. Die Politik ist viel näher bei den Leuten.

Wann kam dieses Bewusstsein bei Ihnen auf?
Mit der SRF-Serie «Bestatter» sind wir oft in den Gemeinden draussen und drehen. Dort lernt man das eine oder andere Behördenmitglied kennen und man merkt: Ah, da arbeiten die Leute ja zusammen.

Auf nationaler Ebene doch auch.
Ja, aber nur wenn die Kameras nicht laufen. Die Politdebatte wird oft von ideologischen Positionen besetzt. Manchmal auch zurecht, weil es ein Richtungsentscheid ist. In den Gemeinden müssen die Leute aber zusammensitzen und es geht um ganz konkrete Dinge. Mir ist aufgefallen, dass die Kommunalpolitiker weit weg von den nationalen Parteien sind. Dieses Gegensätzliche interessiert mich.

Wie haben Sie recherchiert?
Ich habe mit dem ehemaligen Gemeindepräsidenten der nun fusionierten Gemeinde Kyburg, Kurt Bosshard, und Ueli Müller, Stadtpräsident von Illnau-Effretikon, gesprochen. Auch mit Regierungsrat Markus Notter habe ich mich getroffen.

Worum ging es da?
Ich wollte wissen, ob meine fiktionale Version einer Versammlung in etwa stimmt oder Dinge unrealistisch sind. Wie etwa die Sache mit der Feuerwehr, die sich schon längst erledigt hat.

Die Feuerwehr?
Ich dachte immer, die Feuerwehren seien wichtig für die Gemeinden. Dabei ist das längst alles in Zweckverbänden geregelt. Das hat die Ökonomie diktiert. Ich war auch mal in einer Dorffeuerwehr, zwangsverpflichtet, nicht freiwillig und das war eine absolute Farce.

Wieso gezwungen?
Es gab einen Regierungsratsbeschluss, weil die Gemeinde so klein war. Ich war 18 Jahre alt und die Feuerwehr besass nicht mal ein Auto, es war höchst prekär.

Ihre Aufgabe?
Vor jeder Übung musste jemand erklären, wie der Hydrant funktioniert. Alle schämten sich. Als Kantischüler galt ich als Schriftgelehrter und deshalb habe ich diese Aufgabe übernommen. Wenn wir gerannt sind, musste ich nur den Hydrantenschlüssel schleppen.

Wieso haben Sie sich für Fiktion und gegen ein Recherchestück entschieden?
Ich hatte nach drei Recherchestücken wieder Lust auf eine fiktionale Arbeit. Es ging bei all den Recherchestücken auch immer darum, die Leute nicht blosszustellen oder einen Sozialporno zu drehen. Zeigen, dass es auf dem Dorf auch komische Leute hat, finde ich viel zu uninteressant.

In Ihrem Stück geht es auch um Fusionen.
Ja, durch die Fusionen kommen an den Gemeindeversammlungen Identitätsfragen auf. Da gibt es eine grosse Auseinandersetzung zwischen Behörden und Bevölkerung. Weil es den Leuten um Steuergelder oder die Schule als Ort der Identität geht.

Was halten Sie von Fusionen?
Ich bin unschlüssig. Grundsätzlich finde ich: Man muss in einem Staatswesen offen sein für neue Strukturen. Ich verstehe, dass sich kleine Orte wehren, ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Genauso verstehe ich aber auch den Kanton, der sagt, wir finanzieren euch diesen Spass nicht mehr. Man kann bedauern, dass die Ökonomisierung alles bestimmt. Interessant finde ich aber den Graben zwischen Behörden und Bevölkerung.

Welchen Graben?
Die Behörden sehen die Identität einer kommunalen Struktur viel stärker. Den Einwohnern geht es viel mehr ums Geld. Etwas, das man sonst lustigerweise den Politikern vorwirft.

Es gibt aber auch ältere Semester, die nicht verkraften können, wenn die Gemeinde stirbt.
Möglich, aber nicht alle. Denn die 80-Jährigen sind auch durch die heutige Mobilität geprägt, die in den letzten 20 Jahren enorm zugenommen und zur Veränderung von Dialekten geführt hat. Dörfer, die zu Agglomerationen geworden sind, haben das zu spüren bekommen. Unsere Provinz gibt es eigentlich gar nicht mehr. Klar geht es in Berg am Irchel ländlicher zu und her als in Winterthur-Seen. Aber ich sehe den Unterschied bei den Leuten nicht so krass.

Ist die Identität heute also weniger stark als vor 20 Jahren?
Sie war früher einfacher festzumachen. Etwa am Dialekt. Das verschleift sich, wenn die Jungen ihre Lehre in der Stadt absolvieren. Ich glaube, Sprache hat sehr viel mit Idenität zu tun. Heute leben die meisten Leute in einem Dorf und wissen nicht einmal wie das Gemeindewappen aussieht, ausser man ist dort zur Schule gegangen und hat es in der dritten Klasse einmal zeichnen müssen. Und ehrlich gesagt ist das nicht schlimm, sondern auch ein bisschen egal.

Bezüglich Mobilität: Sie haben das Stück in Kaliforniens Wüste geschrieben.
Ich hätte es auch in Oberengstringen schreiben können, in Kalifornien hatte ich einfach Ruhe. Aber es gab schon die komische Situation, dass ich mir irgendwelchen lokalpolitischen Seich aus den Fingern gezogen habe und am Zaun vor dem Haus ist ein Koyote durchspaziert.

Apropos unpassende Orte: Müsste Ihr Stück nicht in einer Mehrzweckhalle statt in einem Theater aufgeführt werden?
Teils mache ich das. Etwa im Emmental. Das Casinotheater Burgdorf wird umgebaut und währenddessen geht das Programm auf Tournee in Beizensääle, wo sie teils schon Gotthelf-Filme gedreht haben.

Gotthelf. Wie schafft man es, nicht in Klischees zu verfallen?
Ich habe die Klischees natürlich gesucht. Daran habe ich Freude, die Komik lebt davon. Aber damit ist die Arbeit noch nicht getan. Die Frage ist: Wie einfach oder raffiniert stellt man es dar? Bei Auftritten in ländlicheren Regionen merke ich übrigens, dass das Klischee der Provinz oft von den Einheimischen am Leben erhalten wird.

Könnte die Rolle des Gemeindepräsidenten eine Vorbereitung für ein politisches Amt sein?
Das glaube ich weniger.

Nie Lust verspürt?
Nein, ich könnte es auch nicht. Ich habe bei ganz vielen Politikern nicht das Gefühl, dass sie es wegen des Geldes machen, sondern aus einem Engagement heraus. Mir kommt etwa der Neftenbacher FDP-Gemeinderat Urs Wuffli in den Sinn, der sich um Flüchtlinge kümmert. Engagiert, nicht wegen des Geldes, nicht wegen der Ehre, sondern einfach für sein Gemeinwesen. Das beeindruckt mich. Und ganz abgesehen von Parteigrenzen: Es hat etwas sehr soziales, sich für ein Gemeinwesen einzusetzen.

Trotzdem kommen nur wenige Leute an Gemeindeversammlungen. Keine Angst, dass das Stück deshalb floppt?
Nein, habe ich nicht. Ich hoffe im Gegenteil, dass sich die Leute wieder mehr dafür interessieren. Dadurch, dass die nationale Politik so laut geworden ist, ist der Fokus weggerückt von kantonalen und kommunalen Themen. Dabei werden dort die Entscheidungen getroffen, was etwa Regulierungen am Bau oder Bildung angeht. Aber das ist ein bisschen unsexy. Ebenso die Gemeindepolitik, wo die Zuzüger zum ersten Mal an eine Gemeindeversammlung gehen, wenn sie Eigentumsbesitzer sind und Perimeterbeiträge für die Strasse zahlen müssen oder Kinder in der Schule haben.

Woran liegt das?
Schwierige Frage, ich weiss keine kluge Antwort darauf. Ein Grund ist die höhere Mobilität. Die Ökonomisierung geht soweit, dass man irgendwo günstig wohnt und sonst keinen Bezug zum Ort mehr hat. Zuzüger sagen: Wir wollen hier einfach wohnen und unsere Ruhe haben. Die Ökonomisierung führt zu einem Rückzug ins Private. Das ist problematisch.

Noch einen Tipp für die Stammertaler zur Abstimmung?
Ich kenne vom Stammertal nicht viel. Eigentlich nur den Wein. Deshalb muss man ein bisschen aufpassen, wenn man das aus der Ferne beurteilt. Die Frage bei Fusionen ist aber immer: Spart man dabei wirklich etwas? Der Kanton ist auch nicht selbstlos. Die sagen: «Wir finanzieren euch das Ganze mit ziemlich viel Zaster, aber ab Jahr drei oder vier sparen wir.» Die Entschädigung ist einfach ein goldener Fallschirm. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass sich für die Leute viel verändert, wenn sie in einer grösseren Gemeinde leben.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.09.2017, 12:56 Uhr

Infobox

Heute Gemeindeversammlung: Premiere am 10. Oktober im Casinotheater.

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