Trüllikon

Nagra bohrt 1360 Meter tief in den Untergrund

Rund drei Jahre nach Einreichung von acht Bohrgesuchen hat die Nagra am Dienstagnachmittag mit der ersten Tiefbohrung im Weinland begonnen. Damit startet die entscheidende Phase.

Am Dienstagnachmittag startete auf dem Bohrplatz östlich von Trüllikon die erste Tiefbohrung im Weinland.

Am Dienstagnachmittag startete auf dem Bohrplatz östlich von Trüllikon die erste Tiefbohrung im Weinland. Bild: Madeleine Schoder

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Da warens nur noch drei: Seit dem Bundesratsentscheid vom November 2018 werden von den einst sechs noch drei mögliche Standortregionen für den Bau des Endlagers vertieft untersucht. Es sind dies der Aargauer Bözberg, das Gebiet nördlich der Lägern im Zürcher Unterland sowie das Zürcher Weinland. Für diese Untersuchungen in den drei Regionen läuft bei Bülach bereits eine Tiefbohrung. Gestern Dienstag startete die Nagra mit der zweiten Bohrung bei Trüllikon im Weinland.

Im Herbst 2016 hatte die Nagra für das Weinland Gesuche für acht Bohrplätze eingereicht (siehe Karte), in allen drei Regionen insgesamt 23.

Ziel der Tiefbohrungen ist es, die Geologie in den verbliebenen drei Regionen abschliessend zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Im Zentrum steht dabei die gut 100 Meter dicke Gesteinsschicht Opalinuston, in der das Tiefenlager für die radioaktiven Abfälle dereinst gebaut werden soll. Dort, wo dieses Tongestein die besten Eigenschaften für die Langzeitsicherheit hat, soll das Endlager gebaut werden. Die Nagra wird nach dem Quervergleich der drei Regionen voraussichtlich 2022 bekannt geben, wo sie das Tiefenlager bauen will – im Aargau, im Zürcher Unterland oder im Weinland.

Noch Meerwasser in Poren

Der Trülliker Bohrplatz liegt ganz im Osten des Standortgebietes, wo der Opalinuston am tiefsten liegt. Dies, weil die Gesteinsschicht leicht nach Südosten abfällt. Der Opalinuston beginnt dort bei etwa 830 Meter unter der Erdoberfläche. Wie ist das Tongestein in dieser Tiefe beschaffen? Dies ist eine der vielen Fragen, die durch die Tiefbohrung beantwortet werden sollen. Oder wie hoch ist der Tongehalt in der Gesteinsschicht? Je höher dieser Gehalt, desto besser. Denn Ton ist praktisch wasserundurchlässig, sodass sich radioaktive Teilchen darin fast nicht ausbreiten. Zudem bleiben sie an den Tonteilchen mit ihrer sehr grossen Oberfläche gut haften. Und gibt es Risse im Tongestein, schliessen sich diese wieder, weil das Wasser in den Poren des Tons das Gestein aufquellen lässt. Das im Opalinuston noch heute eingeschlossene Porenwasser ist Meerwasser und stammt aus der Entstehungszeit des Tons vor etwa 175 Millionen Jahren.

Animation des Bohrplatzes in Bülach (Quelle: PD)

Die Trülliker Bohrung wird vermutlich bis in eine Tiefe von 1360 Meter gehen und sechs bis neun Monate dauern. Eine solche Tiefbohrung kostet bis zu 15 Millionen Franken. Die zweite Bohrung soll Ende Jahr westlich von Marthalen starten, wo derzeit der Bohrplatz gebaut wird. Wo die nächsten Tiefbohrungen im Weinland folgen, wird fortlaufend aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse entschieden. Auch sind an einem Bohrstandort nebst der senkrechten allenfalls noch schräge Bohrungen möglich. Die Geologen interessieren sich vor allem für den Opalinuston sowie für die direkt darunter und darüber liegende Gesteinsschicht. Dieses dreiteilige, tonhaltige und damit praktisch wasserundurchlässige Schichtpaket soll die Radioaktivität so lange zurückhalten, bis diese auf ein unschädliches Mass gesunken ist. Beim Endlager für hoch radioaktive Abfälle sind dafür mindestens 200 000 Jahre nötig.

Wieso und wie sollen radioaktive Abfälle in einem geologischen Tiefenlager entsorgt werden? Erklärvideo der Nagra. Video: PD via Youtube

Die Bohrkerne aus den interessierenden Gesteinsschichten werden an die Erdoberfläche gezogen und in diversen Labors – von der Universität Bern bis nach Japan – auf verschiedene Eigenschaften hin untersucht. Auch während und allenfalls noch Jahrzehnte nach der Bohrung werden im Bohrloch diverse Messungen durchgeführt. So zum Beispiel der Geschwindigkeit, mit der sich Wasser in den Gesteinsschichten bewegt.

Die Nagra wird nach dem Quervergleich der drei Regionen voraussichtlich 2022 bekannt geben, wo sie das Tiefenlager bauen will.

Die Tiefbohrungen in den drei Standortregionen sind Teil eines umfangreichen Untersuchungsprogramms, zu dem auch bereits durchgeführte seismische Messungen gehören. Um die drei Regionen in Sachen Sicherheit miteinander vergleichen zu können, werden 13 Kriterien angewandt, wie etwa die Tiefenlage oder die Dicke der Opalinustonschicht.

Lagerzone südwärts verlegt

Die drei nördlichsten Bohrplätze in Dachsen und Laufen-Uhwiesen waren ursprünglich um die potenzielle Lagerzone für schwach und mittelstark aktive Abfälle angeordnet worden. Doch die kürzlich erfolgte Auswertung der Daten der seismischen Messungen vom Frühjahr 2016 hat ergeben, dass die Gesteinsschichten im nördlichen Weinland etwas weniger ruhig gelagert sind. Daher wurde diese Zone nun weiter nach Süden verlegt. Doch auch hier sind noch Änderungen möglich.

Erstellt: 14.08.2019, 06:24 Uhr

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