Porträt

Nirgends spannender als beim Staat

Morgen erfolgt die Grundsteinlegung für das neue Polizei- und Justizzentrum in Zürich. Lange war das ­Projekt nicht recht in Fahrtgekommen. Hans-Rudolf Blöchlinger hat es mit ruhiger Hand zur Baureife geführt.

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Hans-Rudolf Blöchlinger ist Delegierter des Regierungsrats für das neue Polizei- und Justiz­zentrum Zürich (PJZ). Es ist das grösste Bauvorhaben, das der Kanton Zürich je gestemmt hat. 2003 hatte das Stimmvolk Ja dazu gesagt, es folgten planerische und politische Irrungen und Wirrungen. 2012 gab es einen Neustart. Seither ist Blöchlinger zuständig, und langsam, aber stetig nahm das Vorhaben Gestalt an.Der heute bald 69-Jährige stand kurz vor der Pensionierung, als er bei der Baudirektion anheuerte. Es war seine erste Stelle als Staatsangestellter. Zunächst hatte er die interimistische Leitung des Hochbauamts und damit die Funktion des Kantonsbaumeisters übernommen. Der vorherige Amtsinhaber, Stefan Bitterli, war im November 2011 Knall auf Fall ausgeschieden – keine einfache Situation für die Baudirektion von Markus Kägi (SVP). Ihr ging es um eine Übergangsregelung, damit sie in Ruhe die definitive Nachfolge auf den Weg bringen konnte.

Entscheid nicht bereut

Blöchlinger sagt: «Ich hatte Zeit.» Er habe da noch einige Beratungsmandate ausgeübt, sich ansonsten aber so langsam auf ruhigere Tage eingestellt. Als dann der Stellenvermittler anrief und fragte, ob ihn das kantonale Hochbauamt reizen würde, hat der gelernte Bauingenieur, der zudem ein Studium in Betriebswirtschaftslehre absolviert hat, nicht widerstehen können.

Er hat es nicht bereut. Das Klischee von der verstaubten Verwaltung hat er für sich längst re­vidiert. «Das hier sind die spannendsten Aufgaben in meinem ganzen Berufsleben», sagt er. Dabei war dieses auch vorher nicht frei von Herausforderungen gewesen. Blöchlinger war ab 1994 elf Jahre lang Leiter Immobilien bei der Helvetia-Patria-Versicherung. Das Liegenschaftenport­folio umfasste vier Milliarden, das jährliche Baubudget 150 Millionen Franken. Zuletzt war er fünf Jahre lang CEO der Tertianum AG, Eigentümerin und Betreiberin von Seniorenresidenzen. Blöchlinger hat das Unternehmen neu aufgestellt und sich intensiv mit Fragen um das Wohnen im Alter befasst.

Glücksfall für Baudirektion

Es war dies kein Omen für einen baldigen Ruhestand seiner selbst – für die Baudirektion erwies sich sein Eintritt als Glücksfall. Sie war nicht nur mit der PJZ-Planung, die stets höhere Kosten vorsah, mehrfach in die Schlagzeilen geraten. Auch die Erweiterung des Massnahmenzentrums Uitikon für jugendliche Straftäter war nicht pannenfrei verlaufen, dasselbe gilt für das neue Bezirksgebäude in Dietikon. Zuletzt gab noch ein Betrugsfall zu reden.

Mit der Amtsübernahme von Blöchlinger kehrte Ruhe ein. Er konnte seine Erfahrungen als Bauherr und Projektmanager einbringen. Mittlerweile hat eine geregelte Übergabe der Amtsleitung stattgefunden, seit September 2013 ist Matthias Haag Kantonsbaumeister. Für das PJZ blieb Blöchlinger zuständig.

Bevor er es übernommen hatte, war die Planung vorübergehend eingestellt worden. Der Kantonsrat hatte 2010 den Objektkredit verweigert. 2011 hiess es das Volk das Projekt ein zweites Mal gut – in einer abgespeckten Fassung für 570 Millionen Franken.

Obwohl es an Planungsgrundlagen nicht mangelte, machte Blöchlinger dann aber als Erstes klar, dass er statt ein halbes Jahr eher eineinhalb Jahre als realistisch erachte für den Neustart. «Keine rollende Planung», sagte er – dies, um spätere böse Über­raschungen zu vermeiden und Optimierung in der Belegung des Gebäudes erarbeiten zu können. Das Vorgehen hat sich bewährt.

Gemeinschaftliche Nutzung

Anders als vor den Volksabstimmungen versprochen, wird die Kantonspolizei das Kasernenareal nicht ganz räumen – diesen Makel hat auch Blöchlinger nicht beseitigen können. Denn der Personalbedarf steigt stetig. So wird es etwa eine Abteilung für Cyberkriminalität im PJZ geben ­– ein neues Phänomen, das vor wenigen Jahren noch kein Thema war. Insofern ist aber auch erstaunlich, wie viel jetzt doch in dem ­Gebäude untergebracht werden kann, ohne das vom Kantonsrat 2012 vorgegebene Kostendach von 570 Millionen Franken zu überschreiten. 1800 Arbeits- und 300 Gefängnisplätze wird das voraussichtlich 2021 in Betrieb gehende PJZ umfassen. Es gibt politische Vorstösse, dass auch für die verbleibenden Arbeitsplätze der Verwaltungs- und Stabsorganisation der Kantonspolizei in der Polizeikaserne auf dem Kasernenareal noch eine ­Lösung gefunden wird.

Blöchlingers Arbeitstage bestehen in erster Linie aus Sitzungen. Drei Direktionen sind involviert (Sicherheit, Justiz und Bau). Arbeitsplätze von über 30 Standorten werden ins PJZ verlegt. Dies alles will abgesprochen und koordiniert sein. «Dafür musste teils erst eine gemeinsame Sprache gefunden werden», sagt Blöchlinger. Ein grosses Thema an einem solchen Ort ist natur­gemäss auch die Sicherheit.

Optimierungen in der Be­legung erzielte er auch durch die Ausrichtung auf eine gemein­same Nutzung von Räumen. So teilen sich nun Polizei und Staatsanwaltschaften die Sitzungs- und Einvernahmezimmer. Die Sitzungszimmer werden so im Gebäude situiert, dass sie möglichst abteilungsübergreifend zugänglich sind.

Der erste Kübel Beton

Dieses Jahr im Januar wurde mit HRS Real Estate die Generalunternehmung für den Bau bestimmt. Wie genau die Planungsunterlagen waren, zeigte sich auch daran, dass den Bewerbern kaum Spielraum in der Kalkulation blieb. Die offerierten Preise für den Auftrag lagen gerade einmal 2,8 Prozent auseinander.

Blöchlinger hatte einst gesagt, er höre auf, wenn der erste Kübel Beton fürs PJZ eingegossen wird. Das dürfte bald der Fall sein. Den künftigen Betrieb in dem riesigen Gebäude zu organisieren, ist neben dem Bauen die nächste grosse Herausforderung. «Eine sehr spannende Aufgabe», sagt Blöchlinger. Da will er nun noch dranbleiben. Grosses Potenzial sieht er in der Entwicklung weg vom individuellen Schreibtisch hin zum Gruppenbüro. So langsam ruhiger nimmt er es zumindest insofern, als er sein Pensum auf 70 Prozent reduziert hat und freitags möglichst keine Termine wahrnimmt.Thomas Marth

Erstellt: 20.06.2017, 21:17 Uhr

Das PJZ

Das Polizei- und Justizzentrum Zürich (PJZ) wird auf dem früheren Güterbahnhofareal in Zürich erbaut und umfasst ein Volumen von rund 500 Einfamilienhäusern. Momentan wird als Vorbereitung auf die Bauarbeiten der Grundwasserspiegel abgesenkt. Bis zu 700 Personen werden die nächsten drei Jahre auf der Baustelle beschäftigt sein. Im PJZ werden die Dienste von Justiz und Polizei zusammengefasst. Dazu gehören auch das forensische Institut, die Zürcher Polizeischule, die Schiessanlage der Kantonspolizei sowie das Polizei- und Untersuchungsgefängnis mit rund 300 Plätzen. tma

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