Technorama

«Physikalisch interessanter als der Fall in die Gletscherspalte ist die Bergung»

In der Physikdidaktik werden in der Schule viele Chancen verspielt, sagt Burkard Priemer. Am Dienstagnachmittag ist der Professor der Humboldt-Universität zu Berlin im Technorama zu Gast. Er spricht dort übers Klettern – und meint die Physik.

Burkard Priemer, Physikprofessor: «Wenn man die Physik versteht, wird Klettern erst richtig toll.»

Burkard Priemer, Physikprofessor: «Wenn man die Physik versteht, wird Klettern erst richtig toll.» Bild: Symbolbild/Keystone

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Sie sprechen im Technorama über die Physik des Kletterns. Warum dieses Thema?
Ich bin selbst in der Vermittlung der Physik tätig und klettere, seit ich zehn Jahre alt war. Diesen Sport von der physikalischen Seite her anzuschauen, ist spannend. Daraus ist die Idee für diesen Vortrag gewachsen.

Beim Klettern kriegt man es ja vor allem mit der Schwerkraft zu tun. Haben Sie selbst schon – sagen wir – zu viel «Physik» erlebt?
Ich bin schon mehrmals in Gletscherspalten gefallen, wenn Sie das meinen. Physikalisch interessanter als der Fall in die Spalte ist aber die Bergung. Ich habe dazu schon Kurse gegeben. Man nutzt dafür Flaschenzüge.

Wo führt an der Physik beim Klettern sonst noch kein Weg vorbei ausser beim Runterfallen?
Etwa, wenn es darum geht, wie weit weg von der Wand man als Sichernder optimalerweise stehen soll. Je nachdem, wird man stärker oder weniger stark in Richtung Wand gezogen, wenn die Person oben ins Seil fällt.

Und zu welcher Position raten Sie als Physiker?
Günstig ist es, nahe an der Wand zu stehen. Allerdings so, dass der Kletterer nicht auf den Sichernden fallen kann. Dann erfolgt die Belastung nach oben gegen die Schwerkraft und nicht zum Beispiel schräg nach vorne. Im letzten Fall kann man nämlich leicht den Halt verlieren.

Eine Faustregel besagt, Kletterpartner sollten ungefähr gleich schwer sein. Stimmt das so?
Die Alpenclubs geben Richtlinien für Vorstiegs- und Nachstiegsklettern ohne zusätzliche weitere Sicherung an. In Deutschland gilt zum Beispiel, das der Kletterer im Vorstieg maximal das 1,33-Fache des Gewichts des Sichernden haben soll, beim Nachstieg gilt maximal das 1,5-Fache.

Bei grossen Gewichtsunterschieden klettert die schwerere Person also besser nach?
Die schwerere Person soll das oben genannte Maximal-Gewicht nicht überschreiten. Ist das der Fall, muss der Sichernde eine weitere Sicherung anbringen, um bei einem Sturz des Kletterers nicht aus dem Stand gerissen zu werden. Ist der Kletterer leichter als der Sichernde, gibts kein Problem.

Spielt die Physik beim Klettern vor allem eine Rolle, wenn man versagt?
Nein, es ist der Normalfall, dass man irgendwann ins Seil fällt. Beim Sportklettern gehen viele bewusst bis an die Sturzgrenze.

Ist man automatisch ein besserer Kletterer, wenn man mehr von Physik versteht?
Was die athletische Leistung angeht, natürlich nicht. Aber vielleicht ist man dadurch aufmerksamer, was die Sicherheit betrifft, weil man einen besseren Einblick in mögliche Belastungen von Mensch und Material hat.

Man kann die Physik ignorieren und trotzdem klettern?
Ignorieren kann man sie nicht. Man kann die wichtigsten physikalischen Kräfte, die beim Klettern wirken, aber auch erfahren und damit umgehen, ohne sie zu verstehen. Wenn man die Physik versteht, wird Klettern erst richtig toll.

Im Vordergrund Ihrer Tätigkeit steht eigentlich nicht das Klettern, sondern die Physikdidaktik. Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihrer Methode?
Klettern ist ein gutes Beispiel, weil sich heute ja so viele junge Leute mit dieser Sportart beschäftigen. Viele haben die Erfahrung, im Seil zu hängen oder eine Freundin oder Freund zu sichern. Wenn die Schüler die Kräfte körperlich erfahren, wie beim Klettern, dann wird Physik erlebbar.

Sie beschäftigen sich seit über zehn Jahren mit Physik-Didaktik. Wie hat sich die Lehre in dieser Zeit entwickelt?
Man versucht heute, das Fach Physik interessanter zu gestalten, indem man es in einen schülerrelevanten Kontext stellt, also einen Umwelt- und Lebensbezug herstellt.

Ab welchem Alter ist die Beschäftigung mit Physik sinnvoll?
Man kann schon in der Grundschule mit Physik beginnen, indem man sich von den Fragen der Schüler leiten lässt: Warum fällt der Mond nicht auf die Erde? Warum schwimmen Schiffe? Mit zunehmendem Alter kann man dieses Wissen dann in Zahlen und Rechnungen übersetzen.

Vermissen Sie solche Ansätze in der Grund- und Mittelstufe?
In Deutschland ist das Problem, dass die Lehrkräfte der Grundschule kaum physikalisch ausgebildet sind. Sie unterrichten folglich wenig physikbezogen. Das ist schade, weil die Kinder eigentlich so viele Sachen wissen wollen, die man physikalisch erklären kann

Es müssen also erst die Lehrer mehr über Physik lernen?
Ja. Physik sollte meines Erachtens Pflichtfach für angehende Lehrpersonen der Grundschule sein. Damit sie lernen, die Neugier der Kinder für Natur und Technik zu nutzen, um die Welt zu erklären.

Erstellt: 16.01.2017, 12:08 Uhr

Burkard Priemer, Physikprofessor der Humboldt-Universität zu Berlin. (Bild: zvg)

Die Physik des Kletterns

Vortrag im Technorama von Dr. Burkhard Priemer von der Humboldt-Universität zu Berlin. 17. Januar. Freier Eintritt ins Technorama ab 15 Uhr, Beginn um 16 Uhr.

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