Winterthur

«Hanfpapst»-Prozess: War es Mord oder Unfall?

Weil sie Marihuana besorgen wollten, ohne dafür zu bezahlen, war am Schluss ein anderer tot. Gestern versuchten die Angeklagten vor dem Bezirksgericht Winterthur sich zu erklären. Heute wird das Strafmass bekannt gegeben.

Martin Frommherz war in Winterthur als «Hanfpapst» bekannt.  Im Mai 2014 wurde er in seiner Wohnung überfallen und brutal verprügelt. Er erlag seinen Verletzungen.

Martin Frommherz war in Winterthur als «Hanfpapst» bekannt. Im Mai 2014 wurde er in seiner Wohnung überfallen und brutal verprügelt. Er erlag seinen Verletzungen. Bild: wue

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Schnell rein, Marihuana aus dem Gefrierfach stehlen, schnell wieder raus»: So beschreibt der Hauptbeschuldigte die ursprüngliche Idee. Doch am Ende war der als «Hanfpapst» bekannte Martin Robert Frommherz tot.

War es Mord, begangen im «Tötungsrausch», wie der Anwalt der Hinterbliebenen sagte? Oder war es ein «unglücklicher Unfall», wie die amtliche Verteidigerin des Hauptangeklagten entgegnete? Was am 6. Mai 2014 genau passiert ist und wer Schuld daran hat, darüber wurde am gestrigen Verhandlungstag am Bezirksgericht Winterthur heftig disktuiert.

Unbestritten ist: Der damals 21-jährige Hauptbeschuldigte B und sein 19 Jahre alter Komplize A wurden von Frommherz in dessen Wohnung in Töss eingelassen, zwei Komplizen standen Wache. A hatte schon öfters beim Kleindealer Frommherz Stoff besorgt und wusste, dass der Kleindealer die Türe öffnen würde. B sprühte Frommherz Pfefferspay in die Augen, um ihn in Schach zu halten. A wusste, wo Frommherz die Drogen lagerte und konnte unbemerkt 25 Gramm Marihuana aus dem Tiefkühlfach holen. Er verliess sofort die Wohnung.

Warum schlug B zu?

Unbestritten ist auch, dass der Hauptbeschuldige die Wohnung nicht sofort verliess, sondern Frommherz mit drei Faustschlägen angriff, worauf der Angegriffene stürzte und sich schwere Verletzungen am Hinterkopf zuzog.

Warum der Hauptangeklagte Frommherz mit Faustschlägen traktierte, ist unklar. Zeugen gibt es keine, weil die alle drei Komplizen zu dieser Zeit bereits nicht mehr in der Wohnung waren. «Ich hatte auch vom Pfefferpray abbekommen. Es war ein Reflex. Ich fühlte mich von Frommherz bedroht, der plötzlich mit einer Schere vor mir stand», erklärte B.

Als Frommherz am Boden lag, hat B versucht, seine Kollegen zu überreden, noch einmal hochzukommen. Wie seine Verteidigerin sagte, wollte er seinen Kollegen zeigen, dass er nicht fest zugeschlagen habe. Doch die Kollegen wollten nicht. Also drehte B mit dem Handy ein Video, das er dann auf der Strasse seinen Komplizen zeigte. Auf die Idee, dass der verletzte Mann sterben könnte, seien sie nicht gekommen. Erst 15 Stunden später erlag der «Hanfpapst» den Verletzungen. Wären Rettungskräfte informiert worden, hätte er, so die Anklage, grosse Überlebenschancen gehabt.

Warum halfen sie nicht?

A wurde deshalb wegen unterlassener Hilfestellung angeklagt, die zwei Aufpasser waren zur Tatzeit minderjährig, weshalb ihre Fälle getrennt geführt werden. Die Verteidigung von A stellte sich gestern auf den Standpunkt, es sei nicht absehbar gewesen, dass Frommherz an diesen Verletzungen sterben würde.

Viel mehr zu reden gab ein weiterer Punkt: Laut Anklageschrift soll B das am Boden liegende, schwer verletzte Opfer noch gewürgt, ihm Rippen gebrochen und mit dem Fuss ins Gesicht getreten haben. B bestreitet dies jedoch vehement und erklärte, es müsse nach ihm noch jemand in der Wohnung gewesen sein.

Das fordert der Staatsanwalt

Der Haupttäter B, der sich am Schluss entschuldigt hat, soll laut Forderung der Staatsanwaltschaft für 11 Jahre hinter Gitter wegen vorsätzlicher Tötung, Nötigung und Raub. Diese Freiheitsstrafe soll aufgeschoben und B in einer geschlossenen Einrichtung platziert werden. Die Verteidigung von B wehrt sich gegen diese als «kleine Verwahrung» bekannte Massnahme, das Gutachten sei mangelhaft. Mit einem Antrag, ein neues Gutachten erstellen zu lassen, war sie allerdings am Morgen gescheitert.

A, der sich ebenfalls entschuldigt hat, ist der Nötigung angeklagt sowie der unterlassenen Nothilfe. Der Staatsanwalt fordert eine Strafe von 30 Monaten, wovon 20 Monate bedingt wären. Dadurch wäre Halbgefangenschaft möglich und A könnte seine Lehre 2016 abschliessen.

Das Urteil wird heute um 15 Uhr bekannt gegeben.

Erstellt: 25.11.2015, 14:14 Uhr

Artikel zum Thema

Einer schlug den «Hanfpapst» blutig, der andere liess ihn sterbend liegen

Winterthur Vor Gericht stehen morgen zwei junge Männer, die laut Anklage verantwortlich sind für den Tod des Marihuanahändlers Robert Frommherz im Tössfeld. Sie beraubten ihn, und einer schlug mehrmals zu, sodass der «Hanfpapst» starb. Mehr...

Zweitägiger Prozess im Fall Hanfpapst

Winterthur In einem Monat stehen zwei Männer wegen des Mords am Tössemer «Hanfpapst» vor Gericht. Mehr...

Elf Jahre Haft für «Hanfpapst»-Mord gefordert

Winterthur Die Staatsanwaltschaft spricht von vorsätzlicher Tötung, der Angeklagte macht hingegen Notwehr geltend. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.