Zürich

Schiere Körperkultur zum Mitmachen

Der Fitnesstrend ist älter, als man denkt. Doch die Motivation war vor 100 Jahren eine andere. Die Kunsthalle Zürich gibt ­Anstösse zur intellektuellen und physischen Beschäftigung mit dem Thema.

Früher Jahrmarktsattraktion, heute Kunstfigur: Bodybuilding gibt es schon seit über 100 Jahren.

Früher Jahrmarktsattraktion, heute Kunstfigur: Bodybuilding gibt es schon seit über 100 Jahren. Bild: pd

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«Dies ist keine Kunstausstellung», verlautbarte der Kurator Jörg Scheller vorsorglich über «Building Modern Bodies. Die Kunst des Bodybuildings» in der Kunsthalle Zürich. Und so ist es auch: 21 künstlerische Positionen, Fotos, Drucke und Videos, sind in einem Raum versammelt. In der Mitte steht ein multifunktionales Trainingsgerät. Es ermöglicht die Auseinandersetzung mit den Exponaten, während man, auf der Maschine sitzend, seinen eigenen Körper gestaltet.

Die Präsentation erfolgt chronologisch, doch nicht historisch eingeordnet. Da sieht man «Lustiges vom Turnerfestplatz», eine männerbündlerische Darstellung von 1880, neben Postkarten aus der Reformbewegung. Wehrkraft strahlen junge deutsche Männer auf Fotos der 1920er-Jahre aus. Vier von ihnen machen einen Handstand auf dem Barren – Soldaten sehen ihnen zu. Ihr Vorbild, der Turnvater Friedrich Ludwig Jahn, ausgestattet mit dem Eisernen Kreuz, wünschte schon 1861 «Gut Heil!».

Nackte Jungs für Winnetou

Eine Entdeckung sind Sascha Schneiders Illustrationen für Karl Mays Reiseerzählungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Schneider pflegte einen kraftvollen symbolistischen Stil. Das Cover von «Durchs wilde Kurdistan» ziert ein muskulöser nackter Jüngling von hinten. Mit blossen Händen öffnet er das Dornengestrüpp, aus dem ein riesiges christliches Kreuz hervorstrahlt. «Winnetou I» könnte auch eine Bibelillustration zu Kain und Abel sein, während bei «Winnetou II» ein – natürlich nackter – Engel mit einem Palmzweig über ein Schlachtfeld schreitet. Karl May setzte sich beim Verlag für seinen homosexuellen Freund ein, doch die Titelbilder wurden nach öffentlichem Druck schon in der nächsten Ausgabe ausgewechselt.

Dies macht ein Grundthema der Ausstellung deutlich, das unausgesprochen mitschwingt. Body-Bilder können sehr häufig der Männerliebe zugeschrieben werden. Dies trifft auch auf die modernen Arbeiten der Schweizer Rico & Michael zu. Die rosa Körper in ihrem «Total Body»-Film (2010/2015) strahlen Fleischeslust aus. Auf den beiden Fotografien «Woman Who Lift» gehen die Geschlechtergrenzen dann verloren. Der Fotograf Martin Schoeller hat hingegen die Eisen stemmenden Frauen Irene Andersen und Kristy Hawkins naturalistisch porträtiert.

Schwarzenegger trifft Warhol

Die kleine Ausstellung lädt zur Beschäftigung mit dem Körperselbst- und -fremdbild ein, das schmale Begleitblatt gibt jedoch kaum Hintergrundinformationen. Wohl dem, der ein Smartphone dabei hat und googeln kann, was eigentlich Kallipädie ist (die Lehre, schöne Kinder zu erzeugen). Auch über Arnold Schwarzeneggers Begegnung mit Andy Warhol in der Factory (1977) hätte man gern mehr erfahren. Die Schwarzweissfotografie von Fred W. McDarrah gehört zu den stärksten Stücken der Schau. Warhol betätigte sich als Mentor des österreichischen Conan-Darstellers, fotografierte seinen eingeölten Körper und reichte ihn auf der New Yorker Partyszene herum. Es braucht eben ­immer zwei, die aus einem gestählten Körper Kunst machen.

Building Modern Bodies Kunsthalle Zürich, Limmatstrasse 270. Di, Mi, Fr 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr. Noch bis 7. Februar 2016. www.kunsthallezurich.ch

Erstellt: 23.11.2015, 15:33 Uhr

Bodybuilding-Perfomrmances

Schon an der Vernissage am Freitagabend wurden die Besucher mit einer Bodybuilding-Performance unterhalten. Eine weitere Vorführung mit Kunstvermittlern erfolgt am Sonntag, 29. November, um 15 bis 17 Uhr. Im Verlauf der Ausstellung leitet sogar der Kurator Jörg Scheller private Krafttrainings an (Donnerstag, 10. Dezember, anschliessend an einen Rundgang um 18.30 Uhr). Der Eintritt ist zu den Veranstaltungen frei. Das Kunstvermittlungsteam steht für stufengerechte Schulklassenworkshops und Gruppenbuchungen zur Verfügung. An verschiedenen Terminen findet auch (kostenpflichtiges) Pop-up-Yoga in den Räumlichkeiten der Kunsthalle statt.

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