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Seltener draussen, weniger Gewalt

Die Jugendgewalt ging stark zurück, besagt die Studie des Kriminologen Denis Ribeaud. Der ETH-Forscher erklärt, wieso in der Öffentlichkeit ein anderes Bild besteht.

Die Jugendkriminalität ist in den letzten Jahren stetig gesunken – auch wenn dies von der Öffentlichkeit anders wahrgenommen wird.
Die Jugendkriminalität ist in den letzten Jahren stetig gesunken – auch wenn dies von der Öffentlichkeit anders wahrgenommen wird.
Keystone

Die Jugendgewalt nimmt im öffentlichen Raum ab. Dabei rückt doch die Polizei immer wieder zu Schlägereien im Ausgang aus. Wie passt das zusammen?

Denis Ribeaud: In den Städten gibt es keine Trendwende. Dort geht es vor allem an den Wochenenden nach wie vor und auch in zunehmenden Masse ab. Aber in der Agglo, dort ist es ruhiger geworden.

Worauf ist die Beruhigung insgesamt zurückzuführen?

Es gibt wohl drei Faktoren, die einen Einfluss haben dürften. So halten sich Jugendliche wie gesagt insgesamt seltener im öffentlichen Raum auf. Gemäss der Befragung gehen sie heute weniger oft an Pop- und Rockkonzerte, sie halten sich seltener in Cafés und Bars auf, sie gehen nicht mehr so häufig gemeinsam shoppen. Zudem ist als Folge der Jugendgewaltdebatte ab 2007 natürlich auch die Polizeipräsenz in Hotspots markant ausgebaut worden. Und schliesslich dürfte auch die Abnahme des Alkoholkonsums bei den 15-Jährigen eine Rolle gespielt haben. Es scheint, als ob das Alkoholverkaufsverbot strikter umgesetzt wird als früher.

Ist die Gruppe der Jugendlichen nicht auch anders geworden? So ist etwa die Gruppe der traumatisierten Kriegsgeneration aus dem Balkan dem Schulalter entwachsen.

Insgesamt hat der Migrantenanteil in der jugendlichen Bevölkerung weiter zugenommen. Aber im Zuge der Freizügigkeit ist dies zunehmend eine Immigration aus Westeuropa. Der festgestellte Rückgang der Jugendgewalt ist aber derart markant ausgefallen, dass er nicht einfach nur mit einer veränderten Bevölkerungszusammensetzung erklärt werden kann.

Die Frage des Migrationsstatus spielt keine Rolle?

Für die Erklärung der Gewaltentwicklung spielt dieser keine bedeutende Rolle. Rein statistisch gesehen ist der Zusammenhang zwischen Migrationsstatus und Gewalt ganz klar ein geringerer Risikofaktor als etwa der heikle Medienkonsum. Gerade bei pornografischen Bildern oder Ballergames ist der Zusammenhang zur Gewalt extrem stark.

Trotz des Rückgangs: Jeder zehnte 15- oder 16-Jährige hat die letzten zwölf Monaten zugeschlagen, jeder siebte hat in einem Laden etwas gestohlen.

Es ist klar, dass es nach wie vor Jugendgewalt gibt. Es ist aber ein Niveau erreicht worden, das im historischen Vergleich sehr tief ist. Dieses gilt es zu halten. Es kann nicht angehen, dass die Politik sagt, es sei ja alles in Ordnung, nun könne man bei der Prävention sparen.

Ist es nicht beunruhigend, dass es entgegen dem allgemeinen Trend mehr Jüngsttäter gibt?

Das ist ein völlig überraschender Befund. Zwischen 1999 und 2014 hat der Anteil an Frühtätern unter 13 Jahren konsistent über fast alle Delinquenzarten zugenommen. Jedoch hören diese Jugendlichen auch rasch wieder auf. Es ist nicht so wie früher, als eine frühe Delinquenz auch oft zu einer länger anhaltenden Täterkarriere führte.

Gibt es den typischen jugendlichen Täter, das typische Opfer?

Es gibt verschiedene Risikofaktoren. Es handelt sich vor allem um Jugendliche aus sozial schwächeren Schichten und mit Schul- und Integrationsschwierigkeiten. Sie sind auch häufig und lang im Ausgang und weisen gewaltlegitimierende Werthaltungen auf, oft sind sie einer Machorolle verhaftet. Viele sind dabei sowohl in der Opfer- als auch in der Täterrolle betroffen.

Wo besteht Handlungsbedarf?

Einerseits müssen wir das Erreichte halten können. Andererseits gibt es die Hochrisikogruppen, die nur sehr schwer zu erreichen sind. Ich denke auch an Personen aus dem Asylbereich, die wenig Perspektiven haben und nicht mehr über das Schulsystem zu integrieren sind.

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