Zürich

«So schön zu merken: Das ist es»

Rachel Klauser war früher Nonne. Nach ihrem Austritt aus dem Orden outete sie sich. Heute organisiert sie das schwul-lesbische Filmfestival Pink Apple mit.

Rachel Klauser: Nach einer persönlichen Krise entschied sie sich, ins Kloster einzutreten. Eine zweite Krise liess sie wieder austreten.

Rachel Klauser: Nach einer persönlichen Krise entschied sie sich, ins Kloster einzutreten. Eine zweite Krise liess sie wieder austreten. Bild: Florian Niedermann

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Dass sie lesbisch ist, hätte sie eigentlich schon viel früher merken sollen, sagt Rachel Klauser heute. «Ich habe es in meinerJugend krampfhaft mit jungen Männern versucht. Aber das endete immer in einer Katastrophe», erinnert sie sich.

Die Umstände für ein Outing wären bei ihr indes denkbar gut gewesen: Ihr Bruder bekennt sich bereits früh zu seiner Homosexualität, auch die Mutter lebt bald mit einer Frau zusammen. «Mein Vater ist in meiner Familie als Hetero heute eine Ausnahmeerscheinung», sagt Klauser und lacht. Doch bis sie sich 2006 im Alter von 25 Jahren schliesslich outet, nimmt ihr Leben eine Wendung in eine ganz andere Richtung.

In tiefer Verzweiflung

In ihrem 21. Lebensjahr tritt Klauser in einen Franziskanerinnenorden ein. Der Entscheid dazu wurzelt aber nicht etwa in den gescheiterten Männergeschichten, sondern in tiefer Verzweiflung. In Luzern, wo sie mit ihrer Familie lebt, besucht Klauser ein katholisches Gymnasium. Ihre Eltern sind zwar nicht religiös, doch ist diese Schule für sie im Gegensatz zu anderen bezahlbar.

Klauser wird dort von Nonnen unterrichtet und erhält an sogenannten «Besinnungstagen» vor Ostern Einblick in das Ordens­leben. «In mir hat sich zwar alles gegen das Religiöse gesträubt. Doch gleichzeitig faszinierten mich das strukturierte Alltagsleben und diese Stille im Kloster», sagt sie. Dann, ein halbes Jahr vor der Matura, stürzt die damals 20-Jährige in eine schwere persönliche Krise. Sie bricht die Schule ab. «Ich dachte mir, dass mir das Leben in einem Orden in dieser Situation guttun würde. Also ging ich ins Kloster», so Klauser.

Vorerst lebt sie dort nur als Gast, wie dies auch andere tun, die sich eine Auszeit nehmen wollen. Doch dabei bleibt es nicht. Irgendwann verspürt die junge Frau das, was man in gläubigen Kreisen «den Ruf» nennt: «Ich fand im Glauben etwas, an dem ich mich in dieser Krise festhalten konnte. So trat ich ganz in den Orden ein», so Klauser. Die Eltern reagieren geschockt, sind besorgt darüber, dass sich ihre Tochter in ihrem fragilen Zustand religiös ereifert. Den Kontakt zu ihnen bricht die junge Nonne für Jahre ab.

«Passiert ist nie etwas»

Mit Klauser geht es im Kloster im Verlauf der Jahre tatsächlich aufwärts. Dass sie bald für eine ihrer Schwestern zu schwärmen beginnt, deutet sie in dieser Situation nicht als Zeichen, dass sie lesbisch sein könnte. «Ich fand diese Frau einfach sehr toll. Passiert ist aber nie etwas», sagt die heute 35-Jährige augenzwinkernd.

Dennoch beginnt Klauser den Orden bald zu hinterfragen. Auslöser ist ein Besuch ihres Bruders im Kloster: Nach seiner Abreise zitiert sie die Oberin zu sich und erklärt ihr, dass er als Homosexueller einen schlechten Einfluss auf sie habe. «Das machte mir die Doppelzüngigkeit der katholischen Kirche bewusst: dass sie zwar Nächstenliebe predigt, aber meinen Bruder und meine Mutter wegen ihrer Sexualität verurteilt. Plötz­lich fühlte auch ich mich angegriffen», erinnert sich Klauser.

Im Kloster in Nordalbanien

Wie sehr diese Ablehnung sie tatsächlich auch betrifft, wird der Innerschweizerin erst später klar. Auslöser für ihren Austritt aus dem Orden sind vielmehr traumatische Erlebnisse, die sie erneut in eine Krise stürzen. 2004 schickt der Orden Klauser in ein Kloster in Nordalbanien. Zusammen mit einer einzigen Schwester soll sie diesen neuen Standort aufbauen. Doch was sie in ihrem Jahr dort erlebt, schockiert sie derart, dass das Gesicht der ansonsten so fröhlich wirkenden Frau noch heute schlagartig ernst wird, wenn sie darüber spricht.

Konkretes möchte sie nicht erzählen, macht aber Andeutungen. In der albanischen Gesellschaft sei die Blutrache damals noch weit verbreitet gewesen, so Klauser: «Was wir teilweise zu sehen bekamen, war heftig», sagt sie. Bald wird ihr das zu viel. Sie kehrt zurück in die Schweiz und tritt aus dem Orden aus. Eine langwierige Psychotherapie ist nötig, bis es ihr wieder besser geht.

Und dann findet sie die Liebe. 2006 verguckt sich Klauser erstmals in eine Frau. So kurz die Beziehung halten wird, so wichtig ist es für sie, dieses Gefühl erstmals richtig zu spüren. «Es war so schön, zu merken: Das ist es», sagt die Ex-Nonne.

Vom Kloster zum Tai-Chi

In den folgenden Jahren lässt sie sich zur Akupressur-Therapeutin und Tai-Chi-Lehrerin ausbilden. Dazu engagiert sie sich bald auch für die Interessen der Homosexuellen. Nach ihrem Outing wird Klauser an ihrem neuen Wohnort Winterthur Mitglied des Lesben- und Schwulenvereins Wilsch, seit fünf Jahren organisiert sie nun auch das schwul-lesbische Filmfestival Pink Apple mit, das ab Mittwoch in Zürich und Frauenfeld stattfindet.

Auch wenn das Thema Homosexualität mit Filmen wie «Milk», «Fucking Åmål» oder «Liberace» längst im Mainstream angekommen ist, sei das Festival nach wie vor wichtig, findet Klauser: «Es bietet Filmen eine Plattform, die sonst nicht ins Kino kämen.» In diesem Jahr stehen etwa Kurzfilme aus dem arabischen Raum auf dem Programm, die in den Ursprungsländern kaum gezeigt werden könnten, weil sie Homosexualität thematisierten.

Zudem sei es mit der Akzeptanz gegenüber Schwulen und Lesben auch in ländlichen Gegenden der Schweiz oft nicht weit her, sagt sie. Dies bekamen auch die Organisatorinnen und Organisatoren des Pink Apple zu spüren: Noch Anfang der Nullerjahre kam esin Frauenfeld im Vorfeld zu Demonstrationen konservativer Kreise. OK und Gäste liessen sich davon jedoch nicht beeindrucken, das Festival fand weiterhin Jahr für Jahr statt – heuer bereits zum 19. Mal. ()

Erstellt: 26.04.2016, 09:09 Uhr

Pink-Apple-Festival

27. April bis 5. Mai in Zürich in den Arthouse-Kinos Movie und Piccadilly, im Filmpodium und im Kulturhaus Helferei.

In Frauenfeld dauert das Festival vom 6. bis zum 8. Mai. www.pinkapple.ch

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