Andelfingen

Staatsanwältin fordert härtere Strafen

Am zweiten Tag des Rheinfallprozesses verstrickten sich die vier Angeklagten in Widersprüchen. Und die Staatsanwältin will sie länger hinter Gitter sehen.

Der Rheinfall: Ein Touristenmagnet, der auch Taschendiebe anzieht.

Der Rheinfall: Ein Touristenmagnet, der auch Taschendiebe anzieht. Bild: Marc Dahinden

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Am Montag standen noch die Lebenssituationen der Angeklagten im Zentrum der Befragung durch das Bezirksgericht Andelfingen. Am zweiten Prozesstag am Dienstag ging es dann zur Sache: Das Gericht befragte die zwei Rumäninnen und zwei Rumänen zu den Taschendiebstählen vom Juli und August 2017 am Rheinfall.

Gewerbs- und bandenmässiger Diebstahl, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Die Rede ist von geklauten Wertsachen und Bargeld in der Höhe von mindestens 2200 Franken. Die in den Anklageschriften geforderten unbedingten Gefängnisstrafen reichen von 15 bis 27 Monaten plus je 10 Jahre Landesverweis.

Muster im Aussageverhalten

Wer hat wann mit wem was gestohlen und warum? Und wer hatte die Idee für die Taschendiebstähle? Touristen ablenken, in die Taschen und Rucksäcke greifen oder Schmiere stehen: Wer nahm welche Rolle ein? Die Antworten der vier Angeklagten wurden, je länger die Befragung dauerte, umso widersprüchlicher, diffuser und unglaubwürdiger. Einstige Schuldeingeständnisse wurden widerrufen. Und trotzdem kam allmählich ein Muster, ja eine Strategie im Aussageverhalten zum Vorschein. So zielten viele Antworten darauf ab, den Vorwurf der Gewerbsmässigkeit zu zerstreuen. Gewerbsmässig würde bedeuten, dass die vier quasi als Beruf stahlen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Doch schon am ersten Prozesstag betonten sie immer wieder, dass sie entweder in Rumänien einen normalen Beruf hätten oder in Westeuropa eine legale Arbeit suchen würden. Ein Mann sagte, dass er in Konstanz bei Ampeln die Windschutzscheiben von Autos geputzt habe. Sie hätten am Rheinfall nur aus Geldnot heraus gestohlen mit dem einzigen Ziel, rasch wieder zurück nach Rumänien zu fahren zur Familie. Schon für 80 Euro sei eine Rückfahrt zu haben, sagte einer der zwei Männer aus. Gleichzeitig aber fuhren die Angeklagten von der Unterkunft in Konstanz mehrmals mit dem Zug an den Rheinfall – allein ein ganzes Bahnbillett hin und zurück kostet rund 40 Franken.

«Du dumme Frau»

Auch den Vorwurf der Bandenmässigkeit – also das Stehlen in der Gruppe – versuchten die Beschuldigten zu zerstreuen. Sie seien zwar alle am Rheinfall gewesen, aber: «Keiner hatte eine bestimmte Rolle, wir waren alle nebeneinander», sagte einer der Männer. Und ein anderer sagte: «Es gab keinen Chef, keine klaren Rollen.» Ausserdem versuchten die vier gestern, sich als laienhafte Taschendiebe darzustellen. So hätten sie oft nicht einmal versucht, Touristen zu bestehlen.

Als Grund gaben eine Frau und ein Mann der Gruppe an, dass sie im Juli eben nur zu zweit am Rheinfall gewesen seien und es dann nur wenige Touristen gehabt habe. «Wir sind keine professionellen Diebe. Wir können nur stehlen, wenn viele Leute da sind.» Ungläubig fragte der Gerichtspräsident nach: «Sie waren also zwölfmal, davon zehn Tage am Stück, am Rheinfall und machten nicht einmal einen Versuch? Das klingt sehr unglaubwürdig.» Der Mann sagte, man sei nur auf der Zürcher Seite des Rheinfalls gewesen, «es schien uns schöner dort». «Schöner dort? Wollten Sie nun zum Rheinfall, um Geld zu machen, oder weil es schön ist?», fragte der Richter. «Es gefiel mir auch, was ich dort sah», antwortete der Mann. «Und daher sind Sie zwölfmal nacheinander an den Rheinfall gefahren, weil es so schön ist dort?» Nein, man habe schon das Ziel gehabt zu stehlen.

Wenn ein Widerspruch offensichtlich wurde, sagten die Angeklagten entweder, dass sie sich nicht mehr genau erinnerten oder dass sie bei früheren Befragungen unter Medikamenteneinfluss gestanden hätten. Und eine der zwei Frauen behauptete sogar, dass sie bei einer Befragung bei der Polizei letzten Herbst von der Dolmetscherin praktisch gezwungen worden sei, die gar nicht begangenen Taten zu gestehen. «Du dumme Frau», soll sie gesagt haben, «wenn du zu deiner Tochter nach Rumänien willst, dann musst du alle Diebstähle anerkennen.»

«Geradezu abstrus»

Dieser Vorwurf an die vom Obergericht anerkannte Dolmetscherin sei «relativ heftig, geradezu abstrus», sagte die Staatsanwältin in ihrem einstündigen Plädoyer. Sie erhöhte die in den Anklagen geforderten Gefängnisstrafen sogar noch um zwei bis fünf Monate. Die verlangten unbedingten Strafen liegen nun neu bei 17, 18, 25 und 32 Monaten ­Gefängnis. Viele der gemachten Aussagen seien widersprüchlich. Um all die Widersprüche aufzuzählen, «bräuchte ich einen ganzen Tag». Und: «Es handelt sich hier um Profis, auch wenn es nicht den Eindruck macht.» Alle hätten viel Erfahrung mit Gerichtsverfahren in mehreren europäischen Ländern. «Sie sind geübt, Dinge abzustreiten.»

Der Prozess geht nächste Woche mit den Plädoyers der Pflichtverteidiger weiter.

Erstellt: 09.05.2018, 09:50 Uhr

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