Winterthur/Mailand

Das Technorama zeigt an der Expo den süssen Pioniergeist der Schweiz

Wenn die Weltausstellung in Mailand am 1. Mai ihre Tore öffnet, ist auch Winterthur dabei: Das Technorama erklärt den Besuchern vor Ort, war­um Schweizer Schokolade nicht in der Hand, sondern erst im Mund schmilzt.

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Winterthur ist zwar keine der Partnerstädte der Expo Milano. Zürich, Basel und Genf vertreten die urbane Schweiz an der Weltausstellung. Aber ein lokales Aushängeschild wird auch für Winterthur ein bisschen Werbung machen: das Technorama. Das Science Center ist nämlich mit seinem Schokoladenatelier im Schweizer Pavillon präsent. Das Atelier sei der beliebteste Technorama-Workshop überhaupt, sagt Roy Schedler, der Marketingleiter des Technoramas. Für die Expo habe man diesen angepasst und nach Mailand verschoben.

Zwei Italienerinnen und eine Tessinerin waren letzte Woche für drei Tage in Winterthur. Sie wurden intensiv geschult, um den Weltausstellungsbesuchern das Technorama-Exponat originalgetreu vorstellen und das Erfolgs­rezept der Schweizer Schokolade richtig erklären zu können.

«Ein netter Nebeneffekt»

Dabei gehe es im Atelier gar nicht primär um die Schokolade, sagt Schedler. «Sie ist sozusagen ein netter Nebeneffekt.» Vielmehr wolle das Technorama den Erfindergeist der Schweiz greifbar machen. «Die Schokoladenherstellung zeigt das viel besser als ein Plakat», sagt er.

Dass die Schweiz auf der ganzen Welt für ihre Schokolade bekannt ist, ist zwei innovativen Köpfen zu verdanken: Daniel Peter, dem Vater der Milchschokolade, der es schaffte, Kakaomasse mit Milchpulver zu verbinden. Und Rudolf Lindt, dem Erfinder der Conchiermaschine. Erst mit diesem Gerät, das die flüssige Schokolade während 72 Stunden walzt, wird die Schokoladenmasse seiden und verliert die ungewollten Bitterstoffe. «Und nur deshalb schmilzt unsere Schokolade erst bei 35 bis 40 Grad, also im Mund und nicht in den Fingern», sagt Schedler.

Immenser Marketingeffekt

Der Schweizer Pioniergeist ist das eine. Für Schedler ist der Auftritt in Mailand – quasi als Nebeneffekt – aber auch Werbung. Die Expo-Besucher sollen das Technorama kennen lernen. «Wir wollen uns noch stärker in den Köpfen der Leute verankern, vor allem als Bildungsinstitut.» Schon heute besuchen 66'000 Schüler pro Jahr das Technorama. Die Expo-Organisatoren erwarten 20 Millionen Besucher, die SBB rechnen allein mit drei Millionen aus der Schweiz. «Davon kommen sicher 90 Prozent im Schweizer Pavillon und damit in unserem Atelier vorbei», sagt Schedler – ein immenser Marketingeffekt.

Dass das Technorama in Mailand ausstellen darf, ist auch den Beziehungen Schedlers zu Nicolas Bideau, dem Präsidenten von Präsenz Schweiz (PRS), zu verdanken. PRS gehört zum Aussendepartement, ist dort für die In­ter­essenwahrung der Schweiz im Ausland zuständig und organisiert so auch den Auftritt an der Expo. «Dass wir Programmpartner sind, bedeutet für uns eine hohe Anerkennung», sagt Schedler.

Die offenen Fragen

Bleibt die Frage, was ein Schokoladenatelier mit dem Expo-Thema «Den Planeten ernähren, Ener­gie­ für das Leben» zu tun hat. Schedler ist nicht um eine Antwort verlegen: Zum Beispiel zeige ein Video zu Beginn des Workshops in Schokoladenherstellung ein Projekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit in Vietnam. Kakaobauern werden dabei unterstützt, gesunden Kakao anzubauen und dann zu einem fairen Preis an Händler zu verkaufen. «Mit diesem Beispiel illustrieren wir im Workshop, wie die Schweiz ihr land- und betriebswirtschaftliches Wissen weitergibt, damit sich die Bauern in Entwicklungsländern eine Existenzgrundlage aufbauen können.»

Das Technorama bezieht Kakaobohnen und -butter vom Winterthurer Rohstoffhändler Pronatec. Dessen Kakaohandel hat die Erklärung von Bern (EvB) vor zwei Jahren in einer Studie als fortgeschritten eingestuft. Weniger gut schnitt damals der Kakaohandel von Nestlé ab, einem der Hauptsponsoren der Schweiz an der Expo. Die EvB stufte Nestlé im Kakaohandel als nachlässig ein. Den Auftritt des Technoramas an der Expo sponsert indes nicht Nestlé, sondern die Schweizerische Stiftung der Kakao- und Schokoladewirtschaft. Deren eine Mitglieder beziehen ihre Bohnen von Pronatec, die anderen von Nestlé.

Erstellt: 29.04.2015, 16:04 Uhr

Urs Furrer ist Geschäftsführer bei der Schweizerischen Stiftung der Kakao- und Schokoladewirtschaft.

Welternährung und Kakao, passt das zusammen?

Ihre Stiftung finanziert das Schokoladenatelier des Technoramas an der Expo. Was ist der Zusammenhang von Schoko­lade und dem Expo-Thema?
Urs Furrer: Als Erstes ist das Atelier ja im Schweizer Pavillon. Zuerst wollen wir also den Zusammenhang Schokolade – Schweiz erklären, indem wir die zwei bahnbrechenden Schweizer Erfindungen Milchschokolade und Conchieren vorstellen.

So viel zum Marketinggedanken. Was aber hat Schokolade mit Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit zu tun?
Kakao und Nachhaltigkeit sind schon länger im Fokus unserer Stiftung. Deshalb wird zu Beginn des Workshops auch der Deza-Film gezeigt, der ein Kakao-Kleinbauern-Projekt vorstellt.

Wie kümmert sich denn Ihre Stiftung um Nachhaltigkeit?
Wir fördern mehrere Nachhaltigkeitsprojekte, auch für andere Agrarprodukte, die für Schokolade verwendet werden. Aktuell unterstützen wir zum Beispiel finanziell ein Haselnuss-Projekt in der Türkei, das zum Ziel hat, dass die Kinder der Wanderarbeiter nicht mit ihren Eltern auf dem Feld anpacken müssen. Für dieses Projekt organisiert die Internationale Arbeitsorganisation Schulen und Betreuungsmöglichkeiten.

Stellt für Sie der Import von Ka­kao kein Dilemma dar, gerade im Zusammenhang mit der Ernährungssicherheit, immerhin ist Kakao eine Kolonialware?
Der Begriff «Kolonialware» ist ein Unwort aus einer vergangenen Zeit. Wir hatten als Schweiz ja glücklicherweise nie Kolonien.

Trotzdem: Kakao wird in Entwicklungsländern angebaut, verzehrt wird er im Westen. Kakao ist damit doch eher ein Feind der Ernährungssicherheit.
Dem widerspreche ich. Kakao wird auch in den Herkunftsländern konsumiert, wenn auch selten in Form von Schokoladetafeln und eher als Pulver zum Beispiel für Getränke. Zudem wird Kakao meistens von Kleinbauern in Mischkulturen angebaut. Die Kakaobauern ernten auch Grundnahrungsmittel auf ihren Feldern, also nicht nur Produkte, die für uns verschifft werden.

Schweizer Pavillon

Die Expo Milano 2015 öffnet morgen Freitag ihre Tore. Die Schweiz war vor vier Jahren das erste Land, das seine Teilnahme an der Ausstellung bestätigte und Italien damit eine Geste des Vertrauens entgegenbrachte. Im Zen­trum des Schweizer Pavillons stehen vier begehbare Türme, deren Wände mit Kaffee, Thurgauer Apfelringen, Salz oder Wasser gefüllt sind. Die Produktauswahl soll für eine «nachhaltige, verantwortungsvolle, innovative und traditionsbewusste Schweiz» stehen. Die Besucher sollen auf ihrem Rundgang durch die Türme Schweizer Produkte und Werte kennen lernen und etwa auch erfahren, was die Schweizer Schokolade weltberühmt macht. Die Besucher können beliebig viele Produkte aus den Wänden mitnehmen oder vor Ort konsumieren. Damit sollen sie zum Nachdenken über die globale Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und über die Nachhaltigkeit der Lebensmittelkette angeregt werden. Die Ausstellung versteht sich als Aufforderung, verantwortungsbewusst zu konsumieren und im Umgang mit Ressourcen Verantwortung zu übernehmen.

Im Schweizer Pavillon steht auch das House of Switzerland. Dort befindet sich unter anderem eine Ausstellung der Gotthard-Partnerkantone zum Thema Wasser, eine Ausstellung von Hauptsponsor Nestlé und ein Informationsstand der schweizerischen Landwirtschaft. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes stellt zudem das interaktive Spiel «Plant doctor» vor, bei dem unter Einsatz moderner Technologien die Ernteerträge von Kleinbauern gesteigert werden müssen.

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