Zürich

Drei Kinder sind das Minimum

Wer viele Kinder hat, hat es oft schwer, geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien ist eine Adresse für sie – die Wartezeit beträgt mindestens drei Jahre.

Reto Murer? mit seinen Kindern. Dank den Grosseltern geht es auch ohne externe Betreuungsangebote.

Reto Murer? mit seinen Kindern. Dank den Grosseltern geht es auch ohne externe Betreuungsangebote. Bild: Thomas Marth

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Reto Murer ist entspannt. Es ist Freitag, sein Papitag. Wir sitzen am Tisch auf dem Balkon, die Kinder spielen in der Wohnung: Anna (5), Eva (7), Tobias (9) und Maria (11). Die Erwachsenen können sich in aller Ruhe unterhalten. Thema: Vor- und Nachteile, viele Kinder zu haben. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Die Kinder haben auch zu Hause immer ein Gspänli, sie betreuen sich gegenseitig.

Es hat sich so ergeben

Es hat sich so ergeben, umschreibt der Vater die Familienplanung. Noch eines? Warum nicht, so habe man sich nach dem zweiten gesagt. Nach dem vierten sei es dann die Ehefrau gewesen, die einen Schlussstrich gezogen hat. Und erst mit dem vierten sei auch alles etwas umständ­licher geworden, sagt er. Zum Beispiel liessen Buchungsplattformen in der Regel nur Einträge bis fünf Personen zu. Am Abend wird die Familie in die Ferien nach Ostfriesland aufbrechen, und auch die Deutsche Bahn setzt das Limit bei fünf Personen, als Gruppe ­buchen geht erst ab zehn Personen. Der Vater musste sich an den SBB-Schalter begeben, um die ­Tickets zu bekommen.

Es geht ohne Krippe und Hort

Reto Murer ist Geologe, aufgewachsen in Nidwalden. Er kam nicht nur des Studierens wegen nach Zürich, auch die Technomusik hatte es ihm angetan. Er hatte Auftritte als DJ, und er ist auch heute noch dafür zu haben, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Seine Frau Ursula ist Ärztin. Er arbeitet 80, sie 50 Prozent. Die Grosseltern lassen sich gern fürs Kinderhüten einspannen. Es geht daher ohne Krippe und Hort.

Um in eine der subventionierten Wohnungen zu kommen, ist das Einkommen der Familie zu hoch. 2500 Franken kostet sie, die 6½-Zimmer-Wohnung. Kostenmiete, erklärt Sylvia Keller. Sie ist Geschäftsleiterin der Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien. Man biete auch ­einige solche Wohnungen an, um eine möglichst gute Durchmischung im Haus zu erreichen, sagte sie. Die Siedlung ist ein Ersatzneubau aus dem Jahr 2007. Architekten waren Gigon-Guyer.

72 Wohnungen umfassen die zwei Wohnblöcke, sie sind das ­Zuhause von 250 Kindern. Das steuerbare Durchschnittsein­kom­men beträgt 47 600 Franken.

Auf den ersten Blick befindet man sich nicht an bester Lage, nahe des Bucheggplatzes und mit der breiten Hofwiesenstrasse, die vor der Siedlung durchführt. Aber der Blick vom Balkon der Murers im dritten Stock führt hinters Haus auf einen Park und auf Schaukeln. Kindergarten und städtischesGemeinschaftszentrum befinden sich gleich nebenan. Ebenso der Chäferbergwald, wo es sich gut joggen lässt. Diese Tätigkeit nennt der 43-Jährige auf die Frage, was für ihn Luxus sei. Am Freitagmorgen findet er in der Regel eine bis zwei Stunden Zeit dafür. Und ein- bis zweimal pro Jahr schaut er, dass er allein oder mit einem Kollegen in die Berge kommt. «Ich bin ein zufriedener Mensch», sagt er, und man glaubt es ihm.

Gebete fünfmal am Tag

Reto Murer ist katholisch aufgewachsen, mit Religion hat er nicht so viel am Hut. «Das bekam man einfach etwas übergestülpt», so empfand er den Religionsunterricht. Die Ehefrau ist reformiert, die Kinder sind getauft, die Kirchenbesuche erfolgen sporadisch.

Fünfmal gebetet pro Tag wird bei Tarnutzers im Block nebenan. Die jeweils anwesenden Familienmitglieder tun es gemeinsam, betont Walid Tariq Tarnutzer, der früher Walter hiess und im bündnerischen Tamins aufgewachsen ist. Er ist als 19-Jähriger konvertiert – wegen eines Freundes, den er «vor dem Islam retten wollte». Dann las er die erste Koransure, sie half ihm auf wundersame Weise und so liess er von seinem Vorhaben ab. Walid Tariq Tarnutzer hat seine Geschichte auch schon in einem «Dok»-Film im Fernsehen erzählt: «Schweizer entdecken Allah».

Seine Frau Qudoos hätte einem bei der Ankunft die Hand gegeben, wenn man sie ihr zum Gruss hingestreckt hätte. Sie war aber doch sichtlich froh, als man es nicht tat. Wir sitzen am Tisch im Wohnzimmer, die zwei geben ein harmonisches Bild ab, auch wenn der Anfang ihrer Beziehung nicht gerade romantisch anmutet. «Eine Vermittlungsehe», erklärt er.

So will es die Tradition. Das Ehepaar gehört der Gemeinschaft der Ahmadiyya Muslim Jamaat an. Ihren Ursprung haben diesein Indien; nach der Teilung des Landes ging der Meister nach Pakistan, wo ihnen der Staat 1974 ­offziell das Islamisch-Sein abgesprochen hat. 1984 wurde das Verdikt bestätigt. Viele flohen seither. Ihr Gotteshaus in Zürich ist die Mahmud-Moschee an der Forchstrasse.

Qudoos Tarnutzer kam als 18-Jährige nach Hamburg. Sie ist zu hundert Prozent als Hausfrau, er zu hundert Prozent als Tiefbauzeichner tätig. Auch die Söhne (25 und 23 Jahre alt) haben sich für Bauberufe entschieden: Boden­leger, Elektroplaner. Die Töchter (14 und 18 Jahre alt) tendieren in Richtung Büro: Die ältere beginnt eine Handelsschule, die jüngere möchte das KV machen.

Die Waschküche!

Der älteste Sohn ist schon ausgezogen, und auch der jüngere geht nächstens. Die Familie wird sich daher nach einer neuen Wohnung umsehen müssen. Drei Kinder vor oder in der Ausbildung sind Bedingung, um in der Siedlung wohnen zu können. Geschäftsleiterin Keller tönt an, dass sich eine Lösung abzeichnen könnte. Die Stiftung verfügt über mehrere Siedlungen in Zürich, zwei weitere kommen bald dazu. Es gibt für Fälle wie diesen auch noch einige kleinere Wohnungen.

Bei Tarnutzers haben sich die Kinder nicht so einfach ergeben. Er sieht darin auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, und er sagt: «Eine Blume wachsen zu sehen, ist schöner, als eine in die Vase zu stellen.» Klar, dass man sich dafür einschränken muss, aber: «Geld allein macht nicht glücklich.» Seine Frau trägt nun Kaffee und Biskuits auf. Hinter der Zurückhaltung, welche ihr die Religion auferlegt, ist Herzlichkeit spürbar. Was sie nicht versteht: Warum Schweizerinnen nicht mehr Kinder haben mit den Ausbildungsmöglichkeiten, die die­ses Land für sie bietet.

Walid Tariq Tarnutzer ist stolz darauf, dass die Töchter sich ge-gen Ende der Primarschulzeitfürs Kopftuch entschieden haben. «Von sich aus», betont er. Fest steht für das Ehepaar aber auch: Jeder soll so leben, wie er will; es soll keinen Zwang geben. Gemäss ihrem Motto «Liebe für alle, Hass für keinen» pflegen sie einen toleranten Islam.

Es gibt auch strenggläubige Muslime im Haus, in der Siedlung Friesenberg am andern Ende der Stadt leben zudem viele jüdisch-orthodoxe Familien. «Einen Mi­grationshintergrund haben hier die meisten», erklärt Hauswart Markus Schärer. Abgesehen von den normalen Mieterkonflikten – «die Waschküche!» – sei der Umgang aber angenehm, sagt er. Auch Reto Murer und die Tarnutzers betonen das. Und weil ja alle selbst Kinder haben, reklamiert auch kaum mal jemand über Kinderlärm. Murer und Tarnutzers haben da an ihren früheren Wohn-orten anderes erlebt.

Der Ballon an der Seilbahn

Hauswart Schärer ist in der Siedlung aufgewachsen, später zog er mit eigener Familie ein. Unter den Nachbarn waren einige, mit denen er als Kind gespielt hatte und die nun wie er zurückgekehrt waren. Bunt durchmischt war die Siedlung immer schon, erinnert er sich. Er empfand damals Italiener, Spanier und Portugiesen als Bereicherung, sagt er. Heute heissen die Heimatländer auch Sri Lanka, Somalia, Mazedonien, Türkei oder Afghanistan – und er findet auch das spannend. «Nicht zu-letzt essenstechnisch», fügt er mit einem Augenzwinkern an.

Die Murer-Kinder haben das Gespräch der Erwachsenen kein einziges Mal gestört. Auf dem Hinausweg sieht der Gast, wofür sie die Zeit genutzt haben: An einer zwischen zwei Stühle gespannten Schnur hängt eine Seilbahngondel, an welche sie einen Ballon geklebt haben. Strömt die Luft aus, fährt die Gondel. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 08.08.2016, 08:54 Uhr

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