Winterthur

«Sandro wollte in der Moschee schlafen»

Die jugendlichen ­Jihadisten aus der Stadt ­waren in der Moschee An’Nur in Hegi bekannt. Der Vereinspräsident Atef Sahnoun hat nach den Radikalisierungen reagiert, hält seinen Einfluss aber für begrenzt.

Atef Sahnoun ist Präsident des Moscheevereins An’Nur. Er kennt die vier jungen Winterthurer Jihadisten – und weitere Ausgereiste.

Atef Sahnoun ist Präsident des Moscheevereins An’Nur. Er kennt die vier jungen Winterthurer Jihadisten – und weitere Ausgereiste. Bild: David Baer

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Herr Sahnoun, Sie kannten alle vier Jugendlichen aus Winterthur, die in den Jihad ge­zogen sind. Teils waren es Besucher Ihrer Moschee in Hegi. Wie ­intensiv war Ihr Kontakt?
Nicht sehr intensiv. Grundsätzlich ist es bei den Jugendlichen bei uns so, dass sie unter der Woche kaum in die Moschee kommen, weil sie dann mit Schule und Lernen beschäftigt sind. Sie kommen vor allem zum Freitagsgebet und sonst vielleicht am Samstag, bevor sie in den Ausgang gehen. Die Moschee ist eine Art Treffpunkt für sie geworden. Ich weiss aber nicht, auf welchem Weg diese vier Jugendlichen radikalisiert wurden. Bei unseren Freitagsgebeten jedenfalls nicht.

Der junge Jihadist, der als ­Sandro bekannt wurde, war ein Konvertit. Was wussten Sie von den Problemen, die er mit seinen Eltern hatte?
Klar ist das für gläubige katholische Italiener nicht einfach, wenn ihr Sohn ein Muslim wird. Ich habe über andere Jugendliche von Sandros Problemen erfahren. Zum Beispiel, dass die Eltern ihn wegen seines Glaubens von zu Hause rausgeworfen haben. Das war ein Fehler. Die Eltern hätten doch genauer anschauen können, was der Grund dafür war, dass ihr Sohn konvertierte. Stattdessen stellten sie ihn auf die Strasse.

Wohin ging Sandro?
Er wollte in der Moschee schlafen. Das haben mir andere Jugendliche gesagt, aber ich habe das abgelehnt, weil ich keine Ausnahmen machen will. Er wurde dann anders unterstützt, zum Beispiel konnte er bei Vereinsmitgliedern übernachten. Bis ich irgendwann erfahren habe, dass er weg ist. Das hat mich überrascht. Schliesslich war Sandro einmal mit meinem eigenen Sohn in den Ferien, sie waren in Barcelona und haben dort gefestet. Auch mein Sohn war schockiert.

Wenn Sie zurückblicken: Hätten Sie nicht gewarnt sein müssen?
Das Problem mit Jugendlichen ist ja: Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, was den Erwachsenen nicht gefällt, dann sind sie nicht mehr ehrlich. Zu Hause können sie die bravsten, liebsten Kinder sein. Aber Eltern wissen nicht, was ihre Kinder machen, wenn sie draussen sind. Und plötzlich kann es einen Anruf von der Polizei geben, weil der Sohn etwas angestellt hat.

Es gab also keine Anzeichen?
Nicht direkt. Zum Beispiel erzählten mir Kollegen von Sandro, dass er seine Playstation verkauft habe. Aber da denkt man sich doch, dass er vielleicht Geld für sein Leben hier brauchte. Und nicht für ein Flugticket ins Ausland.

Flausen sind das eine. War­um hat ein Jugendlicher ausgerechnet den Jihad im Kopf?
Die Gesellschaft macht uns kaputt. Bei vielen Jungen läuft alles gut bis zur neunten Klasse. Dann brauchen sie eine Lehrstelle. Doch die Chance dafür ist minim, wenn man einen komischen ausländischen Namen hat und in der Sek B oder C war. Das wird den Jungen ja auch eingetrichtert. Sie bekommen das Gefühl, von der Gesellschaft ausgestossen zu werden. Und dazu kommt der Druck von den Eltern. Weiterführende Schulen können diese oft sowieso nicht finanzieren. Dar­um hängen die Jungen draussen herum. Und mit wem hängen sie herum?

Aber Sandro hatte eine ­Lehrstelle, war integriert und sogar im Fussballverein aktiv.
Richtig. Aber das ist nur ein Fall, und ich kenne viele, bei denen das ganz anders ist. Und es gibt natürlich auch Familien, in denen die Eltern sehr streng sind und die Kinder für kleinste Dinge bestraft werden. Diese Kinder wollen einfach weg, egal wohin.

Wie war es bei den Geschwistern Edita und Visar, die vermutlich nach Syrien sind?
Die kannte ich weniger gut. Als ich ihre Namen hörte, fielen mir keine Gesichter dazu ein. Ich kenne den Vater, und als ich ein Bild von Visar sah, erkannte ich ihn. Auch bei ihm hätte ich das nie erwartet. Er war so ein freundlicher Junge. Er besuchte früher unsere Moschee und war danach beim Verein El-Furkan in Embrach, zu dem ich Kontakt habe. Dort bekam Visar Hausverbot, weil er zu extrem wurde. Der Verein hat die Eltern von Visar schriftlich dar­über informiert. Aber diese haben nicht reagiert. Oder erst zu spät.

Wie merkt man, wenn sich ein Jugendlicher radikalisiert?
Keine Ahnung. Äusserlich erkennt man das nicht. Visar trug keinen Bart, im Gegenteil, er hatte Gel in den Haaren und war immer modern gekleidet. Ich weiss aber, dass er Kontakte nach Deutschland pflegte. Ich glaube darum, dass die Verantwortlichen in Deutschland sitzen.

Nicht in Winterthur?
Möglicherweise sind Kontaktmänner aktiv. Ein Kontaktmann erhält schliesslich für jede erfolgreiche Rekrutierung 10 000 Dollar als Provision vom IS. Ich würde das Problem aber nicht auf Winterthur reduzieren. Auch in anderen Regionen gab es ausgereiste Jihadisten, die aber nicht öffentlich bekannt sind.

Von wie vielen gehen Sie aus?
Ich kenne selbst drei, vier weitere Menschen aus meinem Umfeld, von denen ich im Nachhinein erfahren habe, dass sie in den Jihad gezogen sind. Ich kenne auch den Winterthurer, der kürzlich am Flughafen bei der Ausreise nach Syrien gestoppt wurde. Er kam einmal verzweifelt zu mir: Er sei frisch verheiratet und suche Arbeit, habe aber keinen Erfolg. Er ist hier geboren, kann gut Deutsch und ist gewillt, zu arbeiten. Für einen Temporärjob pendelte er für mehr als ein Jahr nach Basel. Er sagte mir, er würde alles machen, auch als Putzmann arbeiten – Hauptsache, er bekommt einen Job. Offenbar sah er im Jihad einen Ausweg.

Haben Sie Kontakt zu den ­Bekannten, die im Jihad sind?
Nein, sicher nicht. Ich bin absolut gegen den IS, das ist für mich kein Islam, und auch unser Imam hat das in seiner Predigt klar gesagt. Unser Vorbild sind die Propheten im Islam, die ihre Mitmenschen gut behandelt haben. Das ist nicht das, was der IS macht.

Im Raum Zürich weiss man von gemässigten Gemeinden, die radikale Imame zu Gast hatten. Haben Sie auch Gastredner?
Nein. Das kommt höchstens vor, wenn unser Imam ausfällt. Aber das führt uns zu einer anderen Problematik: Heute muss jeder Moscheeverein selber einschätzen, ob ein neuer Imam gemässigt oder radikal ist. Wenn der Islam aber als Religion anerkannt wäre, könnten die Behörden Imame nach eigenen Kriterien zulassen, in öffentlichen Listen aufführen und wenn nötig kontrollieren. Diese Kontrolle und Transparenz gibt es heute nicht.

Wie stehen Sie zur «Lies»-­Aktion, die auch schon in ­Winterthur Korane verteilte?
Ich halte das für eine gute Sache und war schon mehrmals selber bei den Aktionen dabei. Das Ziel ist es, in der Bevölkerung die Vorurteile ge­gen­über dem Islam abzubauen, die derzeit wegen des IS aufkommen. Am «Lies»-Stand wurden wir schon als Terroristen beschimpft. Wir nehmen das entgegen und versuchen mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen. Das Ziel ist der Dialog.

Experten in Deutschland sehen aber klare Verbindungen ­zwischen der «Lies»-­Aktion und Rekrutierungen des IS.
Das könnte sein, aber ich weiss nicht, ob das stimmt oder nicht. Ich sehe den positiven Sinn hinter der Aktion.

Und was halten Sie vom Islamischen Zentralrat, der einen ­salafistischen Islam vertritt?
Ich habe keinen engen Kontakt zur Organisation. Wir erhalten Informationen und Einladungen zu ihren Veranstaltungen. Wir entscheiden von Fall zu Fall, ob ein Anlass unserer Überzeugung entspricht oder ob die Vertreter vom Zentralrat zu uns kommen dürfen, wenn sie danach fragen.

Was unternehmen Sie, damit es nicht zu Radikalisierungen in Ihrer Moschee kommt?
Wir haben einen Plan eingeführt, damit immer eine Ansprechperson von uns vor Ort ist, die gleichzeitig zum Rechten sieht. Ausserdem haben wir einen Kontakt zur Polizei. Wenn wir etwas Verdächtiges beobachten, informieren wir sie. Ich würde jeden, der in unserer Moschee rekrutiert, sofort zur Anzeige bringen. Auch wenn es mein eigener Sohn wäre.

Trotzdem braucht es offenbar mehr Anstrengungen, aus der gesamten Gesellschaft. Leisten Sie Präventionsarbeit, vielleicht vereinsübergreifend?
Was sollen wir denn machen? Wie gesagt, die Radikalisierung passiert im Versteckten und nicht vor unseren Augen. Die Gründe dafür sind in der Gesellschaft, nicht bei uns. Den anderen muslimischen Vereinen will ich nicht vorschreiben, wie sie sich zu organisieren haben. Dazu habe ich kein Recht.

Ihre Moschee wird von vielen Jungen besucht. Was macht sie so attraktiv für sie?
Die Jugendlichen schätzen den Freiraum bei uns. Albanische und türkische Gemeinden beispielsweise sind strenger. Die Hierarchien sind noch viel traditioneller, es hat keine Entwicklung stattgefunden. Dar­um können die Jungen dort nichts mitbestimmen und dürfen beim Gebet nicht in der ersten Reihe bei den Älteren sitzen.

Was machen Sie anders?
Bei uns spielt keine Rolle, wo die Jungen beim Gebet sitzen. Wir führen Aktivitäten für Junge durch, und wenn sie Hilfe brauchen, werden sie unterstützt. Wir haben nun zwei junge Mitglieder in den Vorstand aufgenommen, um näher an die Jugendlichen heranzukommen und zu erfahren, welche Themen sie beschäftigen.

Kommen die Eltern der Jugendlichen auch in Ihre Moschee?
Bei 40 bis 50 Prozent ist das der Fall. Aber auch bei den anderen hören wir, dass die Eltern Freude haben, dass ihr Kind bei uns ist. Denn sie wissen genau, dass es bei uns keinen Alkohol und keine Zigaretten gibt und alles korrekt abläuft. Auch wenn die Eltern selber nicht oder nur zu Feiertagen in die Moschee gehen.

Bei der Gründung des Vereins An’Nur waren Konvertiten sehr präsent. Wie ist das heute?
Sie machen noch einen guten Teil bei uns aus. Im letzten Jahr sind etwa 20, 30 Konvertiten zu uns gestossen, die sich über die «Lies»-Aktionen mit dem Islam auseinandergesetzt haben. Ich finde es wichtig, dass diese Besucher nicht einfach dasitzen und nichts lernen, sondern die Predigten auch verstehen. Dar­um werden die arabischen Predigten simultan via Kopfhörer übersetzt. Gerade bei dem, was wir derzeit mit den Extremisten erleben, ist es umso wichtiger, zu zeigen, wofür der Islam steht – und wofür nicht.

Erstellt: 06.05.2015, 22:50 Uhr

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