Zürich

Urteil nach filmreifem Überfall: Millionenbeute in 74 Sekunden

Nach dem Raubüberfall auf die Bijouterie Gübelin 2010 musste sich gestern ein Bandenmitglied vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten.

Wurde am 15. Mai 2010 überfallen: Die Bijouterie Gübelin an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Wurde am 15. Mai 2010 überfallen: Die Bijouterie Gübelin an der Zürcher Bahnhofstrasse. Bild: Keystone

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Es war einer der grössten Juwelierraube in Europa. Im Mai 2010 erbeutete eine Bande in der Bijouterie Gübelin an der Zürcher Bahnhofstrasse Schmuck und Uhren im Wert von 5,5 Millionen Franken. Zehn Monate später folgte ein Überfall gleicher Machart auf einen Schaffhauser Juwelier mit 1,8 Millionen Beute. Für die Beteiligung an beiden Aktionen musste sich gestern M.S. vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Der 36-jährige Serbe ist (mit Ausnahme eines Fluchtfahrers) das bisher einzige bekannte Mitglied der serbischen Bande. Die Beute ist verschollen. Nur zwei Uhren sind in Fernost aufgetaucht.

Flucht mit gestohlenen Sportwagen

Acht Jahre Freiheitsstrafe forderte die Staatsanwaltschaft für S. Ihre Anklageschrift liest sich wie das Drehbuch eines Hollywood-Films. Beim Gübelin-Überfall waren demnach fünf Personen beteiligt: Die erste betrat die Filiale an jenem Samstag um 9 Uhr 17 und hielt das zu dieser Zeit noch dezimierte Personal mit einer Maschinenpistole in Schach. Die Komplizen folgten in kurzen, unauffälligen Abständen: Einer blockierte die Eingangstüre mit einem Schirm, ein anderer stellte einen Klappholzbock hin, um das Schliessen des Rollladens zu verhindern. Dann kam der Angeklagte S. und brach mit einem Geissfuss eine Holztüre auf, die zu den Auslagen im Schaufenster führt.

Nach 74 Sekunden war die Aktion vorüber. Mit der Beute – insgesamt über hundert teuren Uhren und Schmuckstücken – machte sich die Bande mithilfe eines Fluchtfahrers, der in einem Audi RS6 vor der Filiale wartete, aus dem Staub. Nach kurzer Fahrt stieg die Bande am Parkring Zürich in einen bereitgestellten Porsche Cayenne um. Von da an verliert sich die Spur. Beide Sportwagen waren gestohlen.

S., der im Herbst 2011 auf seiner Hochzeitsreise in der Türkei gefasst wurde, ist von schlanker Statur und hat eine elegante Ausstrahlung. In der gestrigen Verhandlung reagierte er mit ruhiger Stimme auf die Fragen des Gerichtspräsidenten. Wobei die Antworten nicht sehr aufschlussreich waren: S. bestätigte nur gerade, was man ihm nachweisen konnte.

3-D-Modell als Beweis

Zwar gab S. anders als in der Einvernahme zu, neben dem Überfall in Schaffhausen auch in Zürich beteiligt gewesen zu sein – dies aber erst, nachdem ihn ein 3-D-Gesichtsmodell belastete, das die Polizei anhand von Videomaterial berechnet hatte. Insbesondere machte er keine Aussagen zu den Mittätern. «Wenn ich aus dem Gefängnis rauskomme, möchte ich weiterleben», übersetzte ein Dolmetscher S., der nur gebrochen Deutsch spricht.

Klar ist, dass es das Gericht mit einem Berufskriminellen zu tun hatte. Dieser ist in der Schweiz und international mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen schweren Autodiebstahls, Raubs und Urkundenfälschung. Für die Überfälle ist er offenbar jeweils eingereist. Zum Tatmotiv äusserte er sich nicht weiter als: Er habe mit 20 in Belgrad eine Dummheit begangen und flüchten müssen. Seither habe das eine zum andern geführt, und jetzt stehe er hier.

Als «kühn, skrupellos und kaltblütig» bezeichnete der Staatsanwalt das Vorgehen der Bande. «Es ging zack, zack», zitierte er eine Verkäuferin der Zürcher Bijouterie. Auf Nachfrage will der Staatsanwalt nicht von der «Pink-Panther-Bande» sprechen, welcher die Räuber zugerechnet werden. Diese sei eine Schöpfung der Medien. Es handle sich allenfalls um ein Netzwerk, im Grunde genommen um ein Phänomen: Kriminielle Serben gehen in Banden auf Raubzüge in ganz Europa.

Sechseinhalb Jahre

In der Verhandlung waren die Anklagepunkte unbestritten. Der Verteidiger plädierte auf fünf Jahre. Sein Mandant habe keine physische Gewalt angewendet, aus­serdem sei die Beute viel weniger wert als beschrieben.

Das Gericht verurteilte S. schliesslich zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Die dreieinhalb Jahre, die S. bereits in Auslieferungs- und U-Haft zugebracht hat, werden angerechnet. Begründet wurde die Abweichung zum von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmass unter anderem damit, dass nicht nachgewiesen ist, dass S. die Überfälle mit einer geladenen Waffe beging. Dieser zeige zwar keinerlei Skrupel gegenüber Vermögensdelikten; zugute kommt ihm aber, dass er in der Gewalt gegenüber Personen «nicht über das absolut Notwendigste» hinausgehe, so der Richter. Das Urteil kann angefochten werden.

Erstellt: 17.06.2015, 08:24 Uhr

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