Thurauen

Warten auf die Rückkehr des Königs

Seit Jahren warten Vogelschützer gespannt auf die Rückkehr des Fischadlers ins Gebiet von Rhein und Thur. Auch der Kanton würde den König der Lüfte willkommen heissen.

Abgeschossen am 11. April 1919 am Rhein: Seither befindet sich der ausgestopfte Fischadler im Naturmuseum Winterthur. Er war einer der letzten seiner Art in der Region.

Abgeschossen am 11. April 1919 am Rhein: Seither befindet sich der ausgestopfte Fischadler im Naturmuseum Winterthur. Er war einer der letzten seiner Art in der Region. Bild: Enzo Lopardo

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In gut zwei Jahren wird er 100 Jahre tot sein. Der seither ausgestopfte Fischadler im Naturmuseum Winterthur wurde am 11. April 1919 bei Lottstetten von einem Jäger erlegt. Die deutsche Gemeinde am Rhein grenzt im Westen an die beiden Weinländer Gemeinden Rheinau und Marthalen.«Der Fischadler stirbt aus!», schrieb Carl Stemmler 1932 in seinem Buch «Die Adler der Schweiz». Im Rheingebiet, wo der Vogel seit Menschengedenken brüte, «ist er verschwunden». «Die Jäger, die sich so gerne als Schützer aufspielen, haben ihn abgeschossen», schrieb Stemmler verbittert. Der Fischadler vom Winterthurer Museum sei vielleicht der letzte aus der Gegend des Rheins.

Kanton für die Rückkehr

Doch heute steigen die Chancen wieder, dass der König der Lüfte in das Gebiet von Thur und Rhein zurückgekehrt, hier seinen Horst baut und brütet. Ab und zu durchfliegen, das tut der Greifvogel schon heute. So würden in der Region vielleicht zwei, drei Fischadler pro Jahr während der Zugzeiten dem Rhein entlang fliegen, sagt Corina Schiess von der kantonalen Fachstelle Naturschutz. Offizielle Zahlen anhand von Beobachtungen gibt es dazu allerdings keine. «Der Kanton Zürich würde es sehr begrüssen, wenn sich der Fischadler wieder ansiedeln würde», so Schiess. Aktive Massnahmen zur Wiederansiedlung unternehme der Kanton aber keine. Private Initiativen wie etwa das Montieren von Horstplattformen in geeigneten Baumwipfeln würden allerdings begrüsst.

Tatsächlich werden seit 2010 auf beiden Seiten des Rheins solche Nisthilfen eingerichtet. Derartige Massnahmen bezeichnet man als passiven Ansiedlungsversuch. Gehofft wird also, dass sich ein vorbeifliegendes Fischadlerpaar niederlässt, auf der Plattform einen Horst aus Zweigen baut und brütet. Die lokalen Vogelschützer wollen die Standorte der Plattformen jedoch nicht bekannt geben. Denn sie wollen nicht, dass der sehr scheue Vogel durch neugierige Menschen gestört wird. «Der Fischadler braucht einen völlig ungestörten Brutplatz», sagt auch Schiess.

Neues Revier suchen müssen

Die Montage der Plattformen am deutschen und Schweizer Rheinufer begann, nachdem dort vor einigen Jahren immer mehr Fischadler gesichtet worden waren.

Im Kanton Freiburg läuft bereits ein aktiver Ansiedlungsversuch: Jungvögel werden grossgezogen und ausgewildert. Diese jungen Fischadler werden ein neues Revier suchen müssen. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich eines Tages ein Paar im Gebiet der Thurauen niederlässt – und in ein fast schon gemachtes Nest seine Eier legen kann. Die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr ist laut Schiess aber schwierig einzuschätzen. Dank der Revitalisierungsmassnahmen in den Thurauen dürfte sich die Nahrungssituation im Mündungsgebiet von Thur und Rhein zwar verbessert haben. Wenn das scheue Tier aber erst einmal seinen angestammten Brutplatz verlassen hat, dann dauert es sehr lange, bis es dahin zurückkehrt. Und in der Hinsicht sei, so Schiess, das Gebiet der Thurauen, in dem sich viele Menschen bewegen, eher kritisch.

«Chancen intakt»

«Die Chancen, dass der Fischadler künftig wieder in der Schweiz brütet, sind intakt», sagt Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. So würden die nächsten Paare weniger als 200 Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt brüten. Eine Distanz, die in wenigen Ausbreitungsschritten zurückgelegt werden könne. «Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund, weshalb sich nicht auch in den Thurauen dereinst ein Brutpaar ansiedeln könnte», so Schaad.

«Grundsätzlich sind wir für eine hohe Biodiversität an und in unseren Gewässern, wo auch Fischadler ihren Platz haben sollen», schreibt der Fischerverein Andelfingen auf Anfrage. Dessen Reviere grenzen im Osten an die Thurauen. Wenn das natürliche Gleichgewicht nicht mehr da sei, so soll der Mensch eingreifen dürfen, findet der Verein. Der Fischadler sei unbestritten ein spannender Bewohner der Gewässer. Man wisse aber sehr wenig über ihn, «deshalb können wir keine konkrete Antwort geben», wie sich der Fischadler in der Gegend entwickeln könnte. Eine erfolgreiche Ansiedelung hält der Verein aber für schwierig «in unserem dicht besiedelten Gebiet und in unserer angespannten Umwelt».

Viel Glück gewünscht

Wie andere Fischfresser gefährde der Fischadler «weder bedrohte Fischarten, noch hat er einen negativen Einfluss auf die Fischereierträge», sagt Michael Schaad von der Vogelwarte. Dies vor allem deshalb, weil er sich nirgends in der Natur stark vermehre. Die Westschweizer Organisation, die den Fischadler aktiv auswildert, schreibt, dass die dortigen Fischer ihr sogar viel Glück bei der Wiederansiedlung gewünscht hätten.

Erstellt: 15.05.2017, 17:21 Uhr

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