Grossmünster

Totentanz aus Naegelis Spraydose

Harald Naegelis Spray-Projekt in den Grossmünstertürmen macht Fortschritte. Tests zeigen, dass sich die geplanten Totentanz-Figuren wieder entfernen lassen.

<b>Der bekannte Zürcher Sprayer</b> Harald Naegeli, hier vor einer Auftragsarbeit (Tierzeichnung) für den Zoo Zürich.

Der bekannte Zürcher Sprayer Harald Naegeli, hier vor einer Auftragsarbeit (Tierzeichnung) für den Zoo Zürich. Bild: key

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Es ist paradox: Letzte Woche stand der 77-jährige Künstler Harald Naegeli in Zürich vor Gericht wegen illegaler Sprayzeichnungen. Zeitgleich reift hinter den Kulissen ein Naegeli-Projekt heran, das amtlich bewilligte Sprayzeichnungen in den Grossmünstertürmen vorsieht. Läuft alles rund, dürfte das Werk im nächsten Frühjahr zu sehen sein – und sich im besten Fall zum Magneten für Touristen entwickeln. Vor gut zwei Jahren klopfte Naegeli letztmals bei der Kirchenpflege an und offerierte ihr sein Kunstprojekt namens Totentanz. Im Treppenaufgang der beiden Grossmünstertürme will er Fischfiguren und Skelette auf den Sandstein sprayen. Für Besucher sichtbar wären lediglich die Zeichnungen im öffentlich zugänglichen Karlsturm, während jene im Glockenturm verborgen blieben – und die Fantasie anregen sollen. Laut Angaben von Ulrich Gerster, Kirchenpfleger und Mitglied der Grossmünster-Kunstkommission, ist vorgesehen, dass Naegeli im Karlsturm etwa ein halbes Dutzend vorher definierter Flächen «bespielt». Diese sind im Treppenaufgang angeordnet und erstrecken sich bis zur Bersucherplattform. Im Glockenturm sind weniger Flächen geplant.

Honorarfreie Kunst

Naegeli will der Kirchgemeinde das Kunstwerk schenken. Er verzichtet also auf ein Honorar. Die Kirchenpflege stimmte dem Vorhaben im März 2015 zu. «Fundamentalopposition gab es nicht, nur Fragen», sagt Gerster. Ein Ja braucht es nun aber auch vom Kanton. Er ist Eigentümer des Grossmünsters. Er macht zwei Auflagen: Zum einen will er, dass ihm keine Kosten erwachsen. Zum andern verlangt er, dass die Sprayfiguren zu einem späteren Zeitpunkt ohne Schaden für den Sandstein wieder entfernt werden können.

Wie lange der Totentanz zu sehen sein soll, ist laut Gerster noch nicht genau festgelegt. Er spricht von rund zehn Jahren. Die Methode, welche die Reversibilität gewährleisten soll, steht mehr oder weniger fest: Auf der Grundfläche, wo Naegeli sprayen darf, wird zuerst ein Schutzlack aufgetragen. So kann der Grundierungslack samt Zeichnungen später wieder entfernt werden.

Wasserlösliche Materialien

Erste Tests von Fachleuten unter der Regie der Kunstkommission haben bereits stattgefunden. Gerster sagt: «Nach meinem Wissen ist der Versuch erfolgreich verlaufen.» Wasserlösliche Materialen sollen zum Einsatz kommen. Das schriftliche Gutachten zum Test, das dem Kanton unterbreitet werden muss, wird aber erst Ende Monat fertig.

Die Kosten für die Tests und die übrigen Vorbereitungsarbeiten obliegen der Kirchgemeinde. Sie ist Gebäudenutzerin. Gerster rechnet mit 10 000 bis 15 000 Franken. «Im Verhältnis zum künstlerischen Wert des Totentanzes ist dies bescheiden», sagt er. Hinter den Kulissen arbeite man derzeit an zwei Verträgen. Der eine – zwischen Naegeli und der Kirchenpflege – sei unterschriftsbereit. Der andere – zwischen Kirchgemeinde und Kanton – befinde sich in Vorbereitung. Sobald beide unterzeichnet sind, kann Naegeli loslegen. Das könnte schon im November oder Dezember der Fall sein.

Kanton will Projektbeschrieb

Um das Vorhaben bewilligen zu können, braucht der Kanton einen Projektbeschrieb, wie Dominik Bonderer, Kommunikationschef der Baudirektion, auf Anfrage sagt. Dieser sei noch nicht eingetroffen. Sobald er vorliege, werde er von Fachleuten der Baudirektion, unter anderem von der Denkmalpflege, geprüft. Laut Bonderer ist es gut möglich, dass das Dossier letztlich auf dem Tisch von Baudirektor Markus Kägi (SVP) landet.

Skelette und Fische

Wie weit ist Künstler Naegeli mit seinen Vorbereitungen? Auf Anfrage teilt er mit, er wolle zur Zeit keine Fragen zum Totentanz beantworten. Ohnehin spreche die Kunst immer für sich, und was der Künstler dazu sage, sei blosse Interpretation, die oft im Widerspruch zur Kunst stehe. Der Kirchgemeinde hat Naegeli laut eigenen Angaben ein Skizzenbuch mit Totentanz-Ideen geschenkt. Darin finden sich unter anderem tanzende Skelette, die auf Fotos gezeichnet sind. Fischfiguren enthält das Buch aber keine. Gegenüber der NZZ sprach Naegli im Mai von einem «Totentanz der Fische», den er realisieren wolle. Dabei bezog er sich auf eigene Sprayzeichnungen entlang des Rheins, die er nach der Sandoz-Chemiekatastrophe in Schweizerhalle (1986) angefertigt hatte, die aber verschwunden sind.

In der Kunstkommission bezweifle niemand Naegelis künstlerischen Kompetenz, sagt Gerster. Der Totentanz habe eine lange Tadition in der christlichen Symbolik. «Wenn dazu nun eine zeitgenössiche Interpretion entsteht, ist das sicher eine sinnvolle Intervention», sagt er.

Pfarrerin sperrte sich

Naegelis Idee eines gesprayten Totentanzes im Grossmünster ist nicht neu. Sie geistert seit rund 15 Jahren in Zürich herum. 2004 war es die damalige Grossmünsterpfarrerin Käthi La Roche, die im Gegensatz zur Kirchenpflege vom Projekt nichts wissen wollte. Der heutige Grossmünsterpfarrer, Christoph Sigrist, sieht das ganz anders. Er freue sich auf Naegelis Totentanz, sagte er gestern auf Anfrage (Kasten unten).

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Erstellt: 11.10.2017, 19:20 Uhr

Infobox

Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist (Bild) begrüsst Harald Naegelis Totentanz-Projekt. «Ein Totentanz regt dazu an, über den Tod nachzudenken.» Dass das Werk dereinst nach etwa zehn Jahren wieder entfernt werden muss, findet er in Ordnung. Das passe zum Thema Vergänglichkeit.
Besonders sinnig am Projekt findet Sigrist, dass die Besucher die Treppe im Karlsturm hochsteigen müssen, um Naegelis Totentanz zu erleben. Oben angelangt, sozusagen «näher am Himmel» und aus der Vogelperspektive, habe der Mensch eine ganz andere Sicht auf die Welt und damit auch auf das Leben und Sterben. Diese Erfahrung habe viel mit Glaube und Religion zu tun, sagt Sigrist.
Ob Naegeli seinen Totentanz mit Fischfiguren oder Skeletten oder mit beidem zeichnen wird, weiss niemand genau, auch Sigrist nicht. «Dies zu entscheiden gehört zur Freiheit des Künstlers», sagt Sigrist. Beide Motive haben für ihn einen starken Bezug zum Christentum. Der Fisch ist ein uraltes Symbol für das Christentum. Totentänze sind religiöse Darstellungen, verbreitet im Mittelalter, welche die menschliche Sterblichkeit ins Bewusstsein rufen sollen. Laut dem Historischen Lexikon sollen Menschen durch die Konfrontation mit dem personifizierten Tod erkennen, dass vor dem Tod alle gleich sind. Zugleich ist es eine religiöse Mahnung, dass jeder für seine Sünden zur Rechenschaft gezogen wird. tsc

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