Kapverden

Und dann steuerte Vreni einen Zweimaster

560 Seemeilen auf einem ehrwürdigen Segelschiff durch den Atlantik, sechsmal Landurlaub auf sechs vielfältigen Inseln.

Das erhabene Gefühl am Ruder der 49 Meter langen Morgenster, unterwegs auf dem Atlantik zu verschiedenen Inseln der Kapverden.

Das erhabene Gefühl am Ruder der 49 Meter langen Morgenster, unterwegs auf dem Atlantik zu verschiedenen Inseln der Kapverden. Bild: Urs Stanger

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«Ich brauche drei Leibeigene!» Renée sagte es als Vorschlag, nicht als Befehl. Die dritte Steuerfrau der SS Morgenster versammelte die freiwilligen Leibeigenen, die wir als Gäste an Bord des Zweimasters aus Holland waren. Der Job: Segel setzen. Nicht mit einer Winde oder einem Motörchen, sondern mit den baren Händen und mit Leinen, die irgendwann Schwielen wachsen liessen. In Galeerenarbeit artete das Ganze trotzdem nie aus. Es blieb ein reines Vergnügen, ein aktiver Teil davon zu sein, diese imposante, schöne Clipperbrigg mit Windkraft über die atlantischen Wellen reiten zu lassen.Harry, fröhlicher Kapitän und stolzer Besitzer der 49 Meter langen Morgenster, erklärte am ersten Abend bei Sonnenuntergang, wie die nächsten zehn Tage an Bord ablaufen sollten. «Erste Regel: Nicht vom Schiff fallen. Zweite Regel: Nicht vom Mast fallen.» Und zum Schluss: «Ich freue mich darauf, mit euch auf didaktische Weise zu segeln.»

Vom Mast fiel niemand, zumal jeder mit Klettergeschirr und Sicherungshaken ausgerüstet war. Von Bord kippte auch keiner. Ausser der Kapitän selbst. Im Beiboot, das die Leute an Land beförderte, war er vor Tarrafal (San­tiago) alleine zügig unterwegs, er touchierte die Ankerleine eines Schiffs, was die Fahrt abrupt stoppte und ihn zum fliegenden Holländer machte. Durchnässt, die Brille auf Meeresgrund, kletterte er zurück aufs Beiboot. Schiffszimmermann Mathias, der einzige Belgier unter der holländischen Crew, reparierte die Delle in der Schraube.

Wer mitmacht, hat mehr davon

Harry, der mit seiner Marian, einer ausgebildeten Kapitänin, seit 1977 auf Schiffen wohnt, kaufte 1983 den Stahlrumpf eines alten Heringsfängers und begann gut 20 Jahre später in Holland eigenhändig mit dem Aufbau der Morgens­ter. Mit, wie er sagt, «historisch begründeter Fantasie und viel Berechnungen» entstand der ebenso schöne wie zweckmässige Zweimaster, ein stattliches Schiff mit sehr viel Stil und Tradition.

Die Besatzung führt die Gäste an alle machbaren Aufgaben heran. «Wir sind da ziemlich locker. Alle sollen so viel Spass wie möglich haben», sagt Harry. Kein Gast wird zu etwas gezwungen. «Aber wer sich aktiv beteiligt, hat viel mehr davon.»

Segel setzen, optimieren und bergen waren die häufigsten Aufgaben. Am ehesten an Sklavenarbeit erinnerte die manuelle Ankerwinde, die zu zweit im Kreis gehend zu bedienen war. Nur der Peitschenknall fehlte. Wers spektakulär wollte, der kletterte die Masten hoch, um die Segel zu lösen oder zu bergen – bis hinauf in die luftige Höhe der vierten Rah, immerhin rund 30 Meter über Meeresspiegel. Ein besonderes Vergnügen war der gleiche Job am Klüver vorne – bei voller Fahrt, wie immer gesichert mit einem Haken, auf einer Leine stehend und als zusätzliche Galionsfigur ein paar Meter über dem Wasser gleitend.

Oder man stellte sich hinters massive Ruder und erhielt Instruktionen, wie der Kurs zu halten ist. Und dann steuerte Vreni einen Zweimaster. Für sie ging ein Traum in Erfüllung. «Ich wollte schon immer mal einen Windjammer steuern», strahlt die Berner Pflegeassistentin, die früher windsurfte und gerne reist. Vielleicht besuche sie jetzt einen Segelkurs auf dem Thunersee.

Manche stiegen mit reicher Segelerfahrung an Bord. Wie das Ehepaar, das neun Jahre mit der eigenen Jacht auf den Weltmeeren unterwegs war, oder jenes, das auf dem Neuenburgersee ein Schiff besitzt. Oder der ehemalige EM-Zweite im Starsegeln, der nun an Parkinson leidet, sich deswegen den Genuss des Meeres aber nicht nehmen lässt. Die meisten anderen waren Frischlinge. Auch der Alpinist, der stets am schnellsten auf die oberste Rah stieg.

Delfine und Kartoffelkanone

Begeistert waren wir alle. Obschon mitunter einige Mägen ziemlich strapaziert wurden. Nicht wegen des Essens, das war ebenso hervorragend wie bekömmlich. Kapitänsgattin Marian sprang ein, weil die Köchin den Flug verpasst hatte. Frühstücksbuffet (mit holländischen Eigenheiten wie Hagelslag) sowie Nachtessen gabs unten im Salon, Kaffeepausen und Lunch oben auf Deck. Das Trinkwasser stammte via Aufbereitungsanlage aus dem Meer, das Bier aus der Zapfsäule. Bei den Landgängen kaufte die Crew Frischwaren ein. Einmal kehrte sie mit 13 Kilo Goldbrasse für knapp 30 Franken vom Fischmarkt zurück.

Die zehnköpfige Besatzung kümmerte sich um die Morgenster und um die 14 Schweizer, die diese von Globoship tadellos durchgeführte Leserreise mitmachten, 44- bis 81-jährig waren sowie zwischen dem Freiburgischen und Elgg wohnen. Es hätten auch 20 Gäste Platz gehabt; das wäre in den Zweier- und Viererkabinen dann doch etwas eng geworden. Höchstens je zwei Personen der Reisegruppe hatten sich vorher gekannt. Dennoch harmonierte sie, was auch ein Verdienst der Crew war, die von Beginn weg die Sache mit viel Humor anging. Sie erzählte vom Leben auf See, vom Kap Hoorn und vielleicht auch ein wenig Seemannsgarn. Sie stimmte in der Nacht vor Anker in Hafennähe (meistens jugendfreie) Lieder an und packte eines Abends eine selbst gebastelte Kartoffelkanone hervor, mit der dreimal in die dunkle See geballert wurde.

Die längste Überfahrt, die 130 Meilen von Santiago nach São Vicente, dauerte 25 Stunden, angetrieben vom steten Wind aus dem nahen Nordafrika, dem, gemäss Crew, «arabischen Motor». Unterwegs blieb immer genügend Gelegenheit zur Siesta, wobei die Sitzgelegenheiten natürlich keinen Kreuzfahrtansprüchen genügten. Mitunter tauchten Begleiter auf: Ein Schweinswal mit einem Jungen, Seeadler, Fliegende Fische, einmal schwamm ein Rudel Delfine während 20 Minuten mit. Dazwischen gabs auch ­Besuch: Ein Fliegender Fisch und eine Sturmschwalbe strandeten versehentlich an Bord.

Die spezielle Art Wellness

Man war zu Zeiten wach, die zu Hause sonst im Tiefschlaf verbracht wurden, erlebte die Nacht in voller Fahrt mit Meeresleuchten, Sonnenauf- und -untergänge. Sehr erholsam das Ganze. Zum speziellen Wellnessbereich gehörten ebenso Krafttraining (Segel setzen), Fitness (auf Masten klettern), Entschlacken (. . .) und sanftes Peeling (durch den Sahara-Staub).

An Bord gabs reichlich Zeit für interessante Gespräche. Man lernte etwas über Flabkanonen, Flora und Fauna, Buchungssysteme von Fluggesellschaften, die Ausbildung zum Seemann oder royale Auftritte in Klosters. Man teilte persönliche Schicksale und Abenteuer. Und es gab (teils nicht ganz neue) Erkenntnisse wie diese: Lieber zu früh als zu spät Mittel gegen Seekrankheit schlucken, 81 ist kein Alter, Parkinson muss kein Grund sein, zu Hause zu bleiben, Holländer sind offenbar ein fröhliches Seefahrervölkchen und die Schweiz ist halt doch eine Segelnation.
www.zeilbrik.org, www.globoship.ch, www.kapverde-konsulat.ch (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 24.04.2016, 21:23 Uhr

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