Autoabgase

Viele Dreckschleudern sind unterwegs

Direkteinspritzende Benzinmotoren ohne Filter stossen massenhaft krebsfördernde Kleinstpartikel aus. Eine GLP-Kantonsrätin stellte der Regierung dazu Fragen.

Direkteinspritzende Benzinmotoren sind weltweit auf dem Vormarsch. Die älteren Modelle ohne Filter vergiften die Luft.

Direkteinspritzende Benzinmotoren sind weltweit auf dem Vormarsch. Die älteren Modelle ohne Filter vergiften die Luft. Bild: Keystone

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Sie fahren zu Tausenden auf den Strassen herum: Autos mit direkt einspritzenden Benzinmotoren ohne Partikelfilter. Sie stossen Unmengen von ultrafeinen Partikeln aus, an die sich Krebs erregende Substanzen heften. Forscher der Empa (eidg. Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) in Dübendorf deckten schon vor zwei Jahren die Tragweite des Problems auf. Das Echo darauf hielt sich allerdings in Grenzen. Der Dieselskandal dominierte die Schlagzeilen.

Keine Nachrüstpflicht

Seit letztem September gilt für direkt einspritzende Benziner ein verschärfter Grenzwert für die Zahl der Partikel. Er ist nun gleich hoch wie für Dieselfahrzeuge. Die neuesten Direkteinspritzer schaffen diese neue Hürde meist problemlos, weil sie serienmässig einen Partikelfilter eingebaut haben. Das Problem sind aber die Direkteinspritzer ohne Filter, die vor dem letzten September in Betrieb gesetzt worden sind. Für sie gelten die neuen Grenzwerte nicht. Eine Nachrüstpflicht besteht ebenfalls nicht. Der nachträgliche Einbau von Filtern wäre laut Fachleuten machbar, würde aber (mit Arbeit) rund 1000 Franken kosten. Der neue Grenzwert gilt übrigens auch nicht für einen anderen Typ Benzinmotor: Den Saugrohreinspritzer, Sauger genannt. Sie produzieren zwar auch Partikel, meist aber weniger als Direkteinspritzer. Zudem sind sie eine langsam verschwindende Gattung.

Zur Verbreitung der Fahrzeugtypen auf Schweizer Strassen gibt es keine genauen Zahlen. Norbert Heeb, Leiter der Empa-Forschungsgruppe, welche das Partikelproblem aufdeckte, schätzt, dass rund 60 Prozent der herumfahrenden Autos Benziner sind, die Hälfte davon Direkteinspritzer. Die restlichen 40 Prozent seien Dieselmotoren, für die seit 2011 ein Grenzwert für Partikel gilt.

«Ernüchternde» Antwort

Die zahlreichen Dreckschleudern unter den herumfahrenden Autos haben die Zürcher GLP-Kantonsrätin Sonja Gehrig (Urdorf) veranlasst, bei der Kantonsregierung eine Anfrage einzureichen. Sie wollte unter anderem wissen, wie der Regierungsrat die gesundheitlichen Risiken der Direkteinspritzer und Sauger einschätzt. In seiner kürzlich publizierten Antwort bejaht die Regierung zwar die Risiken, wiegelt aber eher ab. «Ernüchternd», findet Gehrig diese Einschätzung. «Das Ausmass der Gefährdung wird totgeschwiegen, in der Hoffnung, dass es niemand merkt», sagt sie. Es sei skandalös, dass die Autoindustrie die gesundheitliche Gefährdung der Direkteinspritzer unter den Tisch wische. «Offenbar hat sie nichts aus dem Dieselskandal gelernt.

Krebsfördernde Substanzen

Empa-Forscher Heeb und seine Mitarbeitenden verglichen verschiedene direkteinspritzende Benziner mit Baujahr 2001 bis 2016 mit einem modernen Dieselmotor, der mit einem hochwertigem Partikelfilter ausgerüstet war (Euro-5-Dieselfahrzeug). Es stellte sich heraus, dass die Direkteinspritzer bis zu 1000 Mal mehr Russpartikel und an diese angelagert 20 Mal mehr polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe ausstossen als das Dieselfahrzeug. Beim Einatmen transportieren diese Partikel laut Empa die angelagerten krebserzeugenden Substanzen in die Lunge, von wo sie ins Blut gelangen. Einmal dort, kann sie der Körper nicht wieder ausstossen.

Filterqualität entscheidend

Die Empa weist darauf hin, dass ein filterloser Direkteinspritzer die verschärften Grenzwerte unmöglich einhalten kann. Eine Nachrüstung mit Filtern, so schreibt sie weiter, würde die Emissionsbilanz um bis zu 90 Prozent verbessern – sofern die Filter wirklich gut sind. Laut dem Regierungsrat gibt es im Kanton Zürich keine Daten darüber, wie viele Direkteinspritzer mit einem Filter nachgerüstet worden sind. Eine allgemeine Pflicht zur Nachrüstung scheint ihm «technisch nicht zweckmässig», schreibt er in seiner Antwort auf Gehrigs Anfrage. Hingegen findet er, dass die periodischen Abgaskontrollen wieder eingeführt werden sollten.

Die direkteinspritzenden Benziner boomen seit 15 Jahren. Thomas Hilfiker, Projektingenieur Antriebstechnik bei der Empa, schätzt, dass ihr globaler Marktanteil bei rund 50 Prozent aller Fahrzeuge liegt. Diese Technik mache Motoren leistungsfähiger und verringere den Spritverbrauch um bis zu 15 Prozent. Das Problem zumindest der älteren Einspritzer besteht aber darin, dass sie das Benzin teilweise unvollständig verbrennen, so dass giftige Partikel entstehen können.

Im Vormarsch

Direkteinspritzer breiten sich immer mehr aus und verdrängen die alten Sauger. Laut Schätzung der Empa sind bis 2020 in Europa rund 50 Millionen solche Fahrzeuge im Einsatz. Die neuesten Direkteinspritzer seien technisch deutlich besser als die früheren, sagt Hilfiker. «Sie produzieren weniger Partikel und haben einen serienmässig eingebauten Filter.» Dank technischem Fortschritt könnte sich das Problem der Dreckschleudern mit der Zeit von selbst lösen. Hilfiker schätzt, dass es mindestens zehn Jahre braucht, bis sich die Flotte der Direkteinspritzer vollständig erneuert hat.

Auf Abgasnorm achten

Wer ein neues Benzinauto kaufen will, sollte nach Fahrzeugen der Emissionskategorie Euro 6d-Temp fragen, rät Empa-Mitarbeiter Hilfiker. Ab kommendem September sollten zwar nur noch solche Neufahrzeuge erhältlich sein. Aber es könnten noch Autos an Lager sein, die nicht dem neuesten Stand entsprechen.

Erstellt: 02.08.2019, 20:54 Uhr

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