Jagdgesetz

Von allen Seiten unter Beschuss

Der Entwurf zum neuen Jagdgesetz hat wenig politische Überlebenschancen. Die Hauptakteure – Jäger, Bauern, Förster und Gemeinden – lehnen ihn ab. Zu zentralistisch, finden sie.

Jäger, Bauern, Förster  und Gemeinden wollen nicht, dass der Kanton bei der Jagd das Szepter übernimmt.  Die Gemeinden sollen weiter Regie führen.

Jäger, Bauern, Förster und Gemeinden wollen nicht, dass der Kanton bei der Jagd das Szepter übernimmt. Die Gemeinden sollen weiter Regie führen. Bild: Keystone

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Der Kanton Zürich ist in 170 Jagdreviere aufgeteilt. Diese werden alle acht Jahre versteigert. Bewerben können sich Jagdgesellschaften. Das sind Gruppen von Jägern mit Fähigkeitsausweis. Regie führen die Gemeinden. Sie organisieren die Versteigerungen und erhalten einen Fünftel der gesamten Pachtzinseinnahmen von jährlich rund 750 000 Franken.

Der Rest fliesst an die kantonale Jagverwaltung, die damit unter anderem den Wildschadenfonds speist. Bei Versteigerungen ist jeweils der Gemeinderat anwesend. Manchmal ist auch Publikum dabei. Spektakuläre Bieteraktionen kommen aber kaum vor, weil der Kanton die Mindest- und Maximalgebote vorschreibt.

Fixtarife statt Versteigerung

Im neuen Jagdgesetz sind Versteigerungen nicht mehr vorgesehen. Statt dessen soll die kantonale Jagdverwaltung das Szepter übernehmen und die Reviere zu einem vorher definierten Preis an den geeignetsten Bewerber vergeben. Mangels Konkurrenz gebe es richtige Versteigerungen ohnehin kaum mehr, argumentiert der Kanton.

«Wir wollen die Einflussmöglichkeiten der kantonalen Jagdverwaltung nicht erweitern»Samuel Ramseyer
Vorstand Jagd Zürich

Der Gesetzesentwurf, der soeben aus der Vernehmlassung kommt, enthält auch zahlreiche andere Neuerungen. So erhält der Kanton das Recht, Reviergrenzen nach wildbiologischen Grundsätzen festzulegen. Verstösse gegen das Jagdgesetz würden nicht mehr von den Statthalterämtern beurteilt, sondern von einer speziellen Jagdaufsicht.

Zentralisierung unerwünscht

Den Hauptakteuren der Jagd, den Jägern, Bauern, Förstern und Gemeinden, ist vor allem die Zentralisierung ein Dorn im Auge. «Wir wollen die Einflussmöglichkeiten der kantonalen Jagdverwaltung nicht erweitern», sagt Samuel Ramseyer, Vorstandsmitglied von Jagd Zürich, ehemaliger SVP-Kantonsrat und heute Bildungsrat. Jagd Zürich vertritt 900 der rund 1500 Jäger im Kanton.

Ramseyer ist überzeugter Föderalist. Ihm misssfällt, dass die Gemeinden Kompetenzen an den Kanton abgeben müssen. Sein Verband verlangt, dass weiterhin die Gemeinden die Jagdreviere vergeben dürfen. Er lehnt den Gesetzesentwurf in der heutigen Form ab.

Dasselbe tun auch der Bauernverband, der Waldwirtschaftsverband und der Verband der Gemeindepräsidenten (GPV). Und auch sie haben vor allem die Zentralisierung im Visier. Dass der Kanton eine Leaderfunktion übernehmen wolle, sei zwar in Ordnung, schreibt der GPV. «Der Zentralisierungsgedanke ist jedoch zu stark betont», sagt FDP-Kantonsrat Martin Farner, der für den GPV die Stellungnahme verfasst hat.

Das Gesetz raube den Gemeinden, die oft auch Waldbesitzer seien, Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten. Er entlasse sie aus der Verantwortung. «Die Gemeinden hätten bei der Reviervergabe nicht mehr viel zu sagen», sagt Farner. Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes, pflichtet ihm bei. Die Gemeinden seien beim Thema Jagd näher dran als der Kanton. Sie kennten ihre Jagdreviere besser. Hodel moniert zudem, das Jagdgesetz müsse die Bauern stärker einbeziehen.

SVP gegen «Staatsjagd»

Bei den Parteien kommt der Gesetzesentwurf ebenfalls nicht gut an. Die SVP lehnt ihn ab. Stein des Anstosses ist auch bei ihr die Zentralisierung: «Es braucht zwar ein neues Jagdgesetz», sagt Kantonsrat Martin Zuber, «aber dieser Entwurf ist viel zu dirigistisch.»

«Es braucht ein Gesetz, aber ein schlankes»Hans-Jakob Boesch,
FDP-Präsident

Der Kanton Zürich sei in die Zentralisierungsfalle getappt mit seiner «Staatsjagd». Andere Kantone hätten es bei der Revision ihrer Jagdgesetze besser gemacht. Zuber findet das besonders schade, weil das Gesetz aus der Küche von Baudirektor Markus Kägi kommt. Dieser ist SVP-Mitglied und Jäger.

FDP und CVP melden ebenfalls Bedenken gegen die Zentralisierung an. Beide Parteien haben allerdings keine Vernehmlassungsantworten eingereicht. «Es braucht ein Gesetz, aber ein schlankes», sagt FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch (FDP), «auch wir sind gegen eine zu starke Zentralisierung.» Ähnliche Vorbehalte hat CVP-Präsident Philipp Kutter. Die SP zielt in eine andere Richtung. Sie kritisiert nicht die Zentralisierung, sondern die ihrer Meinung nach zu schwammig und unverbindlich formulierten Paragrafen.

Grüne: Zu wenig Naturschutz

Klar Nein zum Entwurf sagen die Grünen: «Die Nutzungskonflikte im Wald zwischen Jagd, Freizeit und Naturschutz werden nicht geregelt», kritisiert Präsidentin Marionna Schlatter. Ausserdem halten die Grünen den Schutz von Arten und Lebensräumen für zu schwach.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.07.2017, 15:01 Uhr

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Ein Strauss von Forderungen

Die Fuchsbaujagd im Visier

Die Vernehmlassungsanworten enthalten diverse Wünsche und Forderungen. Beispiele:


  • Stiftung für das Tier im Recht (TIR):
    Die Tierschutzorganisation befürwortet das Gesetz, kritisiert aber die Fuchsbaujagd (nebst anderem). Diese gehöre ebenso wie die Treibjagd und die Jagd auf Wasservögel verboten. Alle drei seien tierquälerisch. TIR verlangt auch ein Alkoholverbot für Jäger. Die Organisation unterstützt im Übrigen die kantonale Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger», die kürzlich eingereicht worden ist. Diese will die Milizjagd verbieten. Jagen dürften nur noch professionelle Wildhüter.

  • Zürcher Bauernverband:
    Er findet den Gesetzesentwurf zu zentralistisch und lehnt ihn deshalb ab (Hauptartikel). Zudem fordert er, dass die Jagdgesellschaften mindestens so viele Tiere schiessen müssen, wie der Kanton in seinen Abschusszahlen erlaubt. Gegen Jagdgesellschaften, die zu wenig schössen, brauche es griffige Sanktionen. Diese sollten bis zum Entzug der Jagdpacht reichen. Hintergrund dieser Forderung sind zunehmende Wildschäden etwa durch Wildschweine. Deshalb verlangen die Bauern weiter, dass Wildschäden voll gedeckt werden müssen. Das neue Gesetz ermöglicht hier Begrenzungen

  • Waldwirtschaftsverband und Forstpersonalverband:
    Mit dem Gesetzesentwurf verpasse der Kanton die Chance, die Waldbesitzer besser einzubinden, schreiben die Verbände. Die Besitzer sollten mehr Mitspracherrechte erhalten. Statt dessen würden diese weiter eingeschränkt. Brisant ist die Forderung, dass Jäger Nachtzielgeräte auf ihren Gewehren standardmässig einsetzen dürfen. Heute braucht es dazu im Kanton eine Ausnahmebewilligung. Die Forderung steht quer zum Bundesrecht, das Nachtzielgeräte verbietet. Auch ein Teil der Jäger stuft solche Geräte als unfair gegenüber den Tieren ein.

Vernehmlassung

Das geltende kantonale Jagdgesetz stammt aus dem Jahre 1929 und ist veraltet. Nach umfangreichen Anhörungen hat die Baudirektion von Markus Kägi (SVP) im April eine Neuauflage in die Vernehmlassung gegeben. Diese endete Mitte Juli. Nebst den politischen Parteien konnten sich auch Interessensverbände äussern: Jäger, Bauern, Forstleute, Tierschützer, Gemeinden und viele andere mehr. Die kantonale Jagdverwaltung wertet zur Zeit die Antworten aus. Am Ende entscheidet der Kantonsrat über die Vorlage.

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