Frankfurt/Wädenswil

Vorbei mit der Idylle: Hier wohnte der Täter von Frankfurt

Der mutmassliche Täter vom Frankfurter Hauptbahnhof hat in Schönenberg gewohnt. Ein Augenschein im geschockten Dorf.

Trostlose Terrasse: Zurück blieb ein Fussball und ein Treppenrolli.

Trostlose Terrasse: Zurück blieb ein Fussball und ein Treppenrolli. Bild: Conradin Knabenhans

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Das Gefühl für Alfredo Oviedo ist beklemmend. Er hat Tür an Tür mit dem mutmasslichen Täter von Frankfurt gewohnt. Dass sein Nachbar, der eritreische Vater von drei eigenen Kindern, in der deutschen Finanzmetropole einen achtjährigen Knaben und dessen Mutter vor einen Schnellzug geschubst hat, das schockt. Erst recht, weil weder Oviedo noch sonst jemand im Schönenberger Weiler Tanne mit einer solchen Nachricht gerechnet hat. Am Montagabend sei die Polizei noch hier gewesen, warum, weiss er nicht.

Das Haus, in dem der mutmassliche Täter gewohnt hat, ist den meisten als Pizzeria bekannt. Hinter der Gartenterrasse des Restaurants versteckt, liegt die Eingangstür. Ein Kindervelo fällt als Erstes ins Auge. Oviedo, angestellt bei einer Elektrofirma, führt zu seiner Wohnung. Ein etwas verbleichter, rosaroter Zettel weist die Bewohner des Hauses streng auf die Besucherparkplätze bei der Bushaltestelle hin.

Der Gang zu den einzelnen Wohnungen ist dunkel, unpersönlich, und der glänzende Steinboden wirkt, als wäre er länger nicht mehr feucht aufgenommen worden. Die Wände weiss und senfgelb, aber mit sichtlichen Altersspuren. Dass das Haus kein Luxusobjekt ist, darauf hatten schon die behelfsmässig angeschriebenen Briefkästen hingedeutet, aber auch der Blick ins Hausinnere zeigt, in welch einfachen Verhältnissen die Menschen leben.

Voller Kleber und Anschriften: Der Briefkasten am Wohnhaus der Familie. Foto: Conradin Knabenhans

Trostlose Terrasse

Hinter einer dünnen Holztür gehe es noch die Treppe zur Wohnung der betroffenen Familie hoch, erzählt der Nachbar. Er drückt auf die Türfalle, doch die Tür bleibt verschlossen. Hier also, sind der Eritreer und seine Familie ein- und ausgegangen. Bis letzte Woche, als der Täter seine Frau und seine drei Kinder eingesperrt und eine Nachbarin tätlich angegangen und bedroht hat. Davon hat Nachbar Oviedo nichts mitbekommen. Und auch seine Freundin, die er sogleich telefonisch über die Tat seines Nachbarn in Kenntnis setzt, kann nichts berichten. Ruhig und zurückgezogen hätte die Familie gelebt, erzählt sie am Telefon.

Oviedo selbst öffnet eine weitere Tür, dahinter verbirgt sich ein einfaches Badezimmer. Es gibt den Blick frei auf die Terrasse, welche zur Wohnung der Familie gehört hat. Verlassen liegt ein luftleerer Fussball dort, dazu ein Treppenrolli. Die Familie wurde an einen sicheren Ort gebracht, sagt Wädenswils Stadtpräsident Philipp Kutter (CVP). Die Stadt hat für eine Unterkunft gesorgt und leistet Hilfe, wo es sie nun am dringendsten braucht. Der Familie des mutmasslichen Täters will man ersparen, was jetzt kommt. Ein Haus mitten im Weiler Tanne gerät in den internationalen Medienfokus.

Das Wohnhaus ist auch ein Restaurant. Foto: Conradin Knabenhans

Entsetzen im Dorf

Der Kontrast, was die Medien hier wahrnehmen, könnte nicht grösser sein. Dort die schrecklichen Verbrechen vom Frankfurter Hauptbahnhof, hier die ländliche Idylle von Schönenberg, mit gepflegten Vorgärten, Gemüsebeeten und einem Gartenzwerg mit Schweizer Kreuz auf der roten Zipfelmütze. Nicht nur Oviedo ist aufgewühlt. Die Verbindung zwischen Tatort und Wohnort geht auch anderen Menschen, die an diesem heissen Dienstagnachmittag auf der Strasse in Schönenberg anzutreffen sind, nicht in den Kopf. «Gibts doch nicht? Von hier?» Die Nachbarin staunt kurz, dann wendet sie sich ab. «Ich habe einen Termin» – und fährt mit ihrem Auto ab.

Gelassener reagiert ein etwa sechzigjähriger Einheimischer zwei Häuser weiter. Als er gestern von der Tat hörte, habe er sich noch gedacht: «Der hat eine Ecke ab – ein Psycho.» Dass es jetzt einer aus der unmittelbaren Nachbarschaft war, kann er sich kaum vorstellen. Er habe den Mann auch nicht gekannt. «Manchmal sah ich eine dunkelhäutige Frau mit Kinderwagen, aber ich weiss nicht, ob sie die Mutter in dieser Familie ist.»

«Gibts doch nicht? Von hier?»Anwohnerin

Eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern kommt am Wohnhaus des Mannes vorbei, der für die Tat 435 Kilometer entfernt in Frankfurt verantwortlich gemacht wird. Sie kann es nicht glauben. «Mein Mann hat mir gestern davon erzählt, und ich war entsetzt. Und jetzt erfahre ich, dass dieser Mörder hier gelebt hat. Unglaublich!» Gekannt hat sie die Familie aus Eritrea zwar nicht. Dennoch wirkt die Frau wegen der plötzlichen Nähe zu einem Verbrechen, von dem alle grossen europäischen Medien berichten, schockiert. Sie ruft das grössere Kind zu sich und schiebt ihren Kinderwagen nun sichtbar schneller am Haus vorbei.

Aus einer oberen Etage des Wohnhauses blickt ein älterer Deutscher. «Jaja, nickt er», die Zeitung zu Frankfurt liege noch auf seinem Tisch. Hier hat der Täter gewohnt? Er zuckt mit den Schultern, das kann fast nicht sein. Letzte Woche, als die Polizei zur Frau des Eritreers ausrücken musste, war er nicht da. Und ohnehin, zu den Nachbarn hätte er kaum Kontakt.

Im Haus ist wenig über die Familie bekannt. Foto: Conradin Knabenhans

Gut integrierte Familie

Auch der Wädenswiler Stadtpräsident Philipp Kutter kann über die Familie wenig berichten. Gekannt hat er sie nicht, aber der Behörde sei die Familie als gut integriert bekannt gewesen. Er habe über eine Niederlassungsbewilligung C verfügt, sagt Kutter. Die gibt es nur, wenn ein Ausländer auch seine wirtschaftliche Selbstständigkeit nachweisen kann.

Der Mann war 2007 in die Stadt Wädenswil gezogen, danach zog er innerhalb der Gemeinde mindestens einmal um. Kutter ist hörbar betroffen, die Tat in Frankfurt sei abscheulich. «Gerade, wenn man selber Kinder hat», sagt der Stadtpräsident.

Polizei informiert Nachbarn

Wädenswil wird noch einige Tage über die Tat von Frankfurt sprechen. Das weiss man auch bei den Behörden. Am Dienstagabend, kurz vor 17.45 Uhr fährt die Stadtpolizei im Weiler Tanne vor. Sie will die Anwohner informieren, dass man nicht mit der Presse sprechen muss. Ob sich das alle zu Herzen nehmen, ist offen, just als die Polizei bei den Anwohnern klingelt, fahren die nächsten Journalisten vor. Sie alle haben eine Frage, die wohl auch die Schönenberger beschäftigt: Wie passen die Idylle und der Horror zusammen?

Erstellt: 30.07.2019, 20:55 Uhr

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