Regierungsratswahlen

Wähler praktizieren den freiwilligen Proporz

Eine Analyse des statistischen Amtes zeigt, dass die Mehrheit des Zürcher Wahlvolks bei den jüngsten Regierungsratswahlen Kandidierende verschiedener politischer Lager berücksichtigte.

Die beiden neuen Regierungsmitglieder: Martin Neukom (Grüne) und Natalie Rickli (SVP). Neukom konnte aufs linke Lager zählen, Rickli vor allem auf ihre Partei.

Die beiden neuen Regierungsmitglieder: Martin Neukom (Grüne) und Natalie Rickli (SVP). Neukom konnte aufs linke Lager zählen, Rickli vor allem auf ihre Partei. Bild: Dominique Meienberg

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Peter Moser, Leiter Analysen und Studien beim statistischen Amt des Kantons Zürich, hat mit bisher nicht erschlossenem Datenmaterial die jüngsten Regierungsratswahlen analysiert und ist dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen. Am Bemerkenswertesten ist wohl, dass der grösste Teil der Wählenden beim Ausfüllen der sieben leeren Linien auf dem Wahlzettel die politischen Scheuklappen ablegt und auch Kandidierende von zwei oder gar drei politischen Grosslagern – Links, Mitte, Rechts – berücksichtigt. Der Anteil jener Wähler, die nur Leute aus dem eigenen Grosslager (etwa SP, Grüne, AL) aufschreiben, beträgt nur 26 Prozent. Und unter dieser Gruppe machen jene, die nur Kandidaten einer einzigen Partei aufschreiben, 11 Prozent aus. Moser hat herausgefunden, dass hier die SVP-Gefolgschaft stark vertreten ist.

Zurück zur Mehrheit der ideologisch offenen Wählerschaft, die gut zwei Drittel umfasst. Die eine Hälfte von ihnen (33 Prozent) entschied sich, Kandidierende aus zwei politischen Grosslagern zu mischen. Weitere 39 Prozent berücksichtigten Kandidierende aus allen drei Lagern. Diese letzte Gruppe hält sich beim Ausfüllen des Wahlzettels an einen «freiwilligen Proporz». Sie will also, dass alle wichtigen politischen Kräfte in die Regierung eingebunden sind. Die Stimmenzahl dieser Gruppe ist bedeutend. Sie summiert sich auf über die Hälfte (51 Prozent) aller Stimmen. Das kommt auch daher, dass diese Wähler kaum Linien leer lassen und damit ihr Potenzial voll ausnutzen, wie Moser schreibt.

Neukom gut eingebettet

Was sagt Moser zum überraschendsten Ergebnis der Regierungsratswahlen, der Wahl von Martin Neukom (Grüne)? Sein Erfolg sei vor allem auf die solide Unterstützung durch das eigene linke Lager (SP, Grüne, AL) zurückzuführen. Rund 85 Prozent seiner Stimmen stammen von einer Wählerschaft, die mindestens drei linke Kandidaten oder sogar alle vier auf den Wahlzettel schrieben. Moser hat weiter herausgefunden, dass auf 90 Prozent der Wahlzettel, auf denen der Name des prononciert linken Kandidaten Walter Angst (AL) figurierte, auch Neukom stand. Das Umgekehrte war deutlich seltener der Fall. Wenn die linken Wähler also auf jemand verzichteten, dann am ehesten auf den AL-Kandidaten, weil sie offenbar nicht an seine Chancen glaubten.

Eine Sonderstellung bei den linken Kandidaten nimmt SP-Regierungsrat Mario Fehr ein. Es bestätigt sich, dass Fehr Mühe hatte bei linken Wählern. Der Sicherheitsdirektor schaffte es nur auf 73 Prozent der Wahlzettel jener Linkswähler, die nur drei von vier linken Kandidaten auf den Zettel schrieben. Das ist deutlich weniger als bei SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr (96 Prozent) oder Martin Neukom (91).

Anderseits bestätigt die Analyse auch, dass Mario Fehr im bürgerlichen Lager beliebt ist. Laut Moser war er fast so oft zusammen mit den bisherigen bürgerlichen Kandidaten auf einer Liste anzutreffen wie auf linken Listen zusammen mit Neukom oder Angst. Auf knapp der Hälfte der klar bürgerlichen Wahlzettel (49 Prozent) steht der Name des SP-Regierungsrates. Die als sehr links verschrieene Namensvetterin Jacqueline Fehr schaffte es auf immerhin 18 Prozent dieser bürgerlichen Wahlzettel.

Auffällig ist zudem, dass rund ein Viertel der SVP-Wählerschaft nur die eigenen beiden Kandidaten Ernst Stocker und Natalie Rickli auf dem Wahlzettel haben wollte. Zu Ricklis Wahl schreibt Moser: Es sei wohl die exklusive Unterstützung der eigenen Parteiwähler gewesen, die Rickli zum Vorsprung gegenüber dem gescheiterten FDP-Kandidaten Thomas Vogel und damit zur Wahl verholfen habe. Die Frauenmehrheit im Regierungsrat sei vermutlich jenem Teil der SVP-Wähler zu verdanken, der ausschliesslich die eigenen Kandidaturen berücksichtigte.

Erstellt: 17.07.2019, 19:26 Uhr

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