Chronik

Wie ein Junge zu Carlos wurde

Vor drei Jahren machteder Skandal über seinSondersetting den Mannschweizweit bekannt. EinAbriss von Carlos’ Geschichte.

Carlos, hier rechts im Bild, 2015 im Gerichtssaal.

Carlos, hier rechts im Bild, 2015 im Gerichtssaal. Bild: Keystone

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Carlos, wie er von den Medien ­genannt wird, kommt 1995 in einem Pariser Vorort zur Welt. Seine Mutter stammt aus Kamerun, der Vater ist Schweizer, von Beruf Architekt. Details seiner ersten Lebensjahre sind wenige bekannt. Die Rede ist von Misshandlungen und Eingesperrtsein. Jahre später diagnostizieren Behörden eine schwere posttraumatische Belastungsstörung.

Bevor er in den Kindergarten eintritt, zieht die Mutter mit ihm zum Vater nach Zürich-Wollishofen. Das geht nicht lange gut, die Mutter zieht zurück nach Paris, der Junge bleibt bei seinem Vater. Dieser versucht zu dieser Zeit, sein Architekturbüro zum Laufen zu bringen, und lässt Carlos oft ­alleine zu Hause. Mit vier Jahren geht der Bub ­alleine in die Badi.

Immer weitergereicht

Im Kindergarten ist Carlos untragbar. Er überfordert fortan die Lehrpersonen, bis sie ihn jeweils aufgeben. Er lernt: Er kann sich ­allem Unangenehmen entziehen, wenn er nur genug blöd tut. Was er bräuchte, klare Regeln und Strukturen, können auch die Eltern ihm nicht geben. Stattdessen verwöhnen sie ihn, um ihn ruhig zu stellen. Das verschriebene Ritalin will die Mutter ihm nicht geben. Ihr Kind sei normal, einfach ein wenig anders. Hilfe erhalten seine Eltern nicht; niemand scheint zu wissen, wie man dem schwierigen Kind beikommen könnte.

Carlos macht sich einen Namen im Quartier; er fällt mit kleineren Delikten auf wie Sachbeschädigungen, Diebstahl. Er konsumiert zum ersten Mal Cannabis und Alkohol. Bereits mit 10 Jahren beginnt sein Irrweg durch die Institutionen. Er wird in eine Jugendpsychiatrie eingewiesen, wiederholt verhaftet und immer wieder fremdplatziert. Niemand kann dem Jungen beikommen – er findet die Schwäche jedes ­Betreuers und nützt sie aus.

Carlos legt sich in diesen Jahren eine harte Fassade zu; dahinter versteckt er einen ängstlichen Kern, lautet Jahre später die Diagnose. Er trainiert, wird zum Muskelprotz und pflegt eine grosse Klappe.

2011 gerät der 15-jährige Carlos in einen Streit mit einem zwei Jahre älteren Jungen. Er sticht zweimal mit dem Messer zu. Nur durch Glück verblutet der 17-Jährige nicht und überlebt ­ohne Querschnittlähmung. Fachleute nennen die Tat ein Panik­delikt.

Wandel im Sondersetting

2012 zieht ein vierköpfiges ­Team, darunter Jugendanwalt Hans­ueli Gür­ber und Thaiboxer Shemsi Beqiri, ein Sondersetting für Carlos auf, das vielen bewährten Standards zuwiderläuft. Die Kosten von 29 000 Franken monatlich entsprechen denen vieler ande­rer Institutionen. Es gibt Car­los zum ersten Mal einen Rahmen, in dem er spurt. Er findet mit dem Thaiboxen ein Ziel, das er erreichen möchte, und in den Betreuungspersonen Halt. Er lässt die Finger von Drogen, putzt im Thaiboxzentrum und hält sich an die Regeln. Nach 13 Monaten im Sondersetting, im Sommer 2013, sieht es so aus, als habe Carlos den Rank gefunden. Er steht kurz vor der Ausbildung zum Fitnesstrainer. Doch dann macht ein SRF-Film über Hans­ueli Gür­ber seinen Fall publik. Der Blick titelt: «Sozial-Wahn!».

Welle der Entrüstung

Die ganze Schweiz empört sich über den Fall; in der Folge des media­len Aufschreis lassen Oberjugendanwalt Marcel Rie­sen und Justizdirektor Martin Graf Carlos fallen. Ohne Anlass wird er verhaftet. Das Bundesgericht pfeift die Zürcher Justiz ein halbes Jahr später zurück. Zu spät. Carlos schwierige Seiten treten noch stärker hervor als vor dem Sondersetting. Im Massnahmezentrum Uiti­kon zerstört er mehr­mals seine Zelle. Der Versuch, ihn wieder im Sondersetting zu betreuen, scheitert.

Wieder auf freiem Fuss, scheint er dem Bild, das die Medien von ihm verbreitet haben, gerecht wer­den zu wollen. Er verherrlicht Gewalt auf seinem Facebook-Profil und posiert mit einem Samuraischwert im Hauptbahnhof. Es ist hauptsächlich eine Show. Irgendwann bekennt er sich aus heiterem Himmel zum Islam – sein neuer Halt. Zuletzt in den Medien war Carlos vor einem Jahr, als er sich vor Bezirks­gericht Dietikon dem Vorwurf stel­len musste, er habe jemanden mit dem Messer bedroht. Kamerabilder entlasteten ihn. Seither ist es ruhig geworden um ihn.

Erstellt: 08.09.2016, 08:16 Uhr

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