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Analyse zum Basler NiedergangUnd ich schaue trotzdem hin

Wie es möglich ist, dass man seit über 40 Jahren in der Fremde lebt – und trotzdem leidet bei dem, was dem FC Basel widerfährt.

Das Malaise: Fans errichteten am Barfüsserplatz ein Mahnmal für den FCB.
Das Malaise: Fans errichteten am Barfüsserplatz ein Mahnmal für den FCB.
Foto: Nicole Pont

Als wir am Ostermontag gegen Vaduz ausglichen, war mein erster Gedanke: immerhin ein Punkt. Der zweite Gedanke, einschiessend wie ein Fallrückzieher: Sind wir schon dermassen tief gefallen, dass wir uns in einem Heimspiel gegen den Tabellenletzten mit einem Unentschieden zufriedengeben?

Wie sehr sich eine Stadt mit ihrem Club identifiziert, zeigt sich am deutlichsten während der Krisen.

Es kam noch schlimmer: 1:2 in der letzten Nachspielminute. Ich dachte an unsere europäischen Siege zurück: gegen Celtic, Juventus, Chelsea, Manchester United und andere Spitzenmannschaften. An die 0:5-Niederlage gegen Barcelona dachte ich weniger und noch weniger an die Klatsche in München beim Rückspiel gegen den FC Bayern. Aber gegen die darf man auch hoch verlieren.

Wie sehr sich eine Stadt mit ihrem Club identifiziert, zeigt sich am deutlichsten während der Krisen. Und nach den Niederlagen. Darum leiden sie in Basel und auch im Baselbiet seit Monaten. Und fragen sich: Warum kommuniziert Besitzer Burgener wie ein Stoppschild? Warum lässt sich der einstige Stürmer Karl Odermatt, dessen Ablaufdatum nun wirklich überschritten ist, von Bernhard Burgener einsetzen? Welches Spiel treibt David Degen? Droht eine Übernahme durch angelsächsische Investoren? Und warum braucht die Führung zehn Monate, um Ciriaco Sforza als jene Fehlbesetzung zu erkennen, die er als Trainer in Basel von Anfang an war? Nicht mal der FC Luzern hatte ihn behalten wollen.

So leiden die Baslerinnen und Basler in beiden Halbkantonen. Und schauen trotzdem hin. Und ich schaue mit. Ich bin zwar ein Opportunistenfan und hole die Zusammenfassungen am Fernsehen nur dann nach, wenn wir gewonnen haben. Aber wenn wir in Serie verlieren wie in den letzten Monaten, leide ich mit.

Möglicherweise leidet Basel immer noch an sich selber. Eine kulturelle Weltstadt führt sich auf wie aus der Provinz.

Wie ist so etwas möglich? Ich bin vor über 40 Jahren nach Zürich gezogen wegen des Studiums. Ich habe es nie bereut. Schon damals ging mir der Basler Chauvinismus auf die Nerven, diese angestrengte Fasnacht-Fröhlichkeit, der Hochmut ohne Grund, die geradezu neurotische Abneigung Zürich gegenüber. Basel ist negativ auf Zürich fixiert, Zürich nimmt Basel gar nicht wahr.

Daniel Vischer, Mitbegründer der superlinken Poch und gleichzeitig aus einer angesehenen bürgerlichen Familie stammend, nannte die provinziellen Ticks seiner Heimatstadt «Bebbyismus», das Resultat einer Neidkultur.

Möglicherweise leidet Basel immer noch an sich selber. Eine kulturelle Weltstadt führt sich auf wie aus der Provinz. Eine Stadt mit einer ehrfürchtigen intellektuellen Grundierung, mit Weltkonzernen der Pharmaindustrie, mit einem Stadtkern von grosser Schönheit, mit einem Fluss, der diesen Namen verdient im Gegensatz zu den Rinnsalen, die anderswo durchs Land sickern: Sie hadert mit dem Gefühl, nicht beachtet zu werden. Gleichzeitig hält man in Basel alles, was hinter dem Hauenstein an Schweiz passiert, für irrelevant.

Man kann den FCB aus der Champions League entfernen, aber nicht den FCB aus dem Basler.

Das Desinteresse ist gegenseitig: Politisch hat Basel in der Schweiz kaum etwas zu sagen. Der letzte Basler Bundesrat amtete in den Siebzigerjahren. Der letzte überragende Politiker, der nach Basel gezogene Helmut Hubacher, analysierte die Politik zwar wach bis zuletzt, war aber schon lange pensioniert. Nun könnte man mit Miles Davis sagen: So what? Den Baslerinnen und Baslern geht es gut. Die Lebensqualität ist gross, die Stadt lebt entspannt, ihr Humor ist britisch, solange es nicht um Zürich geht.

Und doch versinken wir im Elend. Also die in Basel versinken im Elend, und ich sinke mit ihnen. Im Fussball gibt es die Möglichkeit des Transfers. Aber nur bei den Spielern, nicht bei den Fans. Man kann den FCB aus der Champions League entfernen, aber nicht den FCB aus dem Basler. Nicht einmal von Zürich aus.

18 Kommentare
    Hansueli Hof

    Dürftiger Text, enthält aber ein paar kleine Wahrheiten, die wir Basler meist nicht so gern hören. ALLERDINGS ist die Frage, warum sich Karl Odermatt von Bernhard Burgener einsetzen lasse, total verkehrt. Unsere Legende Karli - einst ein Weltklassefussballer - betätigt sich leider als Einflüsterer und Heckenschütze, weil Burgener aus unerfindlichen Gründen offenbar auf ihn hört. Damit demontiert Karli sein Denkmal hier in Basel und merkt es selbst nicht einmal. Beides - das Heckenschiessen und die Demontage - sind sehr, sehr bedauerlich.