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Ungenaue Meinungsumfragen Und wieder lagen die Demoskopen daneben

Wie schon 2016 schneidet Donald Trump deutlich besser ab, als die Institute voraussagten. Verzerrungen führten zu einem Vorsprung Bidens, der bei seinen Kernwählern schwächelte.

Konnte die Massen entgegen den Erwartungen nicht mobilisieren: Joe Biden mit seiner Frau Jill nach der Wahl.
Konnte die Massen entgegen den Erwartungen nicht mobilisieren: Joe Biden mit seiner Frau Jill nach der Wahl.
Foto: Andrew Harnik (AP)

Es erinnert sehr an 2016: Damals gewann Donald Trump die Wahl, obwohl er in den Umfragen weit hinten lag. Und auch diesmal schnitt er am Wahltag wieder deutlich besser ab: Obwohl die Prognosen Joe Biden als klaren Favoriten gesehen hatten, ist das Rennen nun denkbar knapp. Beide haben in der Versammlung der Wahlleute die Chance auf eine Mehrheit. Was ist passiert?

Natürlich sind Umfragen nie exakte Prognosen, sondern stets mit einer Unsicherheit behaftet. Und das US-Wahlsystem macht Vorhersagen besonders schwer. Häufig reichen knappe Siege in wenigen entscheidenden Staaten, um das Electoral College zu gewinnen. 2016 etwa sagten die Umfragen korrekt vorher, dass Hillary Clinton bundesweit die meisten Stimmen erhalten würde – und lagen mit der Prognose für die Präsidentschaft trotzdem daneben.

Fünfmal in Folge Kopf oben

Eine Analyse der ersten Ergebnisse zeigt, dass Trump auch diesmal deutlich besser abgeschnitten hat als erwartet, allerdings liegen die Abweichungen in der Regel innerhalb des üblichen Schwankungsbereichs von etwa 3 bis 4 Prozentpunkten. Daraus allein lässt sich kein besonderes Versagen der Demoskopen ableiten. Doch diese kleinen Gewinne reichten Trump, um in Florida entgegen den Prognosen vor Joe Biden zu landen. Das Gleiche zeichnet sich in North Carolina ab.

Die Umfragen können immer irren, weil Meinungsforscher niemals alle Wähler befragen, sondern nur eine kleine Stichprobe machen. Doch dieses statistische Rauschen müsste mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlagen. Stattdessen ist es nun in allen umkämpften Staaten Donald Trump, der besser abschneidet: in Florida, Iowa, North Carolina, Ohio und Texas. Die Wahrscheinlichkeit dafür gleicht der, dass beim Münzwurf fünfmal in Folge Kopf oben landet: etwa 3 Prozent.

Trump-Anhänger sind in den Umfragen systematisch unterrepräsentiert.

Nicht die Grösse der Abweichungen, sondern ihre Gleichförmigkeit machen das Wahlergebnis zu einem Problem für die Demoskopie. Zumal dieses Phänomen so ähnlich bereits vor vier Jahren auftrat. Damals hatte der überraschende Sieg von Trump über Clinton eine breite Debatte über Versäumnisse der Demoskopen ausgelöst, aus der die Branche durchaus Konsequenzen gezogen hat.

Insbesondere gewichten die Institute seither vermehrt nach Bildungsabschluss. Vor allem Männer ohne Hochschulabschluss hatten Donald Trump 2016 zum Sieg verholfen. Diesen Faktor hatten die Institute damals nicht ausreichend berücksichtigt. Nun zeigt sich: Die Korrekturen haben offenbar nicht ausgereicht. Trump-Anhänger sind in den Umfragen systematisch unterrepräsentiert.

Die Demoskopen hatten ihr den Wahlsieg prophezeit: Hillary Clinton gesteht 2016 begleitet von ihrem Mann Bill die Niederlage ein.
Die Demoskopen hatten ihr den Wahlsieg prophezeit: Hillary Clinton gesteht 2016 begleitet von ihrem Mann Bill die Niederlage ein.
Foto: Carlos Barria (Reuters)

Ein möglicher Erklärungsansatz dafür ist das Bild vom scheuen Trump-Wähler, der sich in Umfragen nicht zu seiner Anhängerschaft für den amtierenden Präsidenten bekennt. Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass Trump in telefonischen Umfragen genauso viel Zuspruch erhält wie in Onlineumfragen ohne menschliches Gegenüber.

In den Zwischenwahlen zum Kongress vor zwei Jahren waren die Umfragen vergleichsweise treffsicher. Womöglich gibt es also doch einen spezifischen Trump-Effekt, der nun erneut Fehlprognosen erzeugt hat. Das wird in den kommenden Tagen und Wochen genau analysiert werden. Einige Indizien lassen sich aus den Daten zum Verhalten einzelner Wählergruppen ablesen, so wie sie sich aus Nachwahlbefragungen ableiten lassen.

Auch die Exit-Polls sind fehleranfällig

Dabei gilt der Vorbehalt, dass auch diese Exit-Polls fehleranfällig sind. Dies gilt besonders im Jahr 2020: Wegen der Pandemie haben viele Wähler ihre Stimmen vorab abgegeben und liessen sich von den Meinungsforschern nicht an den Wahllokalen befragen. Demokraten haben vermehrt per Brief, Republikaner überproportional persönlich gewählt. Die Nachwahlbefragungen des Meinungsforschungsinstituts Edison Research versuchen, das zu berücksichtigen, indem sie ihre Umfragen auch telefonisch gemacht haben.

Dennoch kann es in den Nachwahlbefragungen, genau wie bei den Prognosen, Verzerrungen geben. Je kleiner die Gruppe der Befragten, desto mehr fallen diese Verzerrungen ins Gewicht. Daher sind die Wähleranalysen auf nationaler Ebene durchaus aussagekräftig, bei der Betrachtung einzelner Bundesstaaten aber nicht auf den Prozentpunkt genau zu nehmen.

Biden hat es nicht geschafft, eine grosse Wählerwanderung zu bewirken, er konnte die Massen nicht begeistern.

Das knappe Rennen um die Präsidentschaft offenbart: Biden hat es offensichtlich nicht geschafft, eine grosse Wählerwanderung zu bewirken, er konnte die Massen nicht begeistern. 2016 ging ein recht grosser Stimmenanteil an chancenlose Präsidentschaftskandidaten, dieses Jahr spielen sie kaum noch eine Rolle. Biden konnte so zwar in vielen Bevölkerungsgruppen Stimmenanteile hinzugewinnen, aber nur wenige bisherige Trump-Wähler von sich überzeugen.

Entgegen allen Erwartungen zeichnet sich in den Analysen aber ab, dass die Polarisierung insgesamt abgenommen hat. In vielen demografischen Gruppen haben sich die Stimmenanteile für Demokraten und Republikaner angenähert. So wählten die eigentlich extrem konservativen weissen evangelikalen Christen 2020 deutlich häufiger Biden (23 Prozent) als 2016 Clinton (16 Prozent). Die Evangelikalen machen immerhin 27 Prozent aller Wähler aus.

Biden war also erfolgreich darin, zumindest einige von Trumps Kernwählern abzuwerben, in der grossen weissen Wählergruppe legte er um 5 Prozentpunkte auf 42 Prozent der Stimmen zu. Seine eigenen Kernwählergruppen hat er darüber aber anscheinend teils vernachlässigt – und davon konnte dann wiederum Trump profitieren.

45 Kommentare
    Adrian Hofstetter

    Es gibt mehrere Faktoren, meiner Ansicht.

    Erstens ist die Methodologie, welche alle Institute verwenden, intransparent und fehleranfällig. Erst mal werden Leute befragt und ein paar demographische Merkmale festgehalten. Danach aber wird modelliert, um das Umfrageergebnis, das ermittelt wurde, zu korrigieren auf die Demographie, die voraussichtlich wählen geht. Und da liegt das Hauptproblem: viele Junge, die bereit sind, an einer Umfrage teilzunehmen, sind am Schluss wahrscheinlich zu Hause geblieben oder haben sich nicht die Mühe gemacht, die Unterlagen für eine Briefwahl zu bestellen.

    Die Modellierung, wer denn überhaupt an die Urne geht (oder den Wahlzettel einschickt) wird nicht offengelegt und ist ein Blick in die Zauberkugel. Es wäre wohl besser, die Stichprobe zu erhöhen und nur das reine Umfrageergebnis zu publizieren; ohne irgendwelche windigen Modellierungen.

    Zweitens hat sich schon in den Vorwahlen abgezeichnet, dass Trump ein Problem bei Latinos hat. Er hat viel zuwenig unternommen, das zu korrigieren. Dazu hätte er auch differenziert einzelne Gruppen ansprechen müssen; Kubaner in FL ticken anders als Mexikaner in Arizona.

    Drittens war Trumps Propaganda-Maschine zum bevorstehenden Wahlbetrug sehr erfolgreich und hat wohl noch viele Leute in letzter Minute mobilisiert.