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Kultur trifft CoronaVerdammter Frühling!

Komiker und Künstler, Komponisten und Dichter haben sich der blühenden Jahreszeit gewidmet. Wie wirken ihre Werke in Zeiten des Coronavirus?

Achtung, die Maiglöckchen-Zähne sind giftig: Giuseppe Arcimboldos «La primavera» (1563).
Achtung, die Maiglöckchen-Zähne sind giftig: Giuseppe Arcimboldos «La primavera» (1563).
Foto: PD

Ein seltsamer Frühling ist das, dieses Jahr. Die Bäume blühen, die Vögel zwitschern, und die Menschen verbunkern sich in den eigenen vier Wänden. Es ist alles wie immer, und doch nichts wie sonst. Kein Wunder, wirkt da das Vertraute plötzlich fremd. Zum Beispiel, wenn man sich in der Kulturgeschichte des Frühlings umsieht, umliest, umhört und überall Abgründe findet, die man zuvor nie wahrgenommen hat.

Mörike: Er ist’s

«Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte ...» Aber Moment: Warum blau? Warum nicht grün, was viel besser passen würde für diese Jahreszeit? Blau ist eine kalte Farbe, das englische «blue» lässt sich auch als «traurig» übersetzen. Wollte sich Eduard Mörike in diesem berühmtesten aller Frühlingsgedichte etwa bewusst dem «Grün ist die Hoffnung» entziehen? Durchaus möglich. Denn so präzis seine Verse das für diese Jahreszeit typische Sehnen zum Ausdruck zu bringen scheinen zwischen den Zeilen öffnet sich die existenzielle Leere. Die Veilchen «wollen balde kommen», aber werden sie es auch tatsächlich? Wir wissen es nicht. Und wenn da «von Fern ein leiser Harfenton» hörbar wird, dann heisst das vor allem eins: Hier, wo wir sind, ist es offenbar gespenstisch still.

Vivaldi: «La primavera»

Die berühmteste Frühlingsmusik überhaupt ist wohl Antonio Vivaldis Hitkonzert aus seinen «Quattro stagioni». Spätestens wenn die Geigen im ersten Satz mit ihren Zwitschertrillern anfangen, scheint alles klar: So, genau so tönt diese Jahreszeit, wenn man sie in Orchestermusik übersetzt. Aber man muss sich das Stück nur mal in einer der vielen Wellnessversionen anhören: Dort klingen diese Triller und der ganze restliche Frühlings-Idyllen-Sound wie eine Drohung.

Arcimboldo: «Primavera»

So viele Blüten, Blümchen, Blättchen! Das Frühlingsporträt aus Giuseppe Arcimboldos berühmt-berüchtigter Gemäldeserie zu den vier Jahreszeiten erfüllt sämtliche Anforderungen, die man an Frühlingskitsch stellen mag. Aber Vorsicht: Die Zähne des Jünglings werden von Maiglöckchen gebildet, und Maiglöckchen sind giftig. Es ist ein tödlicher Frühling, der hier gezeigt wird. Und dann lächelt er auch noch!

Goggi: «Maledetta primavera»

Frühling ist die Zeit der Liebe, bekanntlich. Aber nicht jede Liebe übersteht ihn: Das hat keine energischer besungen als Loretta Goggi. «Maledetta primavera», verdammter Frühling, hiess ihr erfolgreichstes Stück, das ihr 1981 beim Festival von San Remo zwar nur den zweiten Platz eintrug, aber international zum Nummer-eins-Hit wurde. Hört man ihn heute, verwandelt sich das Mitleid mit der Verlassenen in Neid: Immerhin hat sie eine flüchtige Frühlingsliebe erlebt. In Zeiten des Social Distancing ist schon das unwahrscheinlich.

Monteverdi: «O primavera, gioventù dell’anno»

Ein paar Jahrhunderte früher hatte Claudio Monteverdi eine ähnliche Idee: Sein 1592 veröffentliches Madrigal «O primavera, gioventù dell’anno» besingt den Frühling als Jugend des Jahres. Neues Gras und neue Lieben spriessen allerdings nicht für das verzweifelte poetische Ich, das beziehungstechnisch im Spätherbst angelangt ist. Auf musikalisch höchst raffinierte Weise übrigens: Wer etwas wissen will über die Sublimationsleistung von Kunst in Momenten der Einsamkeit, wird hier zweifellos fündig.

Emil: «Im Mä-ärz, im Mä-ärz ...»

«da gaht’s mit em Jahr vorwä-ärts». Tatsächlich, ein Viertel ist schon wieder um, und Emil, unser aller Lieblings-Eigenbrötler, stösst mit diesem denkbar lapidaren Reim in philosophische Tiefen vor. Denn die Aufbruchstimmung, die man auf den ersten Blick aus dieser «Buureregle» herauslesen möchte, wird ja von seiner betont schlaffen Stimme gleich widerlegt. Ein Abgrund öffnet sich da, wir kennen ihn: Die Zeit rast, und gleichzeitig steht sie still. Die Dissertation über Emils Verhältnis zur Conditio Humana im Allgemeinen und zur Vergänglichkeit im Besonderen müsste zwar noch geschrieben werden; aber dieser März-Vers, der wäre als Motto auf der Titelseite schon mal gesetzt.

Beach Boys: «Spring Vacation»

«Good Vibration» reimt sich im Refrain auf den Titel, und man schüttelt den Kopf: In Zeiten der erzwungenen Frühlingsferien gilt das nur bedingt. Auch sonst erhalten die Zeilen dieses Songs heute neue Bedeutungen. «Ain’t life funny?»: Geht so. «We used to get around»: Nein, wir bleiben zu Hause. «Seems like it could go on forever»: Bitte nicht! Der Sound des Ganzen, so entspannt, happy, sonnig: Der ist aber immer noch o. k.

Lüscher: «Frühling der Barbaren»

«Während Preising schlief, ging England unter»: So heisst es in Jonas Lüschers Debüt-Novelle «Frühling der Barbaren» von 2013. Preising, reicher Erbe einer Firma, verbringt diesen Frühling (nicht Sommer! nicht Herbst!) in einem tunesischen Luxusresort, in dem alles nach Klischee läuftbis die Nachricht vom britischen Bankrott eintrifft. Für die Resortgäste heisst das: Geld weg, Job weg, Moral weg. Für uns hingegen: Lesen. Grinsen. Nachdenken.

Johnny Horton: «When it’s Springtime in Alaska ...»

«it’s Forty Below». Nein, in diesem später auch von Johnny Cash gesungenen Country-Klassiker sind Mörikes Veilchen nicht einmal als Ahnung vorgesehen. Kalt ist es in diesem Frühling, vierzig Grad unter Null (wobei das Fahrenheit wie bei Celsius auf dasselbe hinauskommt). Aber im Saloon von Fairbanks ist es warm, und die schöne Lil singt dort. Der Sänger ist hin und weg, er tanzt mit dieser Lil, hat jedoch leider nicht mitbekommen, dass auch ihr Verlobter da ist, und mit ihm sein Messer. Frühling in Alaska: Das nimmt kein gutes Ende.

Fanny Mendelssohn: «März»

Da war es in gutbürgerlichen Salons zu Zeiten des Biedermeier schon gemütlicher. Bei den Mendelssohns etwa, in Berlin, an der Leipziger Strasse. Dort konnte man Fanny Mendelssohn treffen, die im Unterschied zu ihrem Bruder Felix keine öffentliche Karriere machen durfte, aber ebenfalls eine brillante Pianistin und Komponistin war. Zu ihren schönsten Werken gehört der Klavierzyklus «Das Jahr», eine Sammlung von Charakterstücken zu jedem Monat. Fanny Mendelssohn schrieb ihn 1841, als eine Art musikalisches Tagebuch einer Italienreise. Oder muss man sagen: als Prophezeihung? Der März jedenfalls klingt auffallend melancholisch, und wo immer die Musik zu einem Ende zu kommen scheint, geht sie nach einer überraschenden Wendung anderswo wieder weiter… Aber der Schluss dieses Stücks, das muss man doch erwähnen, steht in Dur. Immerhin.