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«Endlich sind die Verurteilten gehängt»

Mehrere Männer hatten 2012 eine Frau in Delhi vergewaltigt und zu Tode gefoltert. Gut sieben Jahre später wurden vier Täter hingerichtet.

Asha Devi, die Mutter des Opfers, kurz bevor die Vergewaltiger ihrer Tochter hingerichtet wurden. (Foto: Getty Images)
Asha Devi, die Mutter des Opfers, kurz bevor die Vergewaltiger ihrer Tochter hingerichtet wurden. (Foto: Getty Images)
Anushree Fadnavis, Reuters

Die Täter starben kurz vor Morgengrauen. Sie wurden im Gefängnis Tihar durch den Strang hingerichtet, um 6.22 Uhr Ortszeit erklärte ein Arzt sie für tot. Sandeep Goel, oberster Gefängnisverwalter in Delhi, bestätigte am Freitagmorgen den Vollzug der Hinrichtung der vier verurteilten jungen Männer. Sie hatten am 16. Dezember 2012 eine 23-jährige Frau in Delhi vergewaltigt und stundenlang zu Tode gefoltert. In der Nacht zum Freitag hatte das Gericht einen letzten Einspruch der Anwälte abgelehnt.

Damit nahm Indiens meistbeachteter Kriminalfall ein Ende, er hatte auch weit über die Grenzen des Landes Debatten zur Gewalt gegen Frauen ausgelöst. So konzentrieren sich die Schlagzeilen in Indien gerade ausnahmsweise nicht auf das Coronavirus, sondern auf die Vollstreckung einer Strafe, auf die Millionen Inder seit Monaten gewartet haben.

«Nirbhaya» – die Furchtlose. So nannten indische Medien die getötete Studentin, weil indisches Recht es nicht zulässt, den Namen eines Vergewaltigungsopfers zu nennen. «Nirbhaya» wurde zum Symbol eines gesellschaftlichen Abgrunds, mit dem Indien schwer zu kämpfen hat: Frauen müssen sich noch immer vor Gewalt fürchten; alle 15 Minuten wird nach offiziellen Zahlen eine Frau oder ein Mädchen Opfer einer Vergewaltigung. Häufig kommen Täter straflos davon, vor allem auf dem Land können einflussreiche Männer weiterhin ihre schützende Hand über Verdächtige halten, in solchen Fällen kommt das Verbrechen oft gar nicht zur Anzeige oder das Verfahren versandet, weil Polizisten und Juristen ihre Arbeit nicht tun.

Der Fall Nirbhaya allerdings hatte in seiner entsetzlichen Brutalität die Nation aufgerüttelt wie kein anderes Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte. Eines Abends war die Studentin mit ihrem Freund aus dem Kino gekommen, als die Täter die Ahnungslosen in einen Bus lockten, den Mann schlugen sie und die Frau quälten und folterten sie stundenlang, bevor sie sie aus dem Wagen warfen und flohen. Die Studentin starb zwei Wochen später in einer Klinik in Singapur. Die Tat provozierte Massendemonstrationen in ganz Indien und zwang den Staat zur Verschärfung von Gesetzen.

Dennoch kommt Indien mit Reform und Ausbau seines Justizwesens nur schleppend voran, der Apparat kann mehr als 100'000 laufende Verfahren zu sexualisierter Gewalt in Indien kaum bewältigen.

In Indien herrschte seit der Tat eine überwältigende Stimmung für die Vollstreckung der Todesstrafe. Sie wird im Land aber nur selten vollzogen, zuletzt starb auf diese Weise Yakub Memom, den ein Sondergericht wegen Beteiligung an den terroristischen Anschlägen in Mumbai 1993 verurteilt hatte. Die Bomben töteten mehr als 250 Menschen, Memom wurde dann im Jahr 2015 hingerichtet.

Vor dem Gefängnistor Nummer 3 in Delhi hatte sich in der Nacht zum Freitag so viele Menschen versammelt, dass der Staat seine Sicherheitskräfte rund um das Gebäude verstärkte.

«Endlich sind die Verurteilten gehängt», sagte die Mutter Asha Devi am frühen Morgen in Delhi, wie die Hindustan Times berichtete. «Dies war ein Kampf über acht Jahre hin. Aber nun haben wir Gerechtigkeit bekommen.» Die Mutter erklärte, die Vollstreckung sende nun ein Signal für ganz Indien aus. «Mädchen werden sich jetzt sicherer fühlen», sagte Devi. «Nach der Hinrichtung werden Familien jetzt ihre Söhne erziehen», die Hinrichtung werde ihnen künftig als warnendes Beispiel dienen.

Allerdings gibt es auch in Indien Menschenrechtsanwälte und Frauenrechtlerinnen, die Zweifel daran hegen, dass die Todesstrafe eine abschreckende Wirkung entfalten wird. An dem Verbrechen 2012 waren fünf Männer beteiligt und ein Jugendlicher, laut Schulzertifikat war er damals 17 Jahre und sechs Monate alt. Einer der Täter starb in Haft, nach offiziellen Angaben nahm er sich selbst das Leben. Der jüngste wurde für drei Jahre in eine Anstalt für jugendliche Straftäter eingewiesen und danach in die Freiheit entlassen. Er soll inzwischen mit einer neuen Identität im Süden Indiens in einer Küche arbeiten. Die Wut, dass er so milde davonkam, ist in Indien noch immer gross.