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Löwengarten-Areal in RorschachVon der Vergangenheit inspiriert

Wo sich einst eine der ältesten Brauereien der Ostschweiz befand, steht heute eine lebendige Überbauung. Subtil verweist sie auf die Geschichte.

Die Wohnungen auf dem Rorschacher Löwengarten-Areal muten beinahe mediterran an: Drinnen ein glänzender Steinboden, draussen der weite See.
Die Wohnungen auf dem Rorschacher Löwengarten-Areal muten beinahe mediterran an: Drinnen ein glänzender Steinboden, draussen der weite See.
Foto: Lukas Murer

In den grossen Schweizer Städten ist die Transformation stillgelegter Industrieareale zu Kulturstätten, Dienstleistungszentren oder Wohnsiedlungen bereits weit fortgeschritten. Umnutzungspotenzial besteht vor allem noch in kleineren Gemeinden.

Im sankt-gallischen Rorschach hat das Gebäude-Ensemble der Brauerei Löwengarten während über 100 Jahren die westliche Ortseinfahrt geprägt. Nun ragt dort eine markante Überbauung in die Höhe, die nebst rund 90 Wohnungen auch Läden und Gastronomie beherbergt. Nachdem das Areal zuletzt 13 Jahre lang brachlag, kehrt jetzt wieder Leben ein.

«Löwengarten» verkünden grosse weisse Lettern über der Bushaltestelle. Der Schriftzug ist eines der wenigen Elemente, die auf den ersten Blick noch an das Bier erinnern, das hier einst produziert wurde. Während die Leuchtreklame mit den zwei gelben Löwen weiterhin vor zahlreichen Gaststätten im Ort baumelt, ist von der Brauerei nicht mehr viel zu sehen.

Der Schriftzug über der Bushaltestelle erinnert an das Bier, das hier früher hergestellt wurde.
Der Schriftzug über der Bushaltestelle erinnert an das Bier, das hier früher hergestellt wurde.
Foto: Lukas Murer

Selbst die ehemalige Abfüllerei aus dem Jahr 1907 stand nicht unter Denkmalschutz. Trotzdem beschloss das Büro Bollhalder Eberle Architektur, das stattliche Gebäude an der östlichen Arealecke zu erhalten und zu einem Restaurant und Büros umzubauen.

Das derzeit noch eingerüstete Haus mag zwar der einzige Zeitzeuge sein, aber nicht die einzige Erinnerung an die Brauerei. «Die Idee, das Areal mit unterschiedlich gestalteten Häusern in verschiedenen Massstäben zu bebauen, ist eng mit der früheren Nutzung verknüpft, die ebenfalls ein heterogenes Gebäudekonglomerat hervorbrachte», erklärt der Architekt Christian Walser.

Das heterogene Gebäudekonglomerat ist eine Reminiszenz an die Vergangenheit.
Das heterogene Gebäudekonglomerat ist eine Reminiszenz an die Vergangenheit.
Foto: Lukas Murer

Während die Überbauung entlang der Hauptstrasse von zwei langen Bauten mit sechs und acht Geschossen geprägt wird, besteht der rückwärtige Bereich aus einem kleinen Haus mit Giebeldach und einem niedrigen Zeilenbau. Beide Bauten sind neu, wecken aber Assoziationen mit für Industrieareale typischen Nebenbauten. Das sorgfältig in Beton gegossene kleine Häuschen mit dem asymmetrischen Dach erinnert an einen Schuppen. Es integriert Tiefgaragenzufahrt und Anlieferung geschickt in die Umgebung.

Das zweite Gebäude prägen serielle Elemente wie die zahlreichen Stützen und die winzigen Vorgärten. Aneinandergereihte Wohneinheiten erstrecken sich jeweils über alle drei Geschosse. Hofseitig ist der Abstand zu den Nachbarn gering; es herrscht urbane Dichte.

Der Abstand zu den Nachbarn ist stellenweise gering.
Der Abstand zu den Nachbarn ist stellenweise gering.
Foto: Lukas Murer

Ganz anders präsentiert sich der Ausblick in den beiden grossen Längsbauten, wo die meisten Mieterinnen und Mieter bis zum Bodensee blicken. Die blaugraue Wasseroberfläche verschwimmt mit dem gleichfarbigen Himmel und scheint unendlich. Gepaart mit dem glänzenden Boden aus Muschelkalk, verströmt diese Perspektive beinahe mediterrane Gefühle. Grosszügige Balkone erweitern die zweiseitig orientierten Wohn- und Essräume nach draussen.

Der Blick reicht in vielen Wohnungen bis zum Bodensee.
Der Blick reicht in vielen Wohnungen bis zum Bodensee.
Foto: Lukas Murer

«Übereinandergestapelt erinnern die abgerundeten Balkone an Getreidesilos.» Der Architekt verweist auf weitere subtile Bezüge zur ehemaligen Brauerei: «Der rohe Beton und die verzinkten Geländer muten industriell an, ebenso die hellgrünen Kacheln der Sockelpartien.» Gleichfarbige Kacheln fanden die Architekten noch an den Innenwänden der Brauerei vor, jetzt verleihen sie den öffentlichen Bereichen der Überbauung ein unverwechselbares Gesicht.

Während im Quartier noch zahlreiche alte Kamine in den Himmel ragen, sind es auf dem Löwengarten-Areal ein Liftschacht und ein Abluftrohr, die in die Höhe streben. Anstatt diese Elemente zu kaschieren, verpassten ihnen die Architekten markante Abschlüsse aus silbernem Blech. So werden sie zu einem wesentlichen Teil der bewegten Silhouette, die das Areal auf beiden Seiten auszeichnet.

Die kleineren Bauten erinnern an Nebengebäude, wie sie für Industrieareale typisch sind.
Die kleineren Bauten erinnern an Nebengebäude, wie sie für Industrieareale typisch sind.
Foto: Lukas Murer

Den höchsten Punkt bildet ein achtgeschossiges Haus in der spitz zulaufenden Parzellenecke. In dunkelrote Kacheln gekleidet, wird der gedrungene Turm zum neuen Identitätsmerkmal bei der Ortseinfahrt.

Den vielfältig gestalteten Neubauten gelingt die Einbindung in eine Umgebung, die ebenfalls viele Gesichter aufweist. Dazu leisten auch die Freiräume einen wesentlichen Beitrag. Der Platz an der Hauptstrasse, zu dem auch ein Biergarten gehört, dürfte dank den angrenzenden Läden und Restaurants zu einem neuen Treffpunkt werden.

Über eine grosse Treppe erreicht man den halböffentlichen Wohnhof. Grüne Nadelbäume sorgen hier für skandinavisches Flair. Noch nicht versiegt ist die Quelle der ehemaligen Brauerei: Sie speist ein Wasserspiel, das die bepflanzten Inseln sanft umfliesst. Gemeinsam mit dem angrenzenden Spielplatz dürfte es insbesondere die jüngsten Quartierbewohner anlocken.