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Kolumne von Markus SommWar der Lockdown nötig?

Dass alles geschlossen wurde, ist verständlich – aber deutlich weniger notwendig, als wir dachten.

Der Lockdown muss nun enden: Abgesperrter Spielplatz beim Schulhaus in Arboldswil BL.
Der Lockdown muss nun enden: Abgesperrter Spielplatz beim Schulhaus in Arboldswil BL.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Eine Studie der ETH, die vor kurzem erschienen ist, hat untersucht, wie sich die sogenannte Reproduktionsrate von Covid-19 entwickelt hat, seit unsere Regierung verschiedene Eindämmungsschritte gegen diese neue Krankheit beschlossen hat. Dabei handelt es sich um eine Schlüsselgrösse bei einer Epidemie. Sie misst, wie viele Menschen durchschnittlich von einem Erkrankten angesteckt werden. Ist diese Zahl hoch, etwa 2 oder 3, besteht die Gefahr, dass sich die Krankheit rasend schnell verbreitet, in einem Ausmass, das jedes Gesundheitssystem überfordert – liegt sie tiefer, zum Beispiel bei 1 oder besser noch tiefer, kann die Epidemie unter Kontrolle gehalten werden. Kurz, ein Wert unter 1 ist eine gute Nachricht, und genau dies ist seit geraumer Zeit in der Schweiz der Fall. Doch seit wann? Das ist von Interesse, weil wir damit erkennen, welche Massnahmen im Einzelnen zum Ziel geführt haben.

Um diese Frage zu beantworten, hat das ETH–Forschungsteam unter der Leitung von Professorin Tanja Stadler den Verlauf der Epidemie seit Anfang März analysiert: Wie viele neue Ansteckungen traten jeden Tag auf, wie viele schwere Fälle, wie viele Tote waren zu beklagen, mit welchem Tempo, mit welcher Intensität wütete die Epidemie? Dabei kamen die Wissenschaftler zu einem verblüffenden Befund: Die Reproduktionsrate war schon deutlich zurückgegangen, bevor der Bundesrat am 13. bzw. 16. März die Schulen, die Geschäfte und Restaurants schliessen liess, nämlich etwa ab dem 9. März. Das war zehn Tage nachdem die Regierung am 28. Februar Grossveranstaltungen untersagt und uns alle dazu aufgefordert hatte, die Hände besser zu waschen und mehr auf Distanz zu gehen, um uns vor dem Virus zu schützen. Da man davon ausgeht, dass es zehn Tage dauert, bis ein angesteckter Patient als solcher entdeckt wird, machte die Verzögerung Sinn. Mit anderen Worten: Es war nicht in erster Linie der Lockdown, der die Ausbreitung der Epidemie anhielt, sondern schon die viel milderen, aber konsequent befolgten Hygienemassnahmen führten das erwünschte Resultat herbei.

Wer den Lockdown infrage stellt, will nicht umgehend den Zustand vor der Krise wiederherstellen, wie manche zu meinen glauben.

Nun mag das eine Studie sein, wie wir so viele inzwischen kennen gelernt haben, die wir uns vorher nie um Epidemien gekümmert hatten, doch eine zweite Studie aus Deutschland, die Forscher des Robert-Koch-Institutes vorgenommen hatten, kommt genau zum gleichen Ergebnis. Kaum hatte Deutschland am 9. März die sanftere Variante der Krisenbekämpfung beschlossen, senkte sich wenige Tage später die Reproduktionsrate ab, und als am 23. März ebenfalls der Lockdown durchgesetzt wurde, lag dieser Wert bereits auf 1. Demnach hatte auch in Deutschland der Anfang vom Ende vor dem Lockdown eingesetzt. «Diese Resultate enthalten Zündstoff», schreibt der St. Galler Infektiologe Professor Pietro Vernazza, dem ich diesen Hinweis verdanke: «Die einfachen Massnahmen, Verzicht auf Grossveranstaltungen und die Einführung von Hygienemassnahmen sind hochwirksam. Die Bevölkerung ist in der Lage, diese Empfehlungen gut umzusetzen, und die Massnahmen können die Epidemie fast zum Stoppen bringen. Auf jeden Fall sind die Massnahmen ausreichend, um unser Gesundheitssystem so zu schonen, dass die Spitäler nicht überlastet werden.»

Gewiss, vor sechs Wochen wussten wir viel weniger, sodass ich nach wie vor verstehe und gutheisse, dass der Bundesrat damals so gut wie alles zugesperrt hat. Hätte er zu lange gezögert, wäre die Krankheit kaum mehr zu bändigen gewesen: Wer hätte ihn dann verteidigt? Der Bundesrat hat seine Verantwortung wahrgenommen. Inzwischen wissen wir aber mehr. Die Spitäler stehen bereit, die Kapazitäten wurden erhöht, und die meisten von uns sind Virtuosen des Händewaschens und Meister der sozialen Abgrenzung geworden. Wenn selbst die Buben sich nicht mehr getrauen, mit ungewaschenen Händen am Esstisch aufzukreuzen, dann hat das Virus mehr erreicht, als manche Eltern sich je erträumt hatten. Niemand redet davon, alle Vorsichtsregeln nun in den Wind zu schlagen, als wären wir zu übermütig geworden. Sicher dürfte es noch lange dauern, bis wir an Konzerte oder Fussballspiele gehen können. Hände waschen, Abstand halten bleiben nötig. Wer den Lockdown infrage stellt, will nicht umgehend den Zustand vor der Krise wiederherstellen, wie manche zu meinen glauben, die nun den Bundesrat vor jeder Kritik abschirmen, als lebten wir neuerdings in einer Monarchie. Majestätsbeleidigung steht am Anfang jeder Demokratie.

Der Lockdown war verständlich, wenn auch wohl weniger nötig, als wir gedacht haben. Umso mehr muss er nun enden.