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Terrorangriff in GrossbritannienWar der Täter psychisch krank oder ein Terror-Sympathisant?

Ein libyscher Flüchtling soll verantwortlich sein für die Bluttat in der englischen Stadt Reading, der am Wochenende drei Menschen zum Opfer fielen.

Welche Rolle spielten psychische Probleme des Täters? Ein Gerichtsmediziner sichert die Spuren nach der Messerattacke im englischen Reading.
Welche Rolle spielten psychische Probleme des Täters? Ein Gerichtsmediziner sichert die Spuren nach der Messerattacke im englischen Reading.
Foto: Leon Neal (Getty Images)

Gerätselt wurde am Montag noch immer über die Motive des jungen Libyers, der am Wochenende in einem Park in der englischen Stadt Reading drei Menschen erstochen und drei andere schwer verletzt haben soll. Scotland Yard stufte die Bluttat als Terroraktion ein, und Premierminister Boris Johnson versprach, aus dem Vorfall «Lehren zu ziehen».

Für die Tat verantwortlich gemacht wird der 22-jährige Khairi S., der vor acht Jahren als Flüchtling nach Grossbritannien kam und dort vor zwei Jahren unbegrenztes Aufenthaltsrecht erhielt. Er soll am Samstagabend mit einem langen Messer im Park Forbury Gardens aufgetaucht sein, in dessen Nähe sich seine Wohnung befand.

Er wollte nach Syrien reisen

Augenzeugenberichten zufolge stach er mit dem Messer auf mehrere Menschen ein, die sich in Gruppen auf dem Rasen des Parks niedergelassen hatten. Zu den Opfern seines Amoklaufs gehörten ein englischer Geschichtslehrer und ein aus den USA zugezogener Mitarbeiter eines Pharmakonzerns. Die Polizei nahm ihn wenig später unweit des Parks fest und bezichtigte ihn zunächst des Mordes. Sie änderte diese Beschuldigung dann aber in «Terroranschlag» um.

Wie sich im Nachhinein herausstellte, war Khairi S. den Behörden nämlich bereits bekannt gewesen – und zwar wegen des zeitweisen Verdachts, er wolle «aus extremistischen Gründen» nach Syrien reisen. Die Geheimdienste, die diesen Verdacht im Vorjahr überprüft hatten, kamen aber zu dem Schluss, dass «keine unmittelbare Gefahr» von ihm ausgehe. Nach Angaben der Londoner «Times» soll S. «Islamisten gefürchtet» haben und vor einigen Jahren zum christlichen Glauben übergetreten sein.

Bei Scotland Yard sieht man fürs Erste keinen Anlass, die Alarmstufe in Sachen Terrorgefahr zu erhöhen.

Am Montag meldeten andere Quellen in London unter Berufung auf Polizeiberichte, Khairi S. habe in früheren Äusserungen «mal für und mal gegen Isis» Position bezogen. Generell hielt man ihn offenbar für psychisch gestört. Die Polizei geht davon aus, dass er die Tat allein geplant und begangen hat. Bei Scotland Yard sieht man fürs Erste keinen Anlass, die Alarmstufe in Sachen Terrorgefahr zu erhöhen. Die Regierung hat aber weitere Abwehrmassnahmen in Aussicht gestellt. Ein neues Anti-Terror-Gesetz geht zurzeit gerade durchs Parlament.

Sollte sich bestätigen, dass es sich bei dem Anschlag in Reading tatsächlich um eine Terrorattacke handelte, wäre dies bereits die vierte binnen sieben Monaten in England. Im vorigen November hatte der 28-jährige Usman K. bei einer Konferenz nahe der London Bridge auf fünf Personen eingestochen und zwei davon getötet.
Im Januar gab es einen Vorfall im Gefängnis Whitemoor Prison. Und im Februar besorgte sich der 20-jährige Sudesh A. auf der Hauptstrasse von Streatham in Süd-London ein Messer und stach wahllos auf Einkäufer und Passanten ein.

Kürzere Haftstrafe

Sudesh A., der zuvor bereits eine Gefängnisstrafe wegen Verteilung terroristischen Materials verbüsst hatte, war zum Zeitpunkt der Attacke von zwei «Spähern» der Polizei verfolgt und beobachtet und nach der Tat erschossen worden. Er gehörte zum engeren Kreis von rund 3000 «Terrorverdächtigen», die kontinuierlich überwacht werden im Vereinigten Königreich.

Will aus dem Vorfall «Lehren ziehen»: Premierminister Boris Johnson.
Will aus dem Vorfall «Lehren ziehen»: Premierminister Boris Johnson.
Foto: Jack Hill (Getty Images)

Insgesamt stehen allerdings 40’000 Namen auf «der Liste» der Terrorabwehr. Von diesen werden die meisten als «Niedrigrisiko» eingestuft. In diese Kategorie fiel auch Khairi S. in Reading. Im Übrigen seien die personellen Möglichkeiten der Terrorabwehr natürlich durchaus begrenzt, erklärte dazu der frühere Geheimdienstchef Sir Mark Rowley.

Für Rowley ist es «ein verzwicktes Problem», herauszufinden, welche Personen aus diesem weiteren Kreis der 40’000 aktuell eine echte Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen und von blossen Gelegenheits-Sympathisanten «extremer Ideologien» zu bewaffneten Angreifern werden könnten – und das oft in sehr kurzer Zeit. Khairi S. soll angeblich bereits eine kürzere Haftstrafe erhalten und abgesessen haben, die aber nicht im Zusammenhang mit Terrorismus stand.

Schweigeminute für die Opfer

Premierminister Boris Johnson sagte dazu, falls die Rechtslage geändert werden müsse, «werden wir nicht zögern, entsprechende Massnahmen zu ergreifen». Bei den gegenwärtig geplanten Verschärfungen geht es um höhere Mindeststrafen und weniger Spielraum für Straferlass im Anti-Terror-Bereich. Innenministerin Priti Patel, eine Repräsentantin des rechten Tory-Flügels, dringt ausserdem auf weiter gefasste Deportationsrechte des britischen Staates, selbst dort, wo die Betreffenden in «unstabile» Länder zurückgeschickt werden sollen. Mit Schweigeminuten und feierlichen Zusammenkünften wurde am Montag in Reading der Opfer des Anschlags gedacht.