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Kanon der Quarantäne, Folge 2: «24»

Das Kulturprogramm ist stark eingeschränkt. Jetzt ist die Zeit, um die Klassiker zu lesen, zu schauen, zu hören.

Terroristenjäger Jack Bauer (Kiefer Sutherland), kurzzeitig entwaffnet, in der Actionserie «24». Foto: Keystone
Terroristenjäger Jack Bauer (Kiefer Sutherland), kurzzeitig entwaffnet, in der Actionserie «24». Foto: Keystone

Lockdown – dieses Wort hörte man in der US-Actionserie mit Jack Bauer immer wieder. In der Terrorabwehrzentrale CTU geschah es erstaunlich oft, dass die Sicherheitssysteme gehackt wurden; meistens wollte ein Maulwurf an Geheiminformationen kommen. Dann herrschte immer gleich der Ausnahmezustand, auf einmal froren die Computerbildschirme ein, erschienen Securityleute aus dem Nichts und blockierten Glastüren. Lockdown! Keiner geht mehr raus, bis die Situation unter Kontrolle ist.

Ich erinnere mich gut an die Tage im studentischen Homeoffice, wo ich vermutlich hätte Niklas Luhmann lesen müssen, aber lieber dem moralisch zwielichtigen Jack Bauer dabei zuguckte, wie er dunkelbärtige Terroristenverdächtige folterte. Es waren die Jahre nach 9/11, als man darüber diskutierte, ob es klug war, solche Bilder zu produzieren, wo sie doch sicher der Kriegsgurgelpolitik von George W. Bush nützten.

Das mag so gewesen sein. Aber ich weiss auch noch, dass in einer «24»-Folge der dicke Datenanalyst Edgar jämmerlich erstickte während eines Nervengasanschlags im CTU-Büro. Da nützte der Lockdown überhaupt nichts, es war einfach nur traurig.

Die Serie mit den Macken

Die globale Listicle-Mafia hat inzwischen andere Serien zu modernen Klassikern gekürt, «Sopranos» und dergleichen. Aber «24» strahlte etwas Eigenes aus, eine hochtourige Abstrusität, der man über Staffeln hinweg komplett erlag. Eine seltsam verführerische Kombination aus Entgeisterung und Sucht trieb einen dazu, eine Season von «24» am Stück wegzukippen, etwas zwischen Überwältigung und Fetisch.

Berühmt wurde «24» als erste «Echtzeitserie», die von sich behauptete, dass die Erzählzeit in realer Zeit ablaufen würde, abgesehen von den Werbepausen. Das war der Grund, weshalb sich die meisten Attentate in Fahrdistanz zum CTU-Büro abspielten. Wer «24» schaute, akzeptierte das, so wie man die Macke einer geliebten Person akzeptiert.

Als überreizter Actionthriller über den Krieg gegen einen ungreifbaren Feind passt «24» aber gerade wieder in die heutige Zeit, in der es scheint, als laufe die Realität im Livestream ab. Da schaut man ja auch den Ereignissen und Twists quasi in Echtzeit zu, staunend und ungläubig zugleich.

«24», neun Staffeln, als Stream bei Swisscom oder Sky.