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Seuchenherd und VirenschleuderFatale Feiern als Mahnmal für Ostern

Beispiele aus Frankreich, Israel und Belgien zeigen, warum wir am heiligen Fest besonders aufpassen sollten.

Ist wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus keine gute Idee: Jung und Alt treffen sich am Familientisch.
Ist wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus keine gute Idee: Jung und Alt treffen sich am Familientisch.
Foto: Getty Images

Die Osterferien stehen vor der Tür: Zeit, um Freunde zu treffen, mit der Familie zu essen oder in die Kirche zu gehen – normalerweise. Doch in diesen Tagen ist nichts normal. Der Bundesrat hat bis am 26. April öffentliche und private Veranstaltungen verboten. Die Kirchen dürfen zwar weiterhin offen bleiben, Gottesdienste finden aber keine mehr statt. Auch Familienfeiern mit mehr als fünf Personen sind untersagt. Laut den Behörden sollte man dieses Wochenende nur Menschen treffen, die man sowieso täglich im eigenen Haushalt sieht.

Das sind strenge Vorgaben, mit deren Einhaltung sich viele Schweizerinnen und Schweizer nach einem Monat Corona-Lockdown immer schwerer tun. Warum wir sie aber trotzdem befolgen sollten, zeigen verschiedene Ereignisse, die sich seit dem Ausbruch der Pandemie abgespielt haben. Drei Beispiele:

Die Kirche als Seuchenherd für das Virus

Vor allem zu Beginn der Krise waren es religiöse Feiern, die die Ausbreitung des Coronavirus massiv beschleunigt haben, so auch im französischen Elsass. In Mülhausen kamen Mitte Februar rund 2000 Besucher für eine Gebetswoche der Freikirche «La porte ouverte chrétienne» zusammen, darunter etwa 30 Schweizerinnen und Schweizer. Damals waren noch keine Massnahmen zur Eindämmung des Virus in Kraft. Die Leute haben sich laut einer Sprecherin also wie üblich begrüsst, Hände geschüttelt und einander umarmt. So steckten ein oder mehrere bereits infizierte Teilnehmer ungehindert viele andere Personen an.

Viele Menschen auf engem Raum: Bei der Veranstaltung der Freikirche breitete sich das Coronavirus aus.
Viele Menschen auf engem Raum: Bei der Veranstaltung der Freikirche breitete sich das Coronavirus aus.
Foto: «Porte ouverte chrétienne» via Facebook

Der Kanton Neuenburg verzeichnete Anfang März zehn Fälle, die alle auf einen Besuch an besagtem Event zurückverfolgt werden konnten. Gleichzeitig meldete Basel-Stadt, das an der Grenze zum Elsass liegt, zwei neue Infektionen, die ebenfalls auf das Treffen zurückzuführen sind. Zu jenem Zeitpunkt gab es in der Stadt gerade einmal eine Handvoll Fälle, heute sind es bereits 813. Damit gehört Basel im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl zu den am stärksten betroffenen Kantonen.

Familienfeste sorgen für Ansteckungs-Explosion

Israel gehörte ausserhalb Asiens zu den ersten Ländern, die radikale Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen. Schon Anfang Februar wurden unter anderem strikte Einreisebeschränkungen verhängt, noch bevor es überhaupt Infizierte im Land gab. So konnte Israel die Zahl der Ansteckungen lange sehr tief halten. Ab Mitte März begannen die Zahlen jedoch plötzlich exponentiell zu steigen. Inzwischen hat das Land schon über 9400 Fälle.

Was war passiert? Vom 9. bis zum 11. März wurde in Israel das traditionell-religiöse Fest Purim begangen. Grosse Paraden und öffentliche Veranstaltungen wurden von den Behörden zwar verboten, religiöse Versammlungen und zahlreiche private Anlässe wie Familienfeiern wurden dennoch durchgeführt. Diese Missachtung der Social-Distancing-Regeln habe mit einer Verzögerung (Inkubationszeit) zur plötzlichen Explosion bei den Ansteckungen geführt, schreiben Forscher vom Israel Institute for Biological Research in einem neuen Papier.

Die Studienresultate sind eine Warnung vor geplanten Osterfesten oder Familienessen bei uns. «Die Erkenntnisse lassen sich auf alle Ereignisse übertragen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, insbesondere in geschlossenen Räumen», schrieb einer der Forscher der «NZZ am Sonntag». Die Studie offenbare, dass auch nur ein kurzer Lapsus in der Befolgung der Eindämmungsmassnahmen einen dramatischen Effekt auf die öffentliche Gesundheit haben könne.

Von der Party direkt auf die Intensivstation

Dieser Effekt zeigte sich auch eindrücklich in Belgien. Bevor am 14. März landesweite Ausgangsbeschränkungen in Kraft traten, fanden an verschiedenen Orten sogenannte Lockdown-Partys statt. Vor allem junge Menschen trafen sich zu privaten Feiern, um die Freiheit und die sozialen Kontakte, so wie wir es kennen, noch einmal richtig zu geniessen.

Dass sie dabei nicht an die Gesundheit dachten und Abstandsregeln ignorierten, zeigte sich knapp zwei Wochen später. «Etliche Jugendliche, die an solchen Partys teilgenommen haben, liegen nun auf den Intensivstationen», sagte der belgische Virologe Marc Van Ranst am 26. März dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender VRT. Die Infektionen hatten nach dem Lockdown deutlich zu- statt abgenommen.

Die Schweizer Behörden hoffen, dass solche Partys sowie auch grosse Familienfeste an diesem Wochenende ausbleiben. Verhindern können werden sie es nicht. Wenn Restaurants, Bars und Clubs geschlossen sind, wollen viele Menschen Ostern zumindest an privaten Anlässen feiern oder Ausflüge machen (lesen Sie dazu auch: Vier Dinge, die zwar nicht verboten sind, auf die man wegen der Corona-Krise aber trotzdem verzichten sollte).

Und so bleibt dem Bundesrat nur eins: an die Vernunft zu appellieren und die Bevölkerung aufzufordern, das bisher Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen. «Besonders an Ostern ist es wichtig, zu Hause zu bleiben. Wir sind in einer schwierigen Phase der Epidemie», sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Mittwoch vor den Medien. Nur mit Einhaltung der Distanz- und Hygieneregeln auch an diesem Wochenende sei die geplante Lockerung ab Ende April möglich.