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Entführung von deutscher Kuratorin im IrakSie mache ja nur Kultur, sagte sie

Die deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis ist in Bagdad entführt worden. Für die junge irakische Künstlerszene ist sie ein Geschenk – für andere offenbar eine Provokation.

Sie fühlte sich in Bagdad sicher: Hella Mewis auf dem Dach des von ihr gegründeten Kulturzentrums Beit Tarkib.
Sie fühlte sich in Bagdad sicher: Hella Mewis auf dem Dach des von ihr gegründeten Kulturzentrums Beit Tarkib.
Foto: Theresa Breuer

Mit Hella Mewis durch Bagdad zu gehen, hiess, eine Verwandlung zu erleben. Die meterhohen Betonmauern verschwanden, der Hass zwischen Konfessionen und Ethnien ebbte ab. Bombenanschläge und Terror traten in den Hintergrund. Zum Vorschein kam eine Stadt voller Inspiration und Freundschaft, kreativ, solidarisch und frei. Die Berliner Kulturmanagerin und Kuratorin Hella Mewis war nach Bagdad gezogen, als Scharen von Irakern in die umgekehrte Richtung aufbrachen. Bagdad sei ihre Heimat, sagte sie lange, hier fühle sie sich so sicher wie nirgendwo sonst. Sie mache ja nur Kultur. Der Politik mit ihren Machtkämpfen und Winkelzügen halte sie sich fern. Sie sammelte Geld für Kollegen, die bei Anschlägen verwundet wurden. Nur sie selbst tat in einer der gefährlichsten Städte der Welt jahrelang so, als sei da nichts. Überflüssig zu sagen: Kopftuch trug sie fast nie.

So war es. So wird es wohl nie wieder sein. Hella Mewis ist am Montag in Bagdad entführt worden. In der Nähe des Kulturzentrums «Beit Tarkib» sei sie mit dem Velo gefahren, als sich Bewaffnete in zwei Autos näherten und sie verschleppten, so irakische Sicherheitskräfte. Die Aufnahmen der Überwachungskameras werden gerade ausgewertet.

Die mit Hella Mewis befreundete irakische Aktivistin Zikra Sarsam bei einer Pressekonferenz.
Die mit Hella Mewis befreundete irakische Aktivistin Zikra Sarsam bei einer Pressekonferenz.
Foto: Keystone

Man muss nicht mehr wissen, um zu erkennen: Unter Sicherheitsaspekten ist diese Frau ein Albtraum. Für die junge irakische Künstlerszene aber ist sie ein Geschenk. Sie kuratiert Ausstellungen, hat immer eine Handvoll Projekte in Arbeit und noch mehr in Planung, und sie schuf mit «Beit Tarkib» (frei übersetzt: Haus der künstlerischen Montage) einen Raum, in dem vieles ging, was in Bagdad unvorstellbar war. Theaterinszenierungen über Frauenschicksale. Fotoausstellungen zu aktuellen Themen. Workshops. Yoga-Drama-Therapie. Sie veranstaltete Samstagskonzerte mitten in der Stadt, auf verfallenen Boulevards in glühender Hitze, organisierte den «Baghdad Walk», bei dem Künstler die Strasse zur Galerie machen. Der deutsch-irakische Schriftsteller Najem Wali ist ein regelmässiger Gast im «Beit Tarkib»: «Sie bewegt sehr viel, sie hat den jungen Künstlern eine Heimat gegeben, die mit dem irakischen Staat nichts anfangen können.»

Der politische Taumel des Irak hatte auch sie erfasst

Aber der politische Taumel des Irak hat inzwischen auch Hella Mewis erfasst. Als junge Iraker im vergangenen Herbst auf dem Tahrir-Platz in Bagdad gegen Korruption, die Willkür der Milizen und den Einfluss Irans protestierten, erlebte sie die Gewalt des Staates. Mitte Oktober verschickte sie eine verzweifelte Mail, in der sie von «Massenexekution» und einem «Riesenblutbad» schreibt, von Gewehrsalven, von der Vorbereitung auf einen «kriegsähnlichen Zustand». Sie klang tief beunruhigt, vielleicht zum ersten Mal in Bagdad.

Hella Mewis, unterwegs auf dem Tigris.
Hella Mewis, unterwegs auf dem Tigris.
Foto: Keystone

Und doch: Warum Hella Mewis? Warum jetzt? Ist es die Rache der im Herbst öffentlich kritisierten Milizen? Wollen sie die Regierung mit der Entführung einer Ausländerin blossstellen? Vor wenigen Wochen hat Deutschland die schiitische Hisbollah zur Terrorgruppe erklärt und ihr die Betätigung verboten. Wurde Hella Mewis zur Geisel im geopolitischen Ringen zwischen Berlin, Bagdad und Teheran?

Deutschland hat einen Krisenstab eingerichtet. Hella Mewis' Facebook-Account ist unauffindbar. Dafür gibt es auf Twitter einen neuen Hashtag: #freehella.

6 Kommentare
    Klaus Weber-Fink

    Und welche Kultur gibt es da zu vermitteln?